Schriftliche Überlieferung vs. mündliche Tradition

Ausstellung „Diejenigen, die wir trafen – Traditionelles Wissen der Inuit und die Franklin-Expedition“ von 23. Oktober 2021 bis 27. März 2022 im Archäologischen Museum Frankfurt

Watercolour illustrations by Heather Campbell, an Inuit artist from Nunatsiavut (Labrador).

(Quelle Pressemitteilung vom 21.10.2021) Während es in anderen Teilen der Welt als völlig normal gilt, sich über mündliche Erzählungen an Ereignisse zu erinnern, die mehrere hundert Jahre zurückliegen, ist das in Europa kaum der Fall. Ein Grund dafür liegt in der Schriftkultur, die uns so selbstverständlich ist. Aus der Sicht einer Schriftkultur erscheint es unmöglich, sich ohne schriftliche Quellen etwa an Ereignisse von 1848/1849 rund um die Sitzung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zu erinnern. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit, Ausstellungen, Ethnologie

1000 Jahre Wikinger in Amerika

Mannheimer Forscher datieren als Teil eines internationalen Teams zum ersten Mal den frühesten Aufenthalt von Europäern in Amerika

Presseinformation der Reiss-Engelhorn-Museen vom 22.10.2021: Wikinger waren bereits im Jahr 1021 n. Chr. in Nordamerika. Das beweist die neue Studie eines internationalen Forscherteams unter der Beteiligung des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Dies ist das früheste und erstmals genau nachweisbare Datum, an dem sich Europäer vor der Ankunft von Kolumbus im Jahr 1492 in Amerika aufhielten. Bei der Datierung nutzten die Wissenschaftler neueste Erkenntnisse zur Auswirkung von Sonnenstürmen. Die Studie wird jetzt erstmals im bekannten Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlicht.

Baumstumpf mit Bearbeitungsspuren, der neben zwei weiteren Bäumen zur Datierung verwendet wurde © Margot Kuitems 2018

Mit ihren Langschiffen segelten die Wikinger über große Entfernungen. Im Westen gründeten sie Siedlungen auf Island, Grönland und schließlich in L’Anse aux Meadows, Neufundland, Kanada. Wann diese ersten transatlantischen Reisen stattfanden, blieb bisher jedoch unklar. Nun zeigen Wissenschaftler unter Leitung der Universität Groningen, dass Europäer bereits 1021 n. Chr. in Amerika waren. Dieses Datum markiert auch den frühesten bekannten Zeitpunkt, an dem der Atlantik überquert wurde und die Migration der Menschheit schließlich den gesamten Planeten umspannte.

Bisherige Datierungsversuche zum Aufenthalt der Wikinger in Amerika haben sich stark auf isländische Sagen gestützt. Diese zunächst mündlich überlieferten Geschichten wurden allerdings erst Jahrhunderte nach den darin erzählten Ereignissen niedergeschrieben und können somit nicht für eine genaue Altersbestimmung herangezogen werden.

Für eine naturwissenschaftlich basierte Altersbestimmung untersuchten die Wissenschaftler Holzstücke dreier Bäume aus archäologisch den Wikingern zuzuordnenden Kontexten in Kanada. Alle drei Holzstücke wiesen deutliche Spuren von Schnitten mit Metallklingen auf – ein Material, welches von der einheimischen Bevölkerung nicht hergestellt wurde.

Dr. Ronny Friedrich im Labor © Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Fotograf: Ralf Mager

„Normalerweise ermöglicht eine Altersbestimmung mit der C-14-Methode keine jahrgenaue Datierung. Dass wir jetzt erstmals nicht nur eine Zeitspanne, sondern ein genaues Datum für den Aufenthalt der Wikinger in Amerika angeben können, ist natürlich eine Sensation. Hier kommen uns neue Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Sonnenstürmen zu Hilfe.“, betont Dr. Ronny Friedrich vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, der die Proben mit seinem Team in Mannheim untersucht hat.

Das genaue Jahr konnte bestimmt werden, weil sich 992 n. Chr. ein massiver Sonnensturm ereignete, der ein deutliches Signal im Radiokohlenstoff (C-14) der Baumringe des folgenden Jahres erzeugte. Der signifikante Anstieg der Radiokohlenstoffproduktion zwischen 992 und 993 n. Chr. kann in Baumringarchiven auf der ganzen Welt festgestellt werden und damit zur hochgenauen Datierung dienen. Jedes der drei untersuchten Holzobjekte wies dieses Signal 29 Wachstumsringe (Jahre) vor der äußeren Baumrinde auf und erlaubt die Schlussfolgerung, dass die Fällung der Bäume im Jahr 1021 n. Chr. stattfand – also genau vor 1000 Jahre.

Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie

Das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gehört zu den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und ist spezialisiert auf die naturwissenschaftliche Analyse von Kulturgütern. Das renommierte Forschungsinstitut ist national und international an zahlreichen Projekten beteiligt. Seine Expertise umfasst die Bereiche Altersbestimmung, Bioarchäologie, Echtheit und Materialanalyse.

www.ceza.de

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Archäologie, Pressemitteilungen

Tiere ordnen

Eine illustrierte Geschichte der Zoologie

Eine hervorstechende Eigenschaft des Menschen ist das Bedürfnis nach Ordnung, nach Einordnen, Anordnen, nach Katalogisieren. Das gilt auch für die belebte Natur, die Tierwelt. Und so zeichnet sich die Geschichte der Zoologie vor allem durch den Versuch aus, das Tierreich zu systematisieren. David Bainbridge zeichnet in seinem Buch „Tiere ordnen“ eben diese Versuche seit der Antike mit kurzen Texten und zahlreichen Illustrationen nach, die vor allem etwas über die sich verändernden Denkweisen der Menschen gegenüber der Tierwelt (zu der sie ja auch selbst gehören) aussagen.

Schöpfungsgeschichte und Naturphilosophie

Auch das Buch selbst kommt ohne eine Klassifizierung der Zoologiegeschichte nicht aus und so beginnt es mit der antiken und mittelalterlichen Welt. Genauer gesagt setzt der Autor im Mittelalter an, dessen Klassifikationssystem einerseits biblisch-religiös, geprägt ist, sich andererseits auf das Studium der Werke der alten Griechen, hier vor allem der Naturphilosophie des Aristoteles gründet. Und so finden wir entsprechende Illustrationen sowohl in den religiös motivierten Bestiarien offensichtlich klösterlicher Herkunft aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends als auch in den eher wissenschaftlich-enzyklopädisch motivierten Bestiarien des Humanismus. Vielen der Zeichnungen in den Bestiarien jener Zeit sieht man an, dass sie nicht der eigenen Anschauung der Künstler, sondern eher der fantasievollen Interpretation schriftlicher und ikonographischer Quellen entsprungen sind.

Evolution und Tiefenzeit

Kapitel 2 befasst sich mit den Erkenntnisprozessen, die Renaissance und Aufklärung mit sich brachten. Dazu gehören die Evolution und damit die Relativierung der biblischen Schöpfungsgeschichte, die „Entdeckung“ der Tiefenzeit, also der Erdgeschichte und die Beobachtung des „Mechanismus“ der Evolution, der sogenannten Natürlichen Auslese. Natürlich drückten sich auch diese Erkenntnisse in den Illustrationen der Naturgeschichte aus. Möglichst präzise Darstellungen von Tieren und Pflanzen und eine neue Einteilung der Tierwelt nach körperlichen Merkmalen setzte sich durch. Die Namen der Vertreter dieser Entwicklung wie Merian, Darwin, Wallace oder von Humboldt sind uns noch heute geläufig. Es ist aber nicht nur die Zeit wunderschöner und ausdrucksstarker Tierzeichnungen, sondern auch die der Schaubilder, Tabellen, Evolutions- und Taxonomiebäume. Deren Entwicklung wird schwerpunktmäßig in Kapitel 3 unter dem Thema „Stammbäume in einer neuen alten Welt“ vorgestellt.

Kategorisierung vs. Prozesse

Bereits in jener Zeit erwies es sich als recht schwierig, so komplexe und dynamische Vorgänge wie die Evolution in einfache Kategorien und zweidimensionale Schaubilder und Grafiken zu pressen. Faszinierend die entsprechenden Lösungsansätze, die natürlich auch von den jeweiligen Überzeugungen abhängig waren. Noch komplizierter jedoch stellt sich die Aufgabe, die zoologischen Klassifikationsmodelle in all ihren Facetten graphisch widerzuspiegeln. Im Kapitel 4 „Die moderne Welt“ kann der/die LeserIn daher sowohl die Entwicklung der aktuellen zoologischen Taxonomiekonzepte einschließlich ihrer analytischen Hintergründe (z.B. DNA) und zu berücksichtigenden Aspekte wie Ökologie, Artenschutz, Klimawandel als auch die technologischen Entwicklungen der bildhaften Darstellung – von der Zeichnung bis hin zur komputergenerierten Grafik und zur digitalen Animation nachvollziehen.

