Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen

Sprachbegegnungen im Zeitalter der Entdeckungen

Als sich die Europäer aufmachten, die Welt zu entdecken und zu erobern, stießen sie nicht nur auf natürliche Barrieren oder vermeintlich feindselige Eingeborene, sondern zuallererst auf sprachliche, auf kommunikative Grenzen. Und doch fand ein erstaunlich intensiver Austausch zwischen den oft so unterschiedlichen Kulturen statt. Maßgeblich für das Funktionieren dieses Austausches war und ist immer die sprachliche Verständigung, die Sprach- und SprecherInnenbegegnungen, wie es die Autorin des Buches „Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen“ ausdrückt. Und 42 Geschichten eben solcher SprecherInnen- und Sprachbegegnungen stellt Rita Mielke in ihren von Hanna Zeckau wunderschön illustrierten Buch vor.

Botschafter und weiße Elefanten

Rita Mielke beginnt bei den Sprachbegegnungen mit einem spektakulären Ereignis: Am 20, Juli 802 kehrte eine Gesandtschaft Karls des Großen in seine 400-Seelen Residenz Aachen zurück. Insgesamt viereinhalb Jahre waren die fränkischen Botschafter unterwegs, die zwischen dem Kaiser und dem Kalifen von Bagdad Vereinbarungen über die heiligen Stätten in Jerusalem zu regeln. Das nach außen Spektakulärste waren die reichhaltigen Geschenke, die der Kalif dem Hofe Kaiser Karls zukommen ließ, darunter ein ausgewachsener und lebendiger indischer (der Legende nach weißer) Elefant.

Viele mögen sich fragen, wie das Rüsseltier transportiert wurde und ob und wie lange es hier in unseren Breiten am Leben blieb. Welche politischen Vereinbarungen zwischen immerhin rund 4.000 Kilometern voneinander entfernten mittelalterlichen Herrscherhäusern wurden getroffen, welche Herausforderungen brachte die Reise in der damaligen Zeit?

Für Rita Mielke stellt sich jedoch eine ganz andere, wesentlich zentralere und in unserer Globalisierungsgeschichte kaum gestellte Frage: Wie fand eigentlich die Verständigung zwischen den so unterschiedlichen Kulturen statt. Wie konnte ein komplexes Abkommen zwischen der fränkisch-/lateinischsprachigen und der arabischsprachigen Welt zustande kommen. Wer waren die Sprachvermittler und wie konnten sie ihre Kenntnisse erwerben? Die Botschafter selbst, die fränkischen Ritter Lantfried und Sigmund, dürften kaum des Arabischen mächtig gewesen sein, aber die waren ohnehin bereits auf der Anreise erkrankt und verstorben.

Sprache als Instrumente für Kooperation und Herrschaft

Wir erinnern uns an die Reisen Marco Polos ins Reich der Mitte, an Ibn Batuta den arabischen Weltreisenden, die europäischen Entdecker, Eroberer und Forscher der vergangenen Jahrhunderte und lauschen ihren bzw. lesen ihre spannenden Berichte über fremde Kulturen, ihre Sitten, Gebräuche, Glaubensvorstellungen und sozialen Systeme. Aber wie, wenn nicht über die Sprache kommt der jeweilige Reisende an diese Informationen? Doch woher haben Dolmetscher ihre fremdsprachigen Kompetenzen, welcher Strategien, Konzepte und Methoden bedienten sich unsere Vorfahren zur Überwindung der Sprachbarrieren, zu einer Zeit, als es noch keine Sprachschulen, Wörterbücher oder gar online-Übersetzer gab?

Natürlich, irgendwer musste die Sprache des jeweiligen Kommunikationspartners lernen. Aber wer? Für die europäischen Kolonialherren war die Antwort einfach, die Eingeborenen hatten die Herrschaftssprache, also Portugiesisch, Spanisch, Englisch oder Französisch zu lernen. Für die europäischen Siedler in von den Indigenen noch beherrschten Ländern empfahl es sich, ebenso wie für Forschungsreisende in entlegenen Gegenden der Erde, sich mit der Sprache des jeweiligen Gegenübers auseinanderzusetzen. Und so zeichnet die Autorin in jedem der 42 Kapitel ein Bild von Partnerschaften, Leidenschaften, Herrschaften, kulturellen Grenzüberschreitungen und Genialitäten, immer gebunden an konkrete Personen. Denn das Überwinden von Sprachbarrieren ist immer eine persönliche Angelegenheit und das Ergebnis von wie auch immer gearteter kommunikativer Interaktion.

Nicht alles Deutsche ist deutsch

Sprachliche Grenzüberschreitungen sind letztendlich eine existenzielle Voraussetzung für die Kommunikation zwischen Kulturen und so ist es natürlich auch kein Wunder, dass es in jeder Sprache kaum noch als solche wahrgenommenen Lehnwörter gibt, die auch auf eine gewisse interkulturelle Tradition hinweisen. Auch diesen Aspekt greift die Autorin in Form von Infokästen zu jedem Kapitel auf und am Ende kristallisiert sich bei dem/der LeserIn die Erkenntnis voraus, dass Sprache und Kommunikation nicht nur zu den wichtigsten, sondern auch spannendsten Bestandteilen von menschlicher Kultur gehört und im Einzelfall sogar spannender und spektakulärer sein können als weiße Elefanten.

