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freier Journalist, Buchautor

Die Entdeckung der Nilquellen

Reisebericht von John Hanning Speke

Die Suche nach den Quellen des Nils hat eine unglaublich lange Geschichte. Alexander der Große beschäftigte sich bereits mit dem Thema, Ptolemäus II. schickte eine Expedition den Blauen Nil hinauf, der Römische Kaiser Nero ließ zwei Zenturionen mit ihren Hundertschaften den Weißen Nil Flussaufwärts folgen und im 19. Jahrhundert entbrannte zwischen den europäischen Reisenden und Entdeckern ein wahrer Wettlauf ins Innere Afrikas, um dem Ursprung des „wohl berühmtesten Flusses der Menschheit“ auf die Spur zu kommen. Einer der Reisenden war der Brite John Hanning Speke, der für sich in Anspruch nehmen kann, eine Nilquelle in Form des Abflusses aus dem Victoria-See als erster Europäer gesichtet zu haben.

Im Dienste der Royal Geographic Society

Speke war, wie viele Entdeckungsreisende, ein Offizier der britischen Armee, der bereits während seiner Dienstzeit in Indien Erkundungsausflüge in den Himalaya, zum Mount Everest und nach Tibet unternahm. Nachdem Speke auf seiner zweiten Afrikareise als erster Europäer den See erreichte, den er zu Ehren der damaligen Britischen Königin Victoriasee nannte, bestätigte er im Rahmen seiner dritten und letzten Afrikaexpedition die Existenz des Nilausflusses aus dem größten See Afrikas. Hintergrund dieser Reise war der Streit um die genaue Verortung der Nilquellen zwischen Speke und Richard Burton, seinem Kollegen auf den ersten beiden Afrikareisen. Während nämlich Burton seine Entdeckung, den Tanganjikasee, für die Quelle des legendären Flusses hielt, bestand Speke auf dem von ihm entdeckten Gewässer als Nilquelle. 1859 entschied der Vorsitzende der Royal Geographic Society, Speke noch einmal nach Afrika zu schicken, um dessen Vermutung durch Augenschein zu bestätigen.

Entdeckungen im Spannungsfeld indigener Ränkespiele

Am 17. November 1661 erreichte Speke von Sansibar aus die Grenze des Reiches Karagwe, um schließlich acht Tage später, sicher geleitet von dessen Untertanen, den König Rumanika in seinem Palast persönlich zu treffen. Am 17. November 1661 beginnt auch der in der Edition Erdmann herausgegebene und mit einer Einleitung des Übersetzers, Niels-Arne Münch versehene Reisebericht Spekes. Ganz bewusst konzentriert sich die Erdmann-Ausgabe auf die Aufenthalte Spekes an den Regierungssitzen der innerafrikanischen Königreiche. Hier verbringt der Reisende tatsächlich einen großen Teil der Zeit seiner Expedition, wenn auch nicht ganz freiwillig. Denn auch, wenn Speke immer wieder seine moralische Überlegenheit und Autorität herausstellt, ohne die Zustimmung und Unterstützung der regionalen indigenen Machthaber geht zu dieser Zeit in der zentralafrikanischen Region auch für Europäer gar nichts. Und die verfolgen durchaus ihre eigenen machtpolitischen und gesellschaftlichen Interessen und Ziele.

Das europäische Bild des afrikanischen Despoten

Speke versucht, die afrikanischen Herrscher mit der Macht seiner Königin und der Größe des britischen Empire zu beeindrucken, deren Machtelite er vorgibt anzugehören. Und doch wird er von den afrikanischen Königen hinsichtlich der Unterstützung seiner Reise hingehalten, behindert, für deren politische Zwecke instrumentalisiert und gewissermaßen ausgenommen. Das interessante an Spekes Bericht ist letztendlich dessen Interpretation der Ereignisse, und die damit verbundene Bewertung der moralischen und intellektuellen Fähigkeiten seiner Gastgeber. Es sind nicht in erster Linie die natürlichen Gegebenheiten, die eine Expedition in den (Europäern) unbekannten Schwarzen Kontinent so mühsam machen, sondern die Abhängigkeit von weitgehend unverstandenen kulturellen und politischen Zusammenhängen und Prozessen im nie als solches begriffenen Gastland. Diese mentalen Grenzen europäischer Betrachtungsweisen scheinen Speke allerdings gelegentlich selbst aufzufallen, etwa wenn er zwischen den Zeilen das Gefühl äußert, dass ihm Informationen und Sachverhalte vorenthalten werden oder dass sich im Hintergrund unverstandene politische Prozesse innerhalb und außerhalb des Palastes abspielen. Selbstzweifel an der grundsätzlichen europäischen Überlegenheit kommen allerdings nicht auf.