Ein interessanter Überblick

„Tiere ordnen“ ist zweifellos ein interessantes Buch, das richtig verstanden einen spannenden Überblick über die Illustrationsgeschichte der Zoologie liefert. Insofern erscheint mir der Untertitel ein wenig irreführend, denn für eine Geschichte der Zoologie erscheinen mir die Texte schon sehr knappgehalten, so dass es sicherlich hilfreich ist, wenn sich der/die LeserIn bereits ein wenig intensiver mit der Geschichte der Zoologie beschäftigt hat und dieses Buch als willkommene Ergänzung hinsichtlich der Geschichte der Illustrationen der Zoologie versteht.

David Bainbridge: Tiere ordnen. Eine illustrierte Geschichte der Zoologie. Haupt Verlag 2021. Hardcover 256 Seiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Neuerscheinung: Dear Mama

Das Tagebuch eines Deutschen Kriegsgefangenen in Tasmanien 1914 – 1915

Wenn am 10. Oktober 2021 im Rahmen des Hobart Writer’s Festival in der Hauptstadt des Australischen Bundestaates Tasmanien das Tagebuch von Fritz Stegherr, einem deutschen Kriegsgefangenen in Tasmanien und New South Wales (1. WK) der Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist es nicht nur für die Nachkommen des Verfassers und die Herausgeber, sondern auch für Das Online-Magazin GeschiMag und damit meine Wenigkeit ein besonderes Ereignis. Denn, wie im Vorwort des Buches beschrieben wird, hatte GeschiMag einen gewissen Anteil daran, dass es zu dieser Publikation gekommen ist.

Die Beiträge in diesem Magazin (Der Fall des Dampfschiffes Oberhausen, Die Mannschaft der SS Oberhausen im ersten Weltkrieg und Interniert in Australien) waren allerdings bestenfalls Initialzünder. Vor allem über die historischen Hintergründe von Stegherrs Tagebüchern geben die oben aufgeführten Artikel Auskunft. Das Buch selbst hat wiederum seine eigene Geschichte (siehe auch Zur falschen Zeit am falschen Ort). Nachdem sich die Menschen, die für die Publikation verantwortlich zeichnen, schließlich gefunden hatten, ging die eigentliche Arbeit erst so richtig los.

Paul & Kathy bei der Betrachtung des von Fritz Stegherrs Enkelin Roswitha Müller zur Verfügung gestellten Originaltagebuches*

Wer die GeschiMag-Beiträge verfolgt hat, wird sich nicht darüber wundern, dass das Tagebuch des Deutschen Offiziers ausgerechnet in Australien in englischer Sprache publiziert wird. Genau das aber bedeutete eine Menge Arbeit. Die Tagebücher sind nämlich in Deutscher Kurrentschrift geschrieben (nicht zu verwechseln mit der erst 1911 entwickelten Sütterlinschrift) und deren Entzifferung stellt nicht nur Fremdsprachler vor Herausforderungen. Der erste Versuch, die rund 500 Seiten Manuskript zu transkribieren und zu übersetzen erwies sich als schwierig. Aber schließlich gelang es, Paul Thost, der ehrenamtlich im Anglesea Barracks Museum und für das National Archive of Australia (NAA) arbeitet, für diese Aufgabe zu begeistern. Der verbrachte die folgenden 2 1/2 Jahre damit, das Tagebuch zu übersetzen, sodass nun, am 10. Oktober 2021 das spannende Zeitzeugendokument in englischer Sprache der Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Recherche im Museum der Bruny Island Quarantine Station*

Das Buch enthält das erste der fünf Tagebücher des Fritz Stegherr mit zahlreichen Fotos von Hobart und anderen zeitgenössischen Dokumenten und nimmt den/die LeserIn mit in die Vergangenheit. Besonders interessant hierbei auch die unterschiedlichen Mentalitäten und kulturellen Hintergründe. Viele Fotos, auf die im Text Bezug genommen wird, wurden aus verschiedenen Quellen hinzugefügt, um das Verständnis der Geschichte für den Leser zu verbessern.

*Die Fotos wurden mir freundlicherweise von Kathy Duncombe zur Verfügung gestellt.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schwerpunkthemen

Die Zeit der Tiere

Zur Polychronie und Biodiversität der Moderne

„ …. stets sind es konkrete Tiere, an denen in unterschiedlichen Techniken und Praktiken spezifisches Zeitwissen gleichermaßen zur Dar- wie zur Herstellung gelangt.“ Dieses Zitat aus dem Klappentext des Buches der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Lena Kugler beschreibt wohl besser als der Untertitel, worum es in diesem hochinteressanten Buch geht. Dabei nimmt die Autorin den/die LeserIn mit auf eine vielschichtige Zeit-Reise durch die Erd-, Menschheits- und Erkenntnisgeschichte und ihre kreative mediale und philosophische Verarbeitung in der Moderne.