Rita Mielke, Hanna Zeckau: Als Humboldt* lernte, Hawaiianisch zu sprechen. Duden 2021. Gebunden 239 Seiten

*an dieser Stelle sein noch ergänzt, dass es sich für viele wider Erwarten bei Humboldt nicht um den berühmten Forschungsreisenden Alexander, sondern um seinen Bruder, dem Kultur- und Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt handelt.

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Die Vulkane des William Hamilton

Naturreportagen von den Feuerbergen Ätna und Vesuv

Vielen dürfte der Name Hamilton eher in Zusammenhang mit der legendären Affäre zwischen Admiral Nelson und der Ehefrau des britischen Gesandten am sizilianischen Königshof ein Begriff sein. Lord Hamilton allerdings war nicht nur der Dritte im Bunde der skandalträchtigen Ménage-à-trois, sondern vor allem ein leidenschaftlicher Vulkanologe, dessen Beobachtungen der süditalienischen Vulkanwelt von wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung sind. Immerhin gehörte er zu den Vertretern der sogenannten Plutonisten, jener Wissenschaftler, die die Veränderungen der Erdoberfläche aus Prozessen im Innern der Erde erklärten. Zudem erkannte William Hamilton die zeitlichen Dimensionen, die mit geologischen Prozessen verbunden sind und leistete damit einen Beitrag zur Entdeckung der sogenannten Tiefenzeit, die eine wesentliche Voraussetzung für die späteren Evolutionstheorien darstellt.

Eine schillernde Persönlichkeit

Die Vulkane des William Hamilton besteht aus zwei Teilen. Zunächst vermitteln Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich (Hg.) dem Leser die biographischen, historischen, politischen und wissenschaftlichen Hintergründe von Hamiltons Werk Campi Phlegraei. Dieses wiederum wird – dem eigentlichen Publikationszweck entsprechend – im zweiten, naturgemäß wesentlich umfangreicheren Teil mit seinen Originaltexten und opulenten Bildern wiedergegeben. Die deutsche Übersetzung des – wie zu jener Zeit üblich sperrigen aber aussagekräftigen – Titels lautet:

„Phlegräische Felder.

Betrachtungen über die Vulkane beider Sizilien, wie sie der Royal Society in London mitgeteilt wurden von Sir William Hamilton, Ritter des Ordens vom Bade, Mitglied der Royal Society; außerordentlicher Gesandter seiner britischen Majestät und Generalbevollmächtigter am Hofe von Neapel.

Um alle Betrachtungen möglichst genau zu veranschaulichen, wurde ihnen eine neue, genaue Karte beigefügt, dazu 54 Tafeln, abgenommen von Zeichnungen, welche unter Aufsicht des Autors nach der Natur angefertigt und koloriert wurden vom Herausgeber, Herrn Peter Fabris.

Neapel 1776“

„Wissenschaftsreporter“ der Aufklärung

Bereits die Lektüre der Briefe an die jeweiligen Präsidenten und Sekretäre der Royal Society ist ein Vergnügen. Für die damalige Zeit recht schnörkellos beschreibt Hamilton darin seine Beobachtungen und Erlebnisse während der Ausbrüche von Vesuv und Ätna. Die erweisen sich nicht nur als detailliert und präzise sondern auch als recht abenteuerlich. Immerhin ließ es sich der leidenschaftliche Vulkanforscher nicht nehmen, höchstpersönlich die rumorenden Feuerberge zu besteigen und Messungen vorzunehmen. Mehrmals drohte er dabei von herabfallenden Lavabrocken erschlagen oder von den unberechenbaren Lavaströmen eingeschlossen zu werden. Seine Reportagen ergänzte er nicht nur durch Berichte Einheimischer und Vergleiche mit Beobachtungen antiker Wissenschaftler, er schrieb ebenfalls erstaunlich modern klingende Schlussfolgerungen nieder.

Eine faszinierende Bildreportage aus dem 18. Jahrhundert

Letztendlich entpuppt sich sein Gesamtwerk auch als opulente Bildreportage. Denn sowohl die von ihm beschriebenen markanten Orte wie Steinbrüche, heiße Quellen oder Krater ruhender Vulkane als auch die Bilderreihen, die den Ablauf der beobachteten Ausbrüche und damit verbundenen Veränderungen an Vulkan und Umgebung dokumentieren, lassen die Berichte lebendig werden. Insbesondere die Abbildungen der Gesteinssammlung, die Hamilton mit seinen Briefen an die Royal Society gesandt hatte, weisen eine ebensolche Genauigkeit auf, wie die Texte. „Mit großer Präzision“, so heißt es in der Einleitung der wbg Edition, „erfasst der Künstler dabei nicht nur die Farbnuancen der Gesteine und Mineralien, sondern auch deren Textur und Struktur, sodass noch heute ein Geologe sie sofort identifizieren kann.“

Eine schöne Überraschung

Die Vulkane des William Hamilton erweisen sich nicht nur als geologisch und historisch interessant, sondern entführen den/die LeserIn auch in eine spannende, wissenschaftlich und gesellschaftlich im Umbruch befindliche Zeit. Ein unerwartet interessantes und schönes Buch.