Spannendes zwischen den Zeilen

Wie aus der Einleitung von Niels-Arne Münch hervorgeht, verbirgt sich zwischen den Zeilen oder besser im von Spekes Verleger bearbeiteten und gekürzten Originalmanuskript gewissermaßen eine zweite, persönlichere Ebene. Der Abenteurer war sich nämlich nicht zu schade, „sich mit den Einheimischen ernsthaft einzulassen und auch in ihrem Alltag teilzunehmen – etwa an Saufgelagen am Hofe der Königin“. Tatsächlich, so erfährt der Leser beispielsweise in einer Fußnote zum offiziellen, vom Verleger viktorianischen Moralvorstellungen angepassten Text, verbarg sich hinter der „väterlichen Beziehung“ zu einer vom König geschenkten Sklavin eine veritable erotische Liebesgeschichte. Die von Speke im Original offen dargestellten intimen Bedürfnisse von König und Königin fallen ebenfalls der viktorianischen Anpassung zum Opfer. Und so ist „Die Entdeckung der Nilquellen“ alles in allem mehr als einer der üblichen Reiseberichte, dessen Lektüre sich trotz einiger Längen (die der Dokumentation der permanenten königlichen Hinhaltetaktiken und Machtdemonstrationen geschuldet sind) durchaus lohnt. Die In den Umschlagseiten abgebildeten Karten der drei Afrikareisen Spekes sind hinsichtlich der Orientierung des Lesers nicht wirklich gelungen. Viele der im Bericht aufgeführten Ortsnamen, tauchen in den Karten nicht auf und eine zeitliche Zuordnung der einzelnen Stationen auf den Reiserouten gibt es leider ebenfalls nicht.

John Hanning Speke: Die Entdeckung der Nilquellen. Am Victoriasee. Edition Erdmann 2019, Gebunden mit Schutzumschlag, 365 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

Die Peking

Ein Flying P-Liner kehrt nach Hamburg zurück
Sie ist nicht der einzige der Flying P-Liner, der den Zahn der Zeit überstanden hat. Dennoch ist die Viermastbark Peking ein bedeutendes Denkmal der Seefahrtsgeschichte. Im Sommer 2017 erreichte der marode Segler nach seiner Atlantiküberquerung huckepack im Dockschiff seinen ursprünglichen Heimathafen Hamburg. Hier wird es in den Originalzustand zur Zeit seines Stapellaufes 1911 versetzt und als Museumsschiff Teil des geplanten Hamburger Hafenmuseums werden. Das OCEANUM-Special „Die Peking“ beleuchtet alle Facetten der Geschichte und Gegenwart des bemerkenswerten Handelsseglers, der immerhin siebzehn mal das
legendäre Kap Hoorn umrundete. Lesen Sie weiter auf Marexpedi

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

Schifffahrtszyklen

von den Kindertagen der Globalisierung bis in die Zukunft
Schifffahrtszyklen: Mit dem Begriff, der so vermeintlich einfach daherkommt, zeichnen die Autoren des Buches das Bild einer komplexen, von ökonomischen, politischen und sozialen Aspekten geprägten Geschichte des globalen Seehandels, die gewissen zyklischen Regelmäßigkeiten zu folgen scheint. Immerhin drei langfristige Trends und 22 kurze Zyklen der Schifffahrt, deren Ursachen und Entwicklungen haben Volkswirt Dr. Thomas Straubhaar und Wirtschaftshistoriker Dr. Franz Wauschkuhn in ihrem Buch beschrieben. Für die Zukunft des Welthandels kommen sie dabei zu interessanten Ergebnissen. Lesen Sie weiter auf Marexpedi