Wenn Menschen in die Vergangenheit reisen und Tiere in die Zukunft

Was für ein Trauma: Da beginnt Mensch mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften die Tiefenzeit zu entdecken und er selbst kommt darin überhaupt nicht vor. Die biblische Krönung der Schöpfung als erdgeschichtliche Randerscheinung. Eine schier endlose Zeit, Millionen und Abermillionen Jahre Erdgeschichte und Evolution, belegt durch tierliche Fossilien, ohne jede menschliche Spur, eine Herausforderung für das Selbstverständnis und die narrative Erfindungskraft. Und so erfindet die Moderne nicht nur die Urgeschichte des Menschen, sie entwickelt auch fiktive Verbindungen zwischen seit buchstäblich undenklichen Zeiten ausgestorbenen Tieren und der eigenen Spezies. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne oder die diversen Variationen der „verlorenen Welten“ mit von Menschen in entlegenen Gegenden entdeckten rezenten Urviechern seien hier nur als Beispiele genannt. Dabei vermischen sich nicht nur Zeiträume, sondern auch Zeitrichtungen.

Insekten, Vogelmist und Schlachtfabriken

Immerhin haben fünf der neun Kapitel dieses Buches die Etablierungs- und Wirkungsgeschichte der sogenannten Tiefenzeit unter unterschiedlichen Aspekten zum Thema, eine spannende Geschichte, die auch die Erkenntnis „überindividuellen“ Sterbens und die teilweise bis heute gängige Spekulation über Art und Weise „dieser urgeschichtlichen Aussterbeprozesse“ und die jeweilige Rolle des Menschen beinhaltet.

Auch in den folgenden Kapiteln geht es weniger um Die Frage, was Zeit überhaupt ist, sondern wie Zeiträume gemessen, mit Leben gefüllt und begriffen werden können und welche Rolle den Tieren dabei zukommt. So befasst sich Lena Kugler in Kapitel VII beispielsweise mit „Insekten und der Physiologie der Zeit. Dabei geht es um nichts weniger als die Entwicklungsgeschichte und den Irrungen und Wirrungen der Forensischen Entomologie.

Umgang mit dem Artensterben zwischen Wissenschaft und Fiktion

Tiere Schlachten als Zeitmesser und Ursprung kapitalistischer Industrie-Fließbandproduktion, die Epoche des Vogelmists und daraus resultierende Tiefenzeitvorstellungen und vieles mehr behandelt die Autorin im Kapitel zur Betrachtung der Tiefenzeit der Arbeit, um sich schließlich im letzten Kapitel „Die Zukunft der Tiere“ mit dem Umgang mit dem sechsten Artensterben auseinanderzusetzen. Immer wieder stößt der Leser – wie bereits in den vergangenen Kapiteln – auf das komplexe Verhältnis zwischen Wissenschaft, Fiktion und Anthropozentrismus. Sei es, dass über die „Rekonstruktion“ ausgestorbener Tierarten mittels DNA-Technologie schwadroniert wird, sei es, dass über Marketingaktionen möglicherweise unumkehrbare Prozesse gestoppt oder der möglicherweise vermeidbare Verlust von Tierarten vorweggenommen und vorzeitig betrauert wird.

Alltagswissen als Relikt der Vergangenheit

Lena Kugler beschreibt in ihrem Buch die geistigen und kulturellen Prozesse, die die Zeit der Tiere und die Welt der Moderne prägen. Dabei begegnen dem/der Leserin nicht nur viele bekannte Protagonisten aus Literatur und Wissenschaft, sondern auch Ideen und Fiktionen, die wir heute teils immer noch als Fakten begreifen. Als Beispiele seien hier nur die Vorstellungen zum Leben der Menschen in der Urzeit genannt. Die Lektüre stößt den/die Leserin immer wieder auf neue Perspektiven zu scheinbar Selbstverständlichem, zeigt, wie unser Alltagsdenken noch immer von Kunstschöpfungen der Moderne geprägt ist. Es regt zum Reflektieren an und allein das ist schon die Lektüre wert, auch wenn sie sich aufgrund fremdsprachiger Zitate (englisch und viel französisch) gelegentlich etwas schwierig gestaltet und gelegentlich das Gefühl aufkommen lässt, wichtige Informationen verpasst zu haben.Lena Kugler: Die Zeit der Tiere. Zur Polychronie und Biodiversität der Moderne. Konstanz University Press 2021. Gebunden mit Schutzumschlag 445 Seiten