Oliver Lubrich, Thomas Nehrlich (Hg.): Die Vulkane des William Hamilton. Naturreportagen von den Feuerbergen Ätna und Vesuv. wbgEdition 2021. Gebunden, 272 Seiten.

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Häfen für die Ewigkeit

Maritime Ingenieurskunst der Römer

Dass die alten Römer geniale Ingenieure waren, ist bekannt. Allein die Wasserleitungen oder das Kolosseum sprechen für sich. Der Wasserbau stellt allerdings zusätzliche Anforderungen an die Phantasie von Architekten und Ingenieuren, sind die jeweiligen Baustellen zwischen Wasser und Land doch recht dynamischen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Und ohne die Erfindung des legendären römischen Unterwasserbetons hätten die gewaltigen, oft kilometerlangen Molen, die die für das römische Reich lebenswichtigen Warenumschlagplätze des mare nostrum vor den Naturgewalten sicherten, nicht entstehen können.

Rekonstruktionen technischer Lösungen

Mit dem Buch „Häfen für die Ewigkeit“ präsentieren der Archäologe Gérard Coulon und der Archäologe und Rekonstruktionszeichner Jean-Claude Golvin den aktuellen Stand zum römischen Wasserbauwesen in Wort und Bild. Da – wie die Autoren betonen – Hafenanlagen bislang kaum erforscht sind, bilden genau diese den Schwerpunkt des vorliegenden Bandes, der an die Publikation zum Thema Bauwesen der römischen Armee anschließt. Die Autoren befassen sich sowohl in den Texten als auch in den detaillierten und zum Teil doppelseitigen Rekonstruktionszeichnungen vor allem mit den praktischen Problemen, denen sich die Baumeister und Arbeitskräfte zu stellen hatten. Die präsentierten technischen und organisatorischen Lösungsansätze sind dabei plausibel aber – obwohl auf archäologischen Erkenntnissen basierend und sorgfältig in historischen Quellen recherchiert – oft hypothetischer Natur.

Hafenanlagen als komplexe Strukturen

Die Autoren haben sich auf die Hafenanlagen mit ihren Molen, Kais, Lagerhäusern, Schiffswerften und Halligen und Leuchttürmen konzentriert. Schiffbau wurde bewusst ausgeklammert. Und auch hinsichtlich des Zeitrahmens haben sich die Autoren eingeschränkt. Der reicht vom 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung (als der Unterwasserbeton in Gebrauch kam) bis zum Ende des 3. Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung. Dem/der LeserIn wird dennoch ein optisches und inhaltliches Spektakel geliefert, denn die Autoren klären nicht nur über die grundsätzlichen Herausforderungen und römischen Technologien auf, sondern untermauern ihre Ausführungen durch konkrete auch graphisch umgesetzte archäologische und historische Beispiele. Und so reist der/die LeserIn rund ums Mittelmeer und lernt die antiken Hafenanlagen beispielsweise von Alexandria (und seinem legendären Leuchtturm) oder Portus Ostia, den Vorhafen von Rom gewissermaßen in ihrer Bauphase kennen.

Die Entstehung legendärer Bauwerke

Jedem Element der Hafenanlagen ist dabei ein eigenes Kapitel gewidmet, etwa den Wellenbrechern und Molen, den ausgeklügelten Lagerhauskonstruktionen und nicht zuletzt natürlich den Leuchttürmen. Fragen, wie die notwendigen exakten Vermessungen unter Wasser, das Gießen der Betonfundamente am Meeresboden die Baustellenlogistik und vieles mehr technisch und organisatorisch bewältigt werden konnten, bilden dabei immer wieder die Schwerpunkte der Ausführungen und Rekonstruktionsillustrationen. Mit Kapiteln zu besonderen Leistungen der Ingenieure der römischen Kriegsmarine zu Wasser und zu Lande sowie weiteren Gedanken zum römischen Wasserbauwesen schließt der hochinformative und fesselnde Bildband ab.

Jean-Claude Golvin, Gérard Coulon: Häfen für die Ewigkeit. Maritime Ingenieurskunst der Römer. Wbg Philipp von Zabern 2021. Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten.

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Macht euch die Erde untertan

Die Umweltgeschichte des Anthropozäns

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch Untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Auch wenn dieser Bibelspruch über Jahrhunderte hinweg in der sogenannten westlichen Welt als Legitimation für das hemmungslose Ausbeuten und „menschengerechte“ Umformen der Natur herhalten konnte, es handelte sich weniger um einen göttlichen Auftrag, sondern drückt vielmehr ein grundlegendes menschliches Selbstverständnis aus. Bereits seit vielen Jahrtausenden ringt der homo Sapiens um die Herrschaft über die Natur seines jeweiligen Lebensraumes und seit Jahrtausenden ist er bemüht eben diesen Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.