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

Elefant

Graue Riesen in Natur und Kultur

Dem größten noch lebenden Landsäugetier widmet das Knauf-Museum Iphofen vom 31. März bis 10. November 2019 eine Sonderausstellung und einen Begleitband, der sich vor allem mit den kulturgeschichtlichen Aspekten der grauen Riesen befasst. Die meisten Menschen kennen das Rüsseltier als Elfenbeinlieferant, Publikumsmagnet in Zoos und leider immer noch aus dem Zirkus. Auch in freier Wildbahn kann man den Dickhäuter mit der sieben Millionen Jahre alten Ahnenreihe noch beobachten und natürlich findet man ihn auch auf der Liste der bedrohten Tierarten. Die Autoren der Aufsatzsammlung „Elefant“ entführen den Leser in die in mehrfacher Bedeutung aufregende Welt der Mensch-Elefant-Beziehung von der letzten Eis- bis in die heutige Zeit.

Evolution und Biologie der Elefanten

Das Kapitel zur Evolutionsgeschichte und Biologie des Elefanten umfasst gerade einmal 14 Seiten, hat es aber durchaus in sich. In Wort und Bild erhält der Leser hier zunächst einen gut verständlichen Abriss der Evolutionsgeschichte, um anschließend mit den wesentlichen körperlichen Merkmalen der Rüsseltiere vertraut gemacht zu werden. Allein die Informationen zu den Stoßzähnen bergen so manche Überraschungen, ebenso wie die zum Gebiss oder zum Schädel. Hier wird nicht nur beschrieben, sondern auch die evolutionären Hintergründe erklärt. Und haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie eigentlich die Elefantendusche funktioniert?

Mensch-Elefanten-Beziehung Zwischen Verehrung, Erniedrigung und Ausrottung

Keiner der fünfzehn Beiträge ist übermäßig lang und doch gelingt es den Autoren jeweils einen tiefen Einblick in den jeweils behandelten Aspekt zu vermitteln. Der Beitrag „Dem illegalen Handel auf der Spur“ beispielsweise stellt nicht nur den Status der Elfenbeinwilderei und des illegalen Handels dar, sondern zeigt auf, wie mittels Isotopenanalysen die Herkunft von konfisziertem Elfenbein bestimmt, Schmuggelrouten nachverfolgt und das Alter der gehandelten Stoßzähne festgestellt werden kann. Elfenbein steht in Form einer Mammutgravur auf einem Stoßzahnfragment auch im Mittelpunkt des Aufsatzes „Giganten der Eiszeit“. Hier deutet sich bereits das zwiespältige Verhältnis zwischen Mensch und Elefant an: Einerseits Fleisch- und Rohstofflieferant, andererseits verehrtes, sogar göttliches Wesen.

Die Antike und ihre Elefanten

Wer kennt sie nicht, die Geschichte, wie Hannibal mit seinen Kriegselefanten über die Alpen zieht? Dr. Dorothee Schäfer vom Museum Fünf Kontinente ist in ihrem Aufsatz Wo sind Hannibals berühmte Elefanten geblieben? sowohl den historischen Hintergründen, als auch den Dickhäutern des karthagischen Feldherrn auf der Spur. Ganze Heere von Kriegselefanten durchziehen die afrikanische und asiatische Geschichte und wenn die grauen Riesen am Ende auch nicht mehr Kriegsentscheidend, sondern vor allem Prestigeobjekte der jeweiligen Herrscher waren, ihre Faszination bleibt bis heute ungebrochen. Und während die biologischen Vertreter ihrer Art in Schlachten und als Arbeitstiere verbraucht wurden, erfuhren ihre transzendenten Artgenossen in den östlichen Religionen göttliche Verehrung. Wenigstens blieb ihnen das abgeschlachtet werden in römischen Arenen weitgehend erspart, die Tötung von Elefanten während der so beliebten Tierhatzen kam nämlich beim Publikum gar nicht gut an.

Elefanten in der Unterhaltungsindustrie

In Mitteleuropa taucht der Elefant in historischen Zeiten zunächst als recht phantastische Kreatur in mittelalterlichen Publikationen auf. Erst mit den Menagerien, Zirkussen und Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhundert wurde der Elefant auch hierzulande erlebbar. In unserer Erlebniswelt konnten wir das faszinierende Wesen dabei vor allem als mit textilem und metallenem Schmuck überladenes exotisches Reittier bewundern oder seine unbändige Kraft bei seiner Vorführung als Arbeitselefant bestaunen. Und natürlich sind vielen Lesern noch die entwürdigenden Zirkusschauen mit den unter Zwang andressierten „Kunststücken“ in Erinnerung. Dieses Vorführen und die nicht artgerechte Haltung (über die natürlichen Lebensbedingungen der Elefanten gibt Wolfgang Stein am Ende des Buches unter „Die grauen Riesen in Zahlen und Fakten“ Auskunft) ist in der zirzensichen Unterhaltungsindustrie leider immer noch an der Tagesordnung.