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

In 20 Sprachen um die Welt

Die größten Sprachen und was sie so besonders macht

Rund 6000 Sprachen werden heute weltweit gesprochen und geschrieben. Das sind deutlich weniger als in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Denn mit der Entwicklung der „großen“ Sprachen sterben viele der Kleinen nach und nach aus. Aber was macht große Sprachen aus, wie sind sie entstanden und warum sind es gerade diese 20, die der Journalist und Autor Gaston Dorren in seinem Buch im Plauderton und anekdotenreich präsentiert?

„Weltsprachen“ wie Arabisch, Suaheli oder Malaiisch

Zunächst einmal zeichnen sich die Sprachen, die Gaston Dorren für sein Buch ausgesucht hat durch die Zahl ihrer Anwender aus. Das reicht von Vietnamesisch mit etwa 75 Millionen Muttersprachlern bis Englisch mit rund 375 Millionen Mutter und immerhin insgesamt 1,5 Milliarden Sprechern. Dreizehn der vorgestellten Sprachen sind sogenannte Linguae francae, also Sprachen, die „die Kluft zwischen Menschen mit verschiedenen Muttersprachen überbrücken“. Dass Englisch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch dazugehören mag aus der europäischen Kolonialgeschichte heraus nicht weiter verwundern. Dass aber auch Suaheli (135 Millionen Sprecher) und Malaiisch (275 Millionen Sprecher) zu den überregionalen Verkehrssprachen gehören, ist für den/die einen oder anderen LeserIn sicher überraschend.

Die Dynamik von Sprachen

Aber eigentlich geht es in diesem Buch nicht primär um Zahlen. Es geht um Kulturgeschichte, um historische Entwicklungen, kulturelle und damit sprachliche Besonderheiten und um Veränderungen, um Konflikte, die (nicht nur) über die Sprache ausgetragen wurden und werden und nicht zuletzt um die Tatsache, dass Sprachen dynamische Systeme und alles andere als „rein“ sind. So gibt bereits der linguistische Überblick, der jeder Sprache vorangestellt ist, spannende Hinweise auf ihre Zugehörigkeit und Entwicklung, wobei jede Sprache im Laufe ihrer Geschichte nicht nur zahlreiche Wörter und Begriffe exportiert, sondern naturgemäß auch importiert hat. Sprachen, so die Erkenntnis passen sich (wenn auch oft ein wenig schleppend) grammatikalisch, begrifflich und orthografisch kulturellen Entwicklungen und Erfordernissen an. Und wenn dies nicht der Fall ist, drohen sie auszusterben.

Wenn selbst Muttersprachlern ihre Sprache zu starr ist

Ein Beispiel für eine bedrohte große Sprache ist Javanisch mit immerhin 95 Millionen Sprechern. Hier treibt das formelle Register der Sprache, das sogenannte Krama besondere Blüten. Wie in den meisten asiatischen Sprachen (aber auch anderen Sprachen der Welt) üblich, erfordern die zwischenmenschlichen Beziehungen der jeweiligen Gesprächspartner spezifische stilistische Formen. Im Javanischen sind die selbst für asiatische Verhältnisse so komplex und gleichzeitig starr, dass „viele Menschen in Indonesien selbst“, wie Gaston Dorren feststellt, „der javanischen Sprache gegenüber schlecht gesinnt (sind)“. Krama sei einer der Gründe dafür. Und so bevorzugen viele Javaner das deutlich einfachere Malaiisch bzw. Indonesisch. Spannend ist auch die Geschichte der Auseinandersetzung um den Erhalt, Vereinfachung und Wiederbelebung der javanischen Sprache, die in faszinierender Weise mit der Geschichte der Inselkultur verbunden ist.

Eine Abenteuerreise durch (Sprach-) Raum und Zeit

Bei der Behandlung der 20 großen Sprachen geht es nie um die Sprache allein. Die ist vor allem Aufhänger für die Behandlung von besonderen Sprachaspekten und Ausflüge in die Kulturgeschichte, wobei deutlich wird, dass große Sprachen, ihre Konzepte und Grammatiken immer in einem Zusammenhang und in Austausch zu und mit anderen Sprachen und Kulturen stehen. Dass sich der vielsprachige Autor recht unterschiedlicher Mittel, darunter auch Interviews mit seinen fremdsprachigen alter egos bedient macht das Buch nicht nur informativ, spannend, sondern auch kurzweilig und unterhaltsam. Über die faszinierende Welt der Sprachen (und teilweise auch Schriften) entführt Dorren seine LeserInnen auf eine abenteuerliche und außerordentlich gelungene kulturgeschichtliche Welt- Entdeckungsreise.