Der immerwährende Krieg zwischen Mensch und Natur

Mit seinem Buch „Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns“ zeichnet der amerikanische Historiker Daniel R. Headrick die Geschichte des Versuchs des Menschen, sich die Natur zu unterwerfen nach. Dabei erzählt er nicht nur von den großen zivilisatorischen Leistungen wie der Zähmung und Ausrottung von Flora und Fauna, der Flussregulierungen und Bewässerungssysteme, der totalen Landschaftsumformung im Rahmen von Rohstoffförderung, sondern beschreibt auch, die Dynamik, die diese Eingriffe in der Natur jeweils ausgelöst haben. Oft genug richtete sich diese Dynamik gegen die Verursacher selbst und forderte selbst bei einzelnen Ereignissen (aus menschlicher Perspektive Katastrophen) teilweise Millionen von Opfern. So etwa bei den Flussbettverlagerungen der großen chinesischen Ströme. Die „Gegenwehr“ der Natur führte nicht nur zum Untergang von Zivilisationen, sondern in „grauer Vorzeit“ beinahe zum Verschwinden der Gattung Homo von der Erde.

Eine globale Umweltgeschichte

Daniel R. Headrick schreibt an einer Stelle des Buches, dass wohl das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier der Gebrauch des Feuers sei. Nach der Lektüre seiner geradezu epischen Mensch-/Umweltgeschichte könnte der/die LeserIn aber auch zu der Erkenntnis gelangen, dass das einzigartige Wesensmerkmal des Homo Sapiens eher in seinem unersättlichen Bedürfnis nach Herrschaft ist. Auf mehr als 600 Seiten unternimmt der Autor eine Reise durch die Umweltgeschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. Und dabei spart er keine Region der Erde aus und verblüfft den/die LeserIn mit unzähligen Details zu umweltrelevanten Ereignissen, die vielen, die Geschichte noch immer unter eurozentrischem Blick betrachten, neu sein dürften. Aber natürlich findet sich in dem Buch auch vieles Bekannte. Das alles in den dynamischen Prozess der Mensch-Umweltbeziehung des Anthropozäns einzuordnen ist die eigentliche Leistung des Verfassers.

Über die Grenzen hinaus

Rückwirkend betrachtet scheint tatsächlich die einzige besondere Fähigkeit des Menschen darin zu bestehen, ständig neue Konzepte, Instrumente und Technologien zu entwickeln, um die Natur (und übrigens auch seine Artgenossen) zu beherrschen und über die natürliche Belastungsgrenze hinweg auszubeuten. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Gattung Homo in ihren Ursprüngen aufgrund von Natur- und Klimaereignissen immer mal wieder vom Aussterben bedroht war oder sich naturbedingte zivilisatorische Katastrophen traumatisch in das kollektive Gedächtnis eingeprägt haben. Trotz aller intellektuellen Höchstleistungen scheint jedoch das Lernvermögen des Homo außerordentlich begrenzt, den die Umweltgeschichte und die aktuelle Entwicklung zeigt, dass der Mensch gegen die Natur zwar Schlachten, nicht aber den selbst vom Zaun gebrochenen Krieg gewinnen kann.

Daniel R. Headrick: Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns. Wbg Theiss 2021. Hardcover mit Schutzumschlag, 638 Seiten.

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Schriftliche Überlieferung vs. mündliche Tradition

Ausstellung „Diejenigen, die wir trafen – Traditionelles Wissen der Inuit und die Franklin-Expedition“ von 23. Oktober 2021 bis 27. März 2022 im Archäologischen Museum Frankfurt

Watercolour illustrations by Heather Campbell, an Inuit artist from Nunatsiavut (Labrador).

(Quelle Pressemitteilung vom 21.10.2021) Während es in anderen Teilen der Welt als völlig normal gilt, sich über mündliche Erzählungen an Ereignisse zu erinnern, die mehrere hundert Jahre zurückliegen, ist das in Europa kaum der Fall. Ein Grund dafür liegt in der Schriftkultur, die uns so selbstverständlich ist. Aus der Sicht einer Schriftkultur erscheint es unmöglich, sich ohne schriftliche Quellen etwa an Ereignisse von 1848/1849 rund um die Sitzung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zu erinnern. Weiterlesen

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1000 Jahre Wikinger in Amerika

Mannheimer Forscher datieren als Teil eines internationalen Teams zum ersten Mal den frühesten Aufenthalt von Europäern in Amerika

Presseinformation der Reiss-Engelhorn-Museen vom 22.10.2021: Wikinger waren bereits im Jahr 1021 n. Chr. in Nordamerika. Das beweist die neue Studie eines internationalen Forscherteams unter der Beteiligung des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Dies ist das früheste und erstmals genau nachweisbare Datum, an dem sich Europäer vor der Ankunft von Kolumbus im Jahr 1492 in Amerika aufhielten. Bei der Datierung nutzten die Wissenschaftler neueste Erkenntnisse zur Auswirkung von Sonnenstürmen. Die Studie wird jetzt erstmals im bekannten Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlicht.

Baumstumpf mit Bearbeitungsspuren, der neben zwei weiteren Bäumen zur Datierung verwendet wurde © Margot Kuitems 2018

Mit ihren Langschiffen segelten die Wikinger über große Entfernungen. Im Westen gründeten sie Siedlungen auf Island, Grönland und schließlich in L’Anse aux Meadows, Neufundland, Kanada. Wann diese ersten transatlantischen Reisen stattfanden, blieb bisher jedoch unklar. Nun zeigen Wissenschaftler unter Leitung der Universität Groningen, dass Europäer bereits 1021 n. Chr. in Amerika waren. Dieses Datum markiert auch den frühesten bekannten Zeitpunkt, an dem der Atlantik überquert wurde und die Migration der Menschheit schließlich den gesamten Planeten umspannte.