Der Elefant in den mitteleuropäischen Erlebniswelten

Mit seinen persönlichen Erinnerungen an die Elefantenparade eines Zirkus, der 1981 nach Würzburg kam, führt der Leiters des Knauf-Museums übrigens in seinem Vorwort in das Thema ein. Am Ende der spannenden Zeit- und Kulturreise, findet sich der Leser im Rahmen eines Interviews mit dem Elefantenpfleger Navin Adami schließlich im Münchener Tierpark wieder. Eine wirkliche gelungene Darstellung der Kulturgeschichte des Elefanten.

Markus Mergenthaler, Wolfgang Stein (Hrsg.): Elefant. Graue Riesen in Natur und Kultur. Nünnerich-Asmus 2019. Gebunden 211 Seiten.

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Geschichte unserer Umwelt

66 Reisen durch die Zeit

Wenn Sie dem Geschwurbel von Politikern von der Möglichkeit des Erreichens eines Klimaziels Glauben schenken, sollten Sie sich das Buch von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork zu Gemüte führen. Denn die dritte Auflage ihres 2014 erstmals erschienenen, um sechs Reisen erweiterten und überarbeiteten Buches Geschichte unserer Umwelt stellt mit seinen Reisen in die Vergangenheit klar, welche Kräfte und Einflüsse tatsächlich über das Wohl und Wehe der Menschheit bestimmen.

Es ist inzwischen beinahe eine Binsenweisheit: Die Eingriffe des Menschen in die Natur bleiben – je nach Intensität – nicht ohne Folgen für das jeweilige Ökosystem. Die Reisen der AutorInnen in die Vergangenheit veranschaulichen aber wesentlich mehr als diese einfache Wahrheit. Denn es ist eben nicht nur der Mensch, der gestaltend auf die Umwelt einwirkt, zwischen Mensch und Umwelt existiert eine oft genug unberechenbare Wechselwirkung. Im Nachhinein lassen sich diese Wechselwirkungen aus anthropozentrischer Perspektive als ökonomische, ökologische oder gesellschaftliche Katastrophe oder auch als gelungenes Beispiel für nachhaltiges Wirken begreifen. Und so reist der Leser in die Vergangenheit und um den ganzen Globus, um zunächst die Auswirkungen natürlicher Ereignisse wie beispielsweise Vulkanausbrüche, Pestepidemien Klimaveränderungen oder Hochwasser, Sturmfluten und Folgen seismischer Aktivitäten auf die menschliche Population im Allgemeinen, und deren gesellschaftliche Organisation im Besonderen kennenzulernen. Bereits hier wird eine der Kernaussagen des Buches deutlich: Es ist ein ewiger Kreislauf von Aktion, Folge und Reaktion, dessen Ergebnis nicht vorhersagbar ist, dessen Risiken und Möglichkeiten aber in der Betrachtung der Vergangenheit sichtbar werden.

Oft war es anders als die Geschichtsbücher lehren

Im gewissen Sinne darf auch der Mensch als Naturereignis begriffen werden. Denn seine gesellschaftliche Entwicklung, seine Nahrungsproduktion, seine Wohn- und Lebensbedürfnisse haben immer wieder direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Ökologische Systeme werden verändert, das Klima wird beeinflusst, geologische und hydrologische Strukturen genutzt, verändert, zerstört. Bei den im Kapitel Mensch und Natur in Agrargesellschaften präsentierten Aufsätzen liefern die AutorInnen allerdings auch Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft und Bodennutzung, die inzwischen allerdings weitestgehend der Globalisierung und dem ökonomischen Primat zum Opfer gefallen sind. Egal ob die Osterinsel, die Niederlande, eine präkolumbianische Kultur im Amazonasgebiet, die Geschichte des Umgangs mit Wasser und Fäkalien in japanischen Städten, oder die Landwirtschaft der grönländischen Wikinger, den AutorInnen gelingt es immer wieder, den Leser zu überraschen und scheinbar Bekanntes in Frage zu stellen.