Gaston Dorren: In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht. C.H.Beck 2021, Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein, Rezension

Die große Erfindung

Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Schriften

Schrift als Erfindung? Verbirgt sich hinter der Schrift nicht ein evolutionärer Prozess, einhergehend und in Abhängigkeit von Kultur und Sprache? Ist Schrift nicht eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Zivilisation? In ihrem Buch „Die große Erfindung geht die Leiterin des europäischen Forschungsprojektes „Invention of Skripts and their Beginnings“, Silvia Ferrara diesen und vielen anderen Fragen auf den Grund und liefert außerordentlich unterhaltsam spannende Antworten.

Vom Bild über das Symbol zum Schriftzeichen

Vieles mag dem Leser zunächst überraschend erscheinen. So stellt Silvia Ferrera klar, dass die Schrift keine zwingende Voraussetzung für die Entstehung von städtischen Zivilisationen oder komplexen Gesellschaften war. In den Anfängen gab es nicht einmal einen direkten Zusammenhang zur Sprache. Der Übergang von Symbolen und Zahlensystemen beispielsweise zur Dokumentation von Warenein- und ausgängen im Rahmen der Tempelwirtschaften zu echten Schriften ist sicherlich fließend. Dennoch lassen sich gewisse Sprünge erkennen. So entwickelte sich aus bildhaften Symbolen Schriftzeichen, die es je nach Konzept erlaubten, Laute, Silben, Begriffe, mithin also Sprache und Geschichten wiederzugeben und auf entsprechenden Medien zu konservieren.

Kretische Hieroglyphen, Linearschrift A oder Rongorongo

Diese verschiedenen Schriftsysteme und ihre Entwicklung stellt die Autorin, deren Forschungsschwerpunkt auf den antiken Schriften der vorgriechischen Zeit liegt in kurzweiliger Form vor. Dabei behandelt sie auch die Schriften, die zwar gelesen werden können, deren zugrundeliegende Sprache und Kultur jedoch unbekannt ist. Dabei wird auch deutlich, warum sich mit gleicher Schrift Geschichten in ganz unterschiedliche Sprachen niederschreiben lassen, umgekehrt aber auch unterschiedliche Schriften Geschichten in der gleichen Sprache wiedergeben können. Natürlich gibt es auch Schriften, die noch nicht entziffert sind, und damit nicht einmal gelesen werden können. Diese Schriften zeigen einen weiteren Aspekt des geradezu unendlichen Forschungsfeldes. Denn wenn man eine Schrift weder entziffern noch lesen noch irgendeiner Sprache zuordnen kann, woher weiß man dann, dass es sich um eine Schrift handelt?

Schriftkonzepte für Puzzlefans

In anschaulichen Beispielen erzählt die Autorin wie Schriften funktionieren, welche Tücken bei ihrer Entzifferung lauern, und welcher Natur die kulturhistorischen Hintergründe ihrer Entstehung sind. Dabei führt sie nach und nach sprachwissenschaftliche Begriffe wie Homophonie, Onomatopöie, Logogramm, Ideogramm und viele andere mehr in ihre Erläuterungen ein, bis sich dem Leser am Ende das ganze komplexe Geflecht von Schriften mit ihren unterschiedlichen Konzepten ausbreitet, geradezu ein Dschungel, für den sich die Autorin mit unverhohlener (und ansteckender) Begeisterung als Guide anbietet. Ein Buch, das Schrift- und Sprachinteressierte aus verschiedenen Gründen ganz sicher nicht nur einmal lesen.

Silvia Ferrara: Die große Erfindung. Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Sprachen. C.H.Beck 2021. Gebunden mit Schutzumschlag, 251 Seiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Megalithen im indonesischen Archipel

Für die meisten von uns verbinden sich mit dem Begriff Megalith die imposanten, Jahrtausende alten, oft mythisch verklärten Steinsetzungen des europäisch-vorderasiatischen Raumes. Sie gelten als Orte der Kraft, in denen weißgewandete Priestergestalten den Lauf der Sonne beobachteten und allerlei magische Rituale veranstalteten. Für die Archäologen sind diese steinzeitlichen Großbauwerke mangels schriftlicher oder in anderer Form tradierter Quellen hinsichtlich ihrer Interpretation eine gewaltige Herausforderung. Die Megalithen im indonesischen Archipel präsentieren sich in weiten Bereichen zwar oft ebenso geheimnisvoll, bieten den Wissenschaftlern jedoch ganz andere interpretatorische Zugangsmöglichkeiten.