Bisherige Datierungsversuche zum Aufenthalt der Wikinger in Amerika haben sich stark auf isländische Sagen gestützt. Diese zunächst mündlich überlieferten Geschichten wurden allerdings erst Jahrhunderte nach den darin erzählten Ereignissen niedergeschrieben und können somit nicht für eine genaue Altersbestimmung herangezogen werden.

Für eine naturwissenschaftlich basierte Altersbestimmung untersuchten die Wissenschaftler Holzstücke dreier Bäume aus archäologisch den Wikingern zuzuordnenden Kontexten in Kanada. Alle drei Holzstücke wiesen deutliche Spuren von Schnitten mit Metallklingen auf – ein Material, welches von der einheimischen Bevölkerung nicht hergestellt wurde.

Dr. Ronny Friedrich im Labor © Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Fotograf: Ralf Mager

„Normalerweise ermöglicht eine Altersbestimmung mit der C-14-Methode keine jahrgenaue Datierung. Dass wir jetzt erstmals nicht nur eine Zeitspanne, sondern ein genaues Datum für den Aufenthalt der Wikinger in Amerika angeben können, ist natürlich eine Sensation. Hier kommen uns neue Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Sonnenstürmen zu Hilfe.“, betont Dr. Ronny Friedrich vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, der die Proben mit seinem Team in Mannheim untersucht hat.

Das genaue Jahr konnte bestimmt werden, weil sich 992 n. Chr. ein massiver Sonnensturm ereignete, der ein deutliches Signal im Radiokohlenstoff (C-14) der Baumringe des folgenden Jahres erzeugte. Der signifikante Anstieg der Radiokohlenstoffproduktion zwischen 992 und 993 n. Chr. kann in Baumringarchiven auf der ganzen Welt festgestellt werden und damit zur hochgenauen Datierung dienen. Jedes der drei untersuchten Holzobjekte wies dieses Signal 29 Wachstumsringe (Jahre) vor der äußeren Baumrinde auf und erlaubt die Schlussfolgerung, dass die Fällung der Bäume im Jahr 1021 n. Chr. stattfand – also genau vor 1000 Jahre.

Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie

Das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gehört zu den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und ist spezialisiert auf die naturwissenschaftliche Analyse von Kulturgütern. Das renommierte Forschungsinstitut ist national und international an zahlreichen Projekten beteiligt. Seine Expertise umfasst die Bereiche Altersbestimmung, Bioarchäologie, Echtheit und Materialanalyse.

www.ceza.de

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Tiere ordnen

Eine illustrierte Geschichte der Zoologie

Eine hervorstechende Eigenschaft des Menschen ist das Bedürfnis nach Ordnung, nach Einordnen, Anordnen, nach Katalogisieren. Das gilt auch für die belebte Natur, die Tierwelt. Und so zeichnet sich die Geschichte der Zoologie vor allem durch den Versuch aus, das Tierreich zu systematisieren. David Bainbridge zeichnet in seinem Buch „Tiere ordnen“ eben diese Versuche seit der Antike mit kurzen Texten und zahlreichen Illustrationen nach, die vor allem etwas über die sich verändernden Denkweisen der Menschen gegenüber der Tierwelt (zu der sie ja auch selbst gehören) aussagen.

Schöpfungsgeschichte und Naturphilosophie

Auch das Buch selbst kommt ohne eine Klassifizierung der Zoologiegeschichte nicht aus und so beginnt es mit der antiken und mittelalterlichen Welt. Genauer gesagt setzt der Autor im Mittelalter an, dessen Klassifikationssystem einerseits biblisch-religiös, geprägt ist, sich andererseits auf das Studium der Werke der alten Griechen, hier vor allem der Naturphilosophie des Aristoteles gründet. Und so finden wir entsprechende Illustrationen sowohl in den religiös motivierten Bestiarien offensichtlich klösterlicher Herkunft aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends als auch in den eher wissenschaftlich-enzyklopädisch motivierten Bestiarien des Humanismus. Vielen der Zeichnungen in den Bestiarien jener Zeit sieht man an, dass sie nicht der eigenen Anschauung der Künstler, sondern eher der fantasievollen Interpretation schriftlicher und ikonographischer Quellen entsprungen sind.

Evolution und Tiefenzeit

Kapitel 2 befasst sich mit den Erkenntnisprozessen, die Renaissance und Aufklärung mit sich brachten. Dazu gehören die Evolution und damit die Relativierung der biblischen Schöpfungsgeschichte, die „Entdeckung“ der Tiefenzeit, also der Erdgeschichte und die Beobachtung des „Mechanismus“ der Evolution, der sogenannten Natürlichen Auslese. Natürlich drückten sich auch diese Erkenntnisse in den Illustrationen der Naturgeschichte aus. Möglichst präzise Darstellungen von Tieren und Pflanzen und eine neue Einteilung der Tierwelt nach körperlichen Merkmalen setzte sich durch. Die Namen der Vertreter dieser Entwicklung wie Merian, Darwin, Wallace oder von Humboldt sind uns noch heute geläufig. Es ist aber nicht nur die Zeit wunderschöner und ausdrucksstarker Tierzeichnungen, sondern auch die der Schaubilder, Tabellen, Evolutions- und Taxonomiebäume. Deren Entwicklung wird schwerpunktmäßig in Kapitel 3 unter dem Thema „Stammbäume in einer neuen alten Welt“ vorgestellt.