Transformation des Victoriasees

Nicht anders stellt es sich in den Essays dar, die sich mit Transport, Handel und Umwelt insbesondere seit der Frühneuzeit befassen. Da geht es um Baumwolle, Plantagenwirtschaft und invasive Arten, die Folgen der chemischen „Wundermittel“ in der Landwirtschaft und der völligen Veränderung gewaltiger Ökosysteme, wie das Beispiel des Transformation des Victoriasees in kolonialer und postkolonialer Zeit zeigt (innerhalb gerade einmal 50 Jahre). Viele unterschiedliche Faktoren wie die Entwaldung des umgebenden Landes, Erosion und Düngemitteleintrag, Aussetzen fremder Fischarten, Aufbau einer Fischmehlindustrie und anderes mehr führten dazu, dass heute rund 200 Fischarten ausgestorben sind, durch die ungebremsten Eintrag von Phosphaten der See umzukippen droht und damit Millionen Menschen, die vom See und seinem Wasser abhängig sind, ihren Lebensunterhalt verlieren und zu Umweltflüchtlingen werden könnten.

Grundsätzliches gesellschaftliches Umdenken erforderlich

Die koloniale Wirtschaft nahm keine Rücksicht auf die Umwelt. Die Ökonomie war (und ist es weitgehend bis heute) auf maximale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet. Bei den Aufsätzen dieses wie auch des folgenden Abschnitts (Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise) wird immer deutlicher, dass nicht nur der rücksichtslose Umgang mit der Natur, sondern vor allem auch die Globalisierung der Ausbeutung auf eine ökologische Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes zusteuert. Die Folgen der immer massiveren Eingriffe in die Umwelt sind nicht mehr berechenbar, Bewältigungsstrategien unliebsamer Folgen verstärken in der Regel die Probleme, der Mensch hat eine gewaltige Risikospirale in Bewegung gesetzt. Die AutorInnen beschränken sich in ihren Ausführungen nicht nur auf ökologische und ökonomische Aspekte. Gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse, Politik, kulturelle Ausformungen, soziale Verhältnisse, philosophische Fragen und vieles mehr ziehen sich hintergründig durch die einzelnen Essays und sind zentrale Elemente sowohl des einführenden Zeitreiseführers als auch des ungemein wichtigen Abschlussbeitrags Auf dem Weg zur vorsorgenden Gesellschaft?. Sehr eindrucksvoll hier der Abschnitt Auf dem Weg zu einer vorsorgenden Gesellschaft, der die aktuellen neoliberalen Vorstellungen von gesellschaftlichem Handeln auf den Kopf stellt.

Eine Pflichtlektüre für Zukunftsorientierte

Das Buch hat mich mit seiner klaren, verständlichen Sprache, den spannenden Beispielen mit auch für den historisch gebildeten Laien oft genug überraschenden Informationen und den aufregenden (aber unaufgeregten) Schlussfolgerungen, schwer beeindruckt. Es sollte Pflichtlektüre für Politik und Wirtschaft aber auch für alle Technologiegläubigen, Arbeitsplatz- und Wachstumsfetischisten und jene sein, die glauben, die komplexen und noch gar nicht wirklich erfassten Wechselwirkungen zwischen den Systemen Gesellschaft und Natur, seien auch nur ansatzweise beherrschbar.

Verena Winiwarter, Hans-Rudolf Bork: Geschichte unserer Umwelt. 66 Reisen durch die Zeit. wbg Theiss 2019. Gebunden, 208 Seiten

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Eingeordnet unter Allgemein, Geschichte im Querschnitt, Rezension

Spiel des Lebens

Wie der Mensch die Natur und sich selbst zähmte

Hunde, Weizen, Rinder, Mais, Kartoffeln, Hühner, Reis, Pferde und Äpfel: Der Mensch zähmte sie alle – und sie alle zähmten den Menschen. Der Begriff „Zähmen“ in Verbindung mit Mais oder Äpfeln erscheint zunächst ein wenig ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher wirkt es, wenn Alice Roberts beispielsweise behauptet, dass etwa Hühner oder Äpfel den Menschen zu „zähmen“ in der Lage waren. Tatsächlich kommt es auf die Perspektive an, und die ist in diesem Buch zusammen mit den Fakten durchaus faszinierend.