Eine Reise zu lebendigen Megalithkulturen

Seit 2000 unternimmt Autor Dominik Bonatz, Professor für Vorderasiatische Archäologie, archäologische und ethnographische Forschungen zu den Megalithen in Indonesien und präsentiert die Ergebnisse nun in seinem Buch in der Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie. Der/die LeserIn/BetrachterIn merkt schnell, dass sich hier ein ganz eigenständiges Panorama megalithischer Kultur und Geschichte ausbreitet. Das hat nicht nur mit den vielfältigen Stilen und Symboliken der ganz unterschiedlichen Megalithtraditionen des weitläufigen Archipels mit seinen mehr als 17.000 Inseln zu tun. Auch der zeitliche Rahmen dieser Traditionen unterscheidet sich deutlich von dem des europäisch-vorderasiatischen Raumes. Das beginnt im 1. Jahrtausend v.u.Z. und endet bei den rezenten Megalithkulturen wie beispielsweise in West-Sumba, wo noch heute die Errichtung von Steingräbern zu den sozialen Traditionen der dörflichen Clangesellschaften gehört.

Die Tradition kolonialistischer Geschichtsforschung überwinden

In seiner Einführung vermittelt Bonatz ganz wichtiges Hintergrundwissen zur historischen Entwicklung der europäisch geprägten Erforschung des Megalithphänomens, über die Megalithen in der Geschichte Indonesiens und nicht zuletzt das „strukturelle und mithin auch wissenschaftsideologische Dilemma“, das sich aus der „Archäologie in der Tradition kolonialistischer Geschichtsforschung“ mit seiner Aufteilung in prähistorische und klassische Archäologie ergibt, „das den Blick auf mögliche andere Zusammenhänge versperrt“. Für die Megalithkulturen des indonesischen Archipels jedenfalls taugt diese Einteilung nicht. In der europäischen Archäologie werden Megalithe traditionell der Prähistorie zugeordnet, während sie sich in Indonesien wie erwähnt teilweise bis in die heutige Zeit gehalten haben. Ein großer Teil der faszinierenden Megalithkulturen Indonesiens existierten zeitgleich und in Kontakt mit den hinduistischen, buddhistischen und muslimischen Reichen, die sich im Laufe des 2. Jahrtausends unserer Zeitrechnung vor allem auf den Hauptinseln Indonesiens etabliert hatten.

Von Sumatra über Sulawesi und Java nach West-Sumba

Bonatz beginnt seine archäologisch-ethnographische Reise zu den indonesischen Megalithkulturen auf Sumatra. Dort untersucht er die faszinierende Bilderwelt in Pasemah (Hochland Südsumatra), stellt die Megalithen im Hochlandregenwald der südsumatraischen Provinz Jambi vor, präsentiert die Megalithen im Land der Minangkabau (Hochland Westsumatra) und führt den/die LeserIn zu den Gräbern und Skulpturen in den Batak-Ländern in Nordwestsumatra. Die noch lebendigen megalithischen Traditionen auf der Sumatra vorgelagerten Insel Nias bildet die letzte Station auf/bei Sumatra, bevor der Autor seine LeserInnen zunächst nach Sulawesi, dann nach Java und schließlich zu den megalithischen Gräbern in West-Sumba entführt. Bemerkenswert dabei ist, dass jede der recht kleinräumigen Kulturen eine jeweils eigenständige voneinander unabhängige Entwicklung aufweisen, die sich sowohl in den Traditionen als auch in der jeweiligen Bildsprache ausdrückt.

Spannend mit neuen Blickwinkeln und Erkenntnissen

Der Autor stellt neben den Traditionen und der Bildsprache der großen Steine auch die soziale Ausprägung der jeweiligen Kultur, ihre Geschichte und trotz ihrer relativen Isolation auch die durchaus vorhandenen mal mehr mal weniger intensiven Beziehungen zu den historischen Reichen der Region in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Dass nicht nur die kulturellen Traditionen, sondern auch die dazugehörigen Artefakte durch Raub und Zerstörung gefährdet sind, versteht sich in unserer globalisierten, ökonomisch motivierten Welt leider fast von selbst. Gerade vor diesem Hintergrund kommt der archäologisch-ethnographischen Erforschung der indonesischen Megalithen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Traditionen, die sich in dieser Form durchaus noch am Anfang befindet, eine besondere Bedeutung zu.