Kategorisierung vs. Prozesse

Bereits in jener Zeit erwies es sich als recht schwierig, so komplexe und dynamische Vorgänge wie die Evolution in einfache Kategorien und zweidimensionale Schaubilder und Grafiken zu pressen. Faszinierend die entsprechenden Lösungsansätze, die natürlich auch von den jeweiligen Überzeugungen abhängig waren. Noch komplizierter jedoch stellt sich die Aufgabe, die zoologischen Klassifikationsmodelle in all ihren Facetten graphisch widerzuspiegeln. Im Kapitel 4 „Die moderne Welt“ kann der/die LeserIn daher sowohl die Entwicklung der aktuellen zoologischen Taxonomiekonzepte einschließlich ihrer analytischen Hintergründe (z.B. DNA) und zu berücksichtigenden Aspekte wie Ökologie, Artenschutz, Klimawandel als auch die technologischen Entwicklungen der bildhaften Darstellung – von der Zeichnung bis hin zur komputergenerierten Grafik und zur digitalen Animation nachvollziehen.

Ein interessanter Überblick

„Tiere ordnen“ ist zweifellos ein interessantes Buch, das richtig verstanden einen spannenden Überblick über die Illustrationsgeschichte der Zoologie liefert. Insofern erscheint mir der Untertitel ein wenig irreführend, denn für eine Geschichte der Zoologie erscheinen mir die Texte schon sehr knappgehalten, so dass es sicherlich hilfreich ist, wenn sich der/die LeserIn bereits ein wenig intensiver mit der Geschichte der Zoologie beschäftigt hat und dieses Buch als willkommene Ergänzung hinsichtlich der Geschichte der Illustrationen der Zoologie versteht.

David Bainbridge: Tiere ordnen. Eine illustrierte Geschichte der Zoologie. Haupt Verlag 2021. Hardcover 256 Seiten.

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Neuerscheinung: Dear Mama

Das Tagebuch eines Deutschen Kriegsgefangenen in Tasmanien 1914 – 1915

Wenn am 10. Oktober 2021 im Rahmen des Hobart Writer’s Festival in der Hauptstadt des Australischen Bundestaates Tasmanien das Tagebuch von Fritz Stegherr, einem deutschen Kriegsgefangenen in Tasmanien und New South Wales (1. WK) der Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist es nicht nur für die Nachkommen des Verfassers und die Herausgeber, sondern auch für Das Online-Magazin GeschiMag und damit meine Wenigkeit ein besonderes Ereignis. Denn, wie im Vorwort des Buches beschrieben wird, hatte GeschiMag einen gewissen Anteil daran, dass es zu dieser Publikation gekommen ist.

Die Beiträge in diesem Magazin (Der Fall des Dampfschiffes Oberhausen, Die Mannschaft der SS Oberhausen im ersten Weltkrieg und Interniert in Australien) waren allerdings bestenfalls Initialzünder. Vor allem über die historischen Hintergründe von Stegherrs Tagebüchern geben die oben aufgeführten Artikel Auskunft. Das Buch selbst hat wiederum seine eigene Geschichte (siehe auch Zur falschen Zeit am falschen Ort). Nachdem sich die Menschen, die für die Publikation verantwortlich zeichnen, schließlich gefunden hatten, ging die eigentliche Arbeit erst so richtig los.

Paul & Kathy bei der Betrachtung des von Fritz Stegherrs Enkelin Roswitha Müller zur Verfügung gestellten Originaltagebuches*

Wer die GeschiMag-Beiträge verfolgt hat, wird sich nicht darüber wundern, dass das Tagebuch des Deutschen Offiziers ausgerechnet in Australien in englischer Sprache publiziert wird. Genau das aber bedeutete eine Menge Arbeit. Die Tagebücher sind nämlich in Deutscher Kurrentschrift geschrieben (nicht zu verwechseln mit der erst 1911 entwickelten Sütterlinschrift) und deren Entzifferung stellt nicht nur Fremdsprachler vor Herausforderungen. Der erste Versuch, die rund 500 Seiten Manuskript zu transkribieren und zu übersetzen erwies sich als schwierig. Aber schließlich gelang es, Paul Thost, der ehrenamtlich im Anglesea Barracks Museum und für das National Archive of Australia (NAA) arbeitet, für diese Aufgabe zu begeistern. Der verbrachte die folgenden 2 1/2 Jahre damit, das Tagebuch zu übersetzen, sodass nun, am 10. Oktober 2021 das spannende Zeitzeugendokument in englischer Sprache der Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Recherche im Museum der Bruny Island Quarantine Station*

Das Buch enthält das erste der fünf Tagebücher des Fritz Stegherr mit zahlreichen Fotos von Hobart und anderen zeitgenössischen Dokumenten und nimmt den/die LeserIn mit in die Vergangenheit. Besonders interessant hierbei auch die unterschiedlichen Mentalitäten und kulturellen Hintergründe. Viele Fotos, auf die im Text Bezug genommen wird, wurden aus verschiedenen Quellen hinzugefügt, um das Verständnis der Geschichte für den Leser zu verbessern.