Wann war ein Hund ein Hund

Alice Roberts beginnt mit den Arten, deren Domestikationsgeschichte wir glauben, am besten zu kennen. Am Anfang ihrer Betrachtungen steht der Hund. Der, so wissen wir, wurde etwa vor 12.000 bis 14.000 Jahren domestiziert, also als Wolf eingefangen, oder als Wolfswelpe in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen, gezähmt und im Rahmen gezielter Selektion nutzbar gemacht. Bei Alice Roberts Spurensuche nach Zeitpunkt, Ort und Evolution des Haushunds, wird deutlich, wie komplex die Entwicklung tatsächlich war und wie beschränkt und selbstgefällig – das gilt auch für die anderen Domestikationsbeispiele – unsere Vorstellungen von der Rolle des Menschen in der Natur doch sind. Eine zentrale Frage, der sich Roberts widmet ist: „Wann war ein Hund ein Hund?“ oder wann entwickelte sich die menschenbezogene Unterart des Wolfes, Canis lupus familiaris und was macht ihn genetisch aus?

Vielschichtige Spurensuche

Aber die Medizinerin, Paläopathologin und Anthropologin eröffnet dem Leser bei der Spurensuche nicht nur die Welt der Genetik, sondern auch der Archäologie, Archäobotanik oder Biologie. Und schnell wird deutlich, dass die genetischen Analysemethoden trotz aller Fortschritte lediglich ein Instrument, ein Lieferant von Daten sind, die in Zusammenhang mit anderen Quellen interpretiert werden müssen. Aus sich heraus liefern die Genome zwar oft sehr wertvolle Informationen, aber eben keine Antworten auf die Fragen zu den komplexen Wechselwirkungen in der Natur oder zu historischen Abläufen. Deren interdisziplinäre Erschließung macht den Reiz dieses Buches aus, das sowohl mit überraschenden Erkenntnissen als auch mit anregenden Gedanken zu den aktuellen Fragen der Gesellschaft zu Klimawandel, Umgang mit Tieren und nicht zuletzt der modernen Landwirtschaft oder der Gentechnik aufwartet. Diese Überlegungen, die im 10. Kapitel über die Domestizierung des Menschen selbst stattfinden, basieren letztendlich auf den Erkenntnissen der zuvor entwickelten neun Domestizierungsbeispiele, aber sie geben glücklicherweise keine abschließende Antwort.

Der Mensch ist heute abhängiger von der Natur denn je

Denn die Mensch-Natur-Beziehungen waren (und werden es wohl auch bleiben) immer geprägt von Zufällen und unerwarteten Anpassungsprozessen, denen sich auch der Mensch ausgesetzt sieht. So hat sich der Mensch innerhalb der letzten Jahrzehntausende in Zusammenhang mit der Kooperation mit pflanzlichen und tierischen Arten physiologisch, sozial und mental verändert, ebenso wie seine „Kooperationspartner“. Getreide beispielsweise passte sich im Rahmen der „natürlichen Auslese“ den menschlichen Bedürfnissen an, noch bevor es zu einer Kulturpflanze als menschliche Nahrungsgrundlage wurde. Umgekehrt musste sich der menschliche Organismus umstellen, um die „neue Kost“ verarbeiten zu können. Systematischer Ackerbau zur Sicherung dieser Nahrungsgrundlage erforderte gravierende gesellschaftliche Anpassungen. Bis heute hat sich eine unauflösbare gegenseitige Abhängigkeit zwischen den ursprünglichen, bestenfalls als Notnahrung dienenden Gräsern und den ehemaligen Jägern und Sammlern ergeben. Heute kann der Mensch ohne Getreide nicht mehr leben und das domestizierte Getreide hätte – im Gegensatz zu seinen wilden Urahnen – ohne den Anbau durch den Menschen keine Verbreitungs- also Überlebensmöglichkeit mehr.

Wir sind alle voneinander abhängig

Diese gegenseitige Abhängigkeit zieht sich durch alle Beispiele des Buches und gibt in vielerlei Hinsicht zu denken. Denn Alice Roberts zeigt, dass „… die Geschichte einer Art … niemals für sich genommen erzählt werden (kann). Jede Art existiert in einem Ökosystem, wir sind alle miteinander verbunden und voneinander abhängig.“ Tatsächlich hört man diese Aussage vor allem von Arten- und Naturschutzorganisationen und -bewegten des Öfteren. Was diese Aussage aber tatsächlich bedeutet, erschließt sich in überzeugender und teilweise auch bestürzender Weise durch dieses Buch. Bestürzend deshalb, weil unsere Gesellschaften und die Politik die verhängnisvolle Hybris der Tierart Homo sapiens noch längst nicht abgelegt haben.