*Die Fotos wurden mir freundlicherweise von Kathy Duncombe zur Verfügung gestellt.

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Die Zeit der Tiere

Zur Polychronie und Biodiversität der Moderne

„ …. stets sind es konkrete Tiere, an denen in unterschiedlichen Techniken und Praktiken spezifisches Zeitwissen gleichermaßen zur Dar- wie zur Herstellung gelangt.“ Dieses Zitat aus dem Klappentext des Buches der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Lena Kugler beschreibt wohl besser als der Untertitel, worum es in diesem hochinteressanten Buch geht. Dabei nimmt die Autorin den/die LeserIn mit auf eine vielschichtige Zeit-Reise durch die Erd-, Menschheits- und Erkenntnisgeschichte und ihre kreative mediale und philosophische Verarbeitung in der Moderne.

Wenn Menschen in die Vergangenheit reisen und Tiere in die Zukunft

Was für ein Trauma: Da beginnt Mensch mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften die Tiefenzeit zu entdecken und er selbst kommt darin überhaupt nicht vor. Die biblische Krönung der Schöpfung als erdgeschichtliche Randerscheinung. Eine schier endlose Zeit, Millionen und Abermillionen Jahre Erdgeschichte und Evolution, belegt durch tierliche Fossilien, ohne jede menschliche Spur, eine Herausforderung für das Selbstverständnis und die narrative Erfindungskraft. Und so erfindet die Moderne nicht nur die Urgeschichte des Menschen, sie entwickelt auch fiktive Verbindungen zwischen seit buchstäblich undenklichen Zeiten ausgestorbenen Tieren und der eigenen Spezies. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne oder die diversen Variationen der „verlorenen Welten“ mit von Menschen in entlegenen Gegenden entdeckten rezenten Urviechern seien hier nur als Beispiele genannt. Dabei vermischen sich nicht nur Zeiträume, sondern auch Zeitrichtungen.

Insekten, Vogelmist und Schlachtfabriken

Immerhin haben fünf der neun Kapitel dieses Buches die Etablierungs- und Wirkungsgeschichte der sogenannten Tiefenzeit unter unterschiedlichen Aspekten zum Thema, eine spannende Geschichte, die auch die Erkenntnis „überindividuellen“ Sterbens und die teilweise bis heute gängige Spekulation über Art und Weise „dieser urgeschichtlichen Aussterbeprozesse“ und die jeweilige Rolle des Menschen beinhaltet.

Auch in den folgenden Kapiteln geht es weniger um Die Frage, was Zeit überhaupt ist, sondern wie Zeiträume gemessen, mit Leben gefüllt und begriffen werden können und welche Rolle den Tieren dabei zukommt. So befasst sich Lena Kugler in Kapitel VII beispielsweise mit „Insekten und der Physiologie der Zeit. Dabei geht es um nichts weniger als die Entwicklungsgeschichte und den Irrungen und Wirrungen der Forensischen Entomologie.

Umgang mit dem Artensterben zwischen Wissenschaft und Fiktion

Tiere Schlachten als Zeitmesser und Ursprung kapitalistischer Industrie-Fließbandproduktion, die Epoche des Vogelmists und daraus resultierende Tiefenzeitvorstellungen und vieles mehr behandelt die Autorin im Kapitel zur Betrachtung der Tiefenzeit der Arbeit, um sich schließlich im letzten Kapitel „Die Zukunft der Tiere“ mit dem Umgang mit dem sechsten Artensterben auseinanderzusetzen. Immer wieder stößt der Leser – wie bereits in den vergangenen Kapiteln – auf das komplexe Verhältnis zwischen Wissenschaft, Fiktion und Anthropozentrismus. Sei es, dass über die „Rekonstruktion“ ausgestorbener Tierarten mittels DNA-Technologie schwadroniert wird, sei es, dass über Marketingaktionen möglicherweise unumkehrbare Prozesse gestoppt oder der möglicherweise vermeidbare Verlust von Tierarten vorweggenommen und vorzeitig betrauert wird.