Alice Roberts: Spiel des Lebens. Wie der Mensch die Natur und sich selbst zähmte. wbgTheiss 2019. Gebunden mit Schutzumschlag, 374 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

Neuerscheinung: Rotbarts wilde Verwandte

zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens

ein Buch von GeschiMag-Autor Wolfgang Schwerdt

Marmorkatze, Sumatratiger, Leopard, Nebelparder oder Schwarzfußkatze. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind vom Aussterben zumindest in freier Wildbahn bedroht. Bereits seit der Entstehung der ersten Zivilisationen werden sie verehrt und verfolgt, ausgerottet und vergöttert. Aber erst mit der europäischen Expansion, der Globalisierung wird mit zunehmender Geschwindigkeit ihre natürliche Lebensgrundlage überall auf der Welt unwiederbringlich zerstört.
„Rotbarts wilde Verwandte“ ist eine kulturgeschichtliche Reise von der Frühzeit über das 17. Jahrhundert, in dem der Prozess der Globalisierung bereits im vollen Gange war, in die Neuzeit bis hin zu den aktuellen Herausforderungen, denen sich der Arten- und Habitatschutz angesichts der sogenannten sixth extinction, also dem sechsten Massenartensterben der Erdgeschichte zu stellen hat. Der Leser taucht dabei ein in die Welt von göttlichen Herrschern, Kulturheroen, menschenfressenden Raubkatzen, skrupellosen Geschäftemachern, historischen Ausrottungskampagnen und schießwütigen Naturforschern. Denn die Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens ist geprägt von Gier und Machtbesessenheit, wissenschaftlicher Leidenschaft, religiösen Überzeugungen und einer gehörigen Portion Dummheit der Tierart, die sich in ihrer Hybris selbst als Homo sapiens, also als weise und vernünftig bezeichnet.

Wolfgang Schwerdt: Rotbarts wilde Verwandte. zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens. Bod 2019. Taschenbuch, 184 Seiten, mehr als 60 Illustrationen drunter rund 40 farbig. ISBN 9783739249742

Zum Blick ins Buch bei Bod

Mehr zu Buch und Autor: https://rotbartsaga.com/2018/05/14/neues-buchprojekt-rotbarts-wilde-verwandte/ und https://wolfgangschwerdt.wordpress.com/

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Heilsam, kleidsam, wundersam

Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen

Einen Eindruck von der Vielfalt der Nutzung von Pflanzen in der Jungsteinzeit vermittelt das jüngst erschienene Sonderheft 15/2019 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Dabei machen sich die Autoren Erkenntnisse der sogenannten Archäobotanik zunutze, die unter anderem in 20 ausgewählten Feuchtbodensiedlungen im Alpenvorland gewonnen und im Rahmen experimenteller Archäologie interpretiert wurden. Weiterlesen

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Eingeordnet unter 1 Frühzeit, Archäologie, experinemtelle Archäologie, Rezension

Ausgestorbene Säugetierarten der Kaiman-Inseln neu entdeckt

Illustration einer Bahama-Ratte (c) Mark Catesby

Ein Expertenteam der Zoologischen Gesellschaft Londons (Zoological Society of London, ZSL), des Amerikanischen Museums für Naturgeschichte und des New Mexico Museums für Naturgeschichte fand bei Knochenuntersuchungen aus Sammlungen britischer und amerikanischer Museen Fossilien bislang unbeschriebener Arten, die noch bis vor rund 300 Jahren die Kaiman-Inseln bevölkert hatten. Bei den Relikten der ausgestorbenen Arten handelt es sich um Knochen, die ursprünglich wohl von Krokodilen auf den Kaimans verdaut worden sind. Wie das Team am 04.03.2019 im Bulletin des Amerikanischen Museums für Naturgeschichte publizierte, fand es zwei neue Baumrattenarten (Capromys pilorides lewisi und Geocapromys caymanensis) und ein kleines spitzmausartiges Säugetier (Nesophontes hemicingulus). Bei den drei Tieren handelt es sich um ehemalige auf den Kaiman-Inseln endemische Arten, die, wie die Wissenschaftler vermuten, um etwa 1700 im Rahmen der Ankunft europäischer Siedler und deren Einführung von Ratten, Hunden und Katzen, ausgerottet wurden.