Alltagswissen als Relikt der Vergangenheit

Lena Kugler beschreibt in ihrem Buch die geistigen und kulturellen Prozesse, die die Zeit der Tiere und die Welt der Moderne prägen. Dabei begegnen dem/der Leserin nicht nur viele bekannte Protagonisten aus Literatur und Wissenschaft, sondern auch Ideen und Fiktionen, die wir heute teils immer noch als Fakten begreifen. Als Beispiele seien hier nur die Vorstellungen zum Leben der Menschen in der Urzeit genannt. Die Lektüre stößt den/die Leserin immer wieder auf neue Perspektiven zu scheinbar Selbstverständlichem, zeigt, wie unser Alltagsdenken noch immer von Kunstschöpfungen der Moderne geprägt ist. Es regt zum Reflektieren an und allein das ist schon die Lektüre wert, auch wenn sie sich aufgrund fremdsprachiger Zitate (englisch und viel französisch) gelegentlich etwas schwierig gestaltet und gelegentlich das Gefühl aufkommen lässt, wichtige Informationen verpasst zu haben.Lena Kugler: Die Zeit der Tiere. Zur Polychronie und Biodiversität der Moderne. Konstanz University Press 2021. Gebunden mit Schutzumschlag 445 Seiten

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In 20 Sprachen um die Welt

Die größten Sprachen und was sie so besonders macht

Rund 6000 Sprachen werden heute weltweit gesprochen und geschrieben. Das sind deutlich weniger als in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Denn mit der Entwicklung der „großen“ Sprachen sterben viele der Kleinen nach und nach aus. Aber was macht große Sprachen aus, wie sind sie entstanden und warum sind es gerade diese 20, die der Journalist und Autor Gaston Dorren in seinem Buch im Plauderton und anekdotenreich präsentiert?

„Weltsprachen“ wie Arabisch, Suaheli oder Malaiisch

Zunächst einmal zeichnen sich die Sprachen, die Gaston Dorren für sein Buch ausgesucht hat durch die Zahl ihrer Anwender aus. Das reicht von Vietnamesisch mit etwa 75 Millionen Muttersprachlern bis Englisch mit rund 375 Millionen Mutter und immerhin insgesamt 1,5 Milliarden Sprechern. Dreizehn der vorgestellten Sprachen sind sogenannte Linguae francae, also Sprachen, die „die Kluft zwischen Menschen mit verschiedenen Muttersprachen überbrücken“. Dass Englisch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch dazugehören mag aus der europäischen Kolonialgeschichte heraus nicht weiter verwundern. Dass aber auch Suaheli (135 Millionen Sprecher) und Malaiisch (275 Millionen Sprecher) zu den überregionalen Verkehrssprachen gehören, ist für den/die einen oder anderen LeserIn sicher überraschend.

Die Dynamik von Sprachen

Aber eigentlich geht es in diesem Buch nicht primär um Zahlen. Es geht um Kulturgeschichte, um historische Entwicklungen, kulturelle und damit sprachliche Besonderheiten und um Veränderungen, um Konflikte, die (nicht nur) über die Sprache ausgetragen wurden und werden und nicht zuletzt um die Tatsache, dass Sprachen dynamische Systeme und alles andere als „rein“ sind. So gibt bereits der linguistische Überblick, der jeder Sprache vorangestellt ist, spannende Hinweise auf ihre Zugehörigkeit und Entwicklung, wobei jede Sprache im Laufe ihrer Geschichte nicht nur zahlreiche Wörter und Begriffe exportiert, sondern naturgemäß auch importiert hat. Sprachen, so die Erkenntnis passen sich (wenn auch oft ein wenig schleppend) grammatikalisch, begrifflich und orthografisch kulturellen Entwicklungen und Erfordernissen an. Und wenn dies nicht der Fall ist, drohen sie auszusterben.

Wenn selbst Muttersprachlern ihre Sprache zu starr ist

Ein Beispiel für eine bedrohte große Sprache ist Javanisch mit immerhin 95 Millionen Sprechern. Hier treibt das formelle Register der Sprache, das sogenannte Krama besondere Blüten. Wie in den meisten asiatischen Sprachen (aber auch anderen Sprachen der Welt) üblich, erfordern die zwischenmenschlichen Beziehungen der jeweiligen Gesprächspartner spezifische stilistische Formen. Im Javanischen sind die selbst für asiatische Verhältnisse so komplex und gleichzeitig starr, dass „viele Menschen in Indonesien selbst“, wie Gaston Dorren feststellt, „der javanischen Sprache gegenüber schlecht gesinnt (sind)“. Krama sei einer der Gründe dafür. Und so bevorzugen viele Javaner das deutlich einfachere Malaiisch bzw. Indonesisch. Spannend ist auch die Geschichte der Auseinandersetzung um den Erhalt, Vereinfachung und Wiederbelebung der javanischen Sprache, die in faszinierender Weise mit der Geschichte der Inselkultur verbunden ist.

Eine Abenteuerreise durch (Sprach-) Raum und Zeit

Bei der Behandlung der 20 großen Sprachen geht es nie um die Sprache allein. Die ist vor allem Aufhänger für die Behandlung von besonderen Sprachaspekten und Ausflüge in die Kulturgeschichte, wobei deutlich wird, dass große Sprachen, ihre Konzepte und Grammatiken immer in einem Zusammenhang und in Austausch zu und mit anderen Sprachen und Kulturen stehen. Dass sich der vielsprachige Autor recht unterschiedlicher Mittel, darunter auch Interviews mit seinen fremdsprachigen alter egos bedient macht das Buch nicht nur informativ, spannend, sondern auch kurzweilig und unterhaltsam. Über die faszinierende Welt der Sprachen (und teilweise auch Schriften) entführt Dorren seine LeserInnen auf eine abenteuerliche und außerordentlich gelungene kulturgeschichtliche Welt- Entdeckungsreise.

Gaston Dorren: In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht. C.H.Beck 2021, Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten.

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