Die untergegangene Welt der karibischen Fauna

Capromyid oder hutia Fossilien die von Kuba-Krokodilen verdaut worden sind, gefunden im Queen Elizabeth II Botanic Park, Grand Cayman (c) NMMNH

Bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse erklärte Professor Samuel Turvey vom ZSL: „Menschen sind höchstwahrscheinlich für das Aussterben dieser neu beschriebenen Säugetiere verantwortlich und das ist nur die Spitze des Eisbergs des Säugetiersterbens in der Karibik.“ So seien, wie Turvey ausführte, nahezu alle Säugetierarten dieser tropischen Inselwelt einschließlich der einheimischen Faultiere und Affen im Laufe der letzten Zeit verschwunden. Es sei lebenswichtig, die Faktoren zu verstehen, die für das Aussterben von Inselarten in der Vergangenheit verantwortlich sind, weil zahlreiche vom Aussterben bedrohe Arten auf Inseln zu finden sind. Die Handvoll karibischen Arten. die noch existieren, seien die letzten Überlebenden einer einzigartigen untergegangenen Welt und repräsentierten einige der weltweit wichtigsten Naturschutzziele.

Die Ratten und kleinen Biester des Sir Francis Drake

Kubanische Baumratte Capromys pilorides, nächste lebende Verwandte der neu beschriebenen Säugetiere (c) Nancy Albury

Bei den Tieren, die von Sir Francis Drake bei seinem Besuch der Kaiman-Inseln 1586 als „Ratten“ und „kleine Biester wie Katzen“ beschrieben wurden, könnte es sich um die jetzt ausgestorbenen Capromys oder Geocapromys gehandelt haben. Trotz der großen maritimen Barriere, die die Kaimans von den anderen Karibikinseln trennt, ähneln die in der Studie beschriebenen Tiere denen auf Kuba. Und andere Unterarten der Baumratten haben auf Kuba bis heute überlebt. Möglicherweise sind die Kaimans ursprünglich von Säugetieren besiedelt worden, die auf treibenden Ästen von Kuba aus die Inseln erreicht haben. Immerhin konnte beobachtet werden, dass solche natürlichen „Vegetationsflöße“ rund 100 Kilometer in weniger als einer Woche zurücklegen können.

Die Zeit der Entdeckung neuer Arten ist noch längst nicht vorbei

Professor Ross MacPhee von der Säugetierabteilung des American Museum of Natural History, ein Koautor der Studie sagte: „Obwohl man glauben könnte, dass die große Zeit der biologischen Entdeckungen längst vorbei sind, ist das Gegenteil der Fall. Bei nur einer einzigen möglichen Sichtung in der Frühzeit der europäischen Expansion in die Neue Welt waren die kleinen Säugetiere der Kaimans bis zur heutigen Entdeckung ihrer Fossilien völlig unbekannt. Ihre engsten Verwandten stammen von Kuba. Wie und wann hatten sie es wohl geschafft, die 250 Kilometer weite Reise über das offene Meer zu bewältigen?“

Basis: Presseinformation ZSL vom 04.03.2019

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Reise nach Timbuktu

René Caillié war der erste Europäer, der die sagenhafte Stadt Timbuktu zu Gesicht bekam und darüber berichten konnte. Als er am 20. April 1828 die legendäre „Königin der Wüste“ erreichte, hatte er bereits eine lange und strapaziöse Reise hinter sich, deren Ausgang ungewiss war. Denn sein englischer Kollege, Alexander Gordon Laing, dem es zwei Jahre zuvor gelungen war, die Wüstenstadt aufzusuchen, wurde auf dem Rückweg ermordet und seine Aufzeichnungen gingen verloren. Caillié schaffte es, mittellos und gesundheitlich am Ende, in die „europäische Zivilisation“ zurückzukehren und den ersten authentischen europäischen Bericht über die sagenumwobene Stadt und seine Reise nach Timbuktu zu veröffentlichen. Weiterlesen

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