Dominik Bonatz: Megalithen im indonesischen Archipel. Wbg 2021. Gebunden mit Schutzumschlag 168 Seiten

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Archäologie, Ethnologie, Rezension

1688

Die Welt am Vorabend des globalen Zeitalters

Mit seinem Buch 1688 unternimmt der amerikanische Geschichtsprofessor John E. Wills eine wahrhaft epochale Weltreise. Dabei ist, wie der Autor in seinem Vorwort hervorhebt, das „Portrait“ des Jahres 1688 lediglich ein Konstrukt, ein Kunstprodukt. Tatsächlich hätte er auch ein anderes Jahr des ausgehenden 17. Jahrhunderts oder nur den Untertitel als Buchtitel wählen können, aber immerhin gibt der Titel Anlass, die Reise durch den Vorabend des globalen Zeitalters mit dem „bis dato größten gedruckten Globus seiner Art“ zu beginnen.

Die virtuelle Welt der frühen Neuzeit

Die in weiten Teilen bereits erstaunlich genaue Darstellung der damaligen Welt, zumindest hinsichtlich der Küstenlinien der Kontinente, war das Ergebnis intensiver Korrespondenz des Franziskanerpaters Vincenzo Coronelli mit den Mächtigen, in deren Archiven sich das geographische Wissen seiner Zeit konzentrierte. Bis auf wenige Ausnahmen reichte das allgemeine Wissen um die Welt damals jedoch kaum über die Küstenlinien und Handelswege hinaus, geographische, wirtschaftliche, kulturelle und politische Informationen stammten meist von christlichen Missionaren an außereuropäischen Herrscherhöfen und natürlich von Seefahrern, die als Sklavenhändler, Kaufleute, Freibeuter, Walfänger oder Kaperer auf den Weltmeeren unterwegs waren.

Eine Fiktion des Jahres 1688

Aber genau deshalb ist ein globaler Blick in die Ereignisse um 1688 eine historische Fiktion. Denn die jeweiligen Informationen, die den (entsprechend privilegierten) Menschen in diesem Jahr zur Verfügung standen, waren von Interessen, kulturellen Vorurteilen, persönlichen Kenntnissen gefärbt. Zudem standen sie gar nicht zeitgleich zur Verfügung. Von Reisenden gesammelte Informationen erreichten oft genug erst Jahre später ihren Adressaten. Der Blick in das Jahr 1688 ist also erst im Nachhinein und unter Auswertung historischer Quellen möglich. Und genau das macht der Autor von 1688, wobei auch in Wills Retrospektive die jeweils ausgewählten Zeitzeugen den gesellschaftlichen Eliten und ihren Chronisten entstammen.

Menschengeschichte(n)

Wills nähert sich der Darstellung des Jahres 1688 über die Biografien historischer Persönlichkeiten, die gewissermaßen als Initialquellen bei der Betrachtung der ausgewählten Weltregionen führen. So beginnt die erste Geschichte des ersten Kapitels mit einer prunkvollen Prozession in Mexiko mit der die Neuspanischen Granden dem ehemaligen Vizekönig und seiner Gattin das Geleit für ihre Rückkehr nach Spanien gaben. Unerwarteter Weise ist es jedoch nicht der Vizekönig, sondern seine Gattin, deren für jene Zeit recht ungewöhnliches Leben und Wirken dem Autor zunächst für die Darstellung der Entwicklung der spanischen Expansion dient. Aber 1688 ist Spanien natürlich längst nicht mehr unangefochten auf den Weltmeeren unterwegs, so dass auch Afrika, der atlantische Dreieckshandel und die „Entdeckungen“ in der Südsee im Kapitel „Eine Welt voller Segelschiffe“ Gegenstand der historischen Betrachtungen sind.

Eine imposante globale Kultur-, Geistes- und Politikgeschichte

Nach ähnlichem biografisch begründetem Muster entwickelt Wills auch die Welt der großen Compagnie, also die niederländische Expansion oder die Besuche des russischen Imperiums und der asiatischen Reiche, die sich zum Ende des 17. Jahrhunderts noch immer als „Getrennte Welten“ mit eigenständiger Dynamik präsentieren. Mit dem Kapitel „Politische Welten“ kehrt der Autor an die europäischen Höfe wie Versailles, London und Amsterdam zurück, befasst sich mit den wissenschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnissen des Kontinents, um sich schließlich den Weltreligionen zu widmen, die bei der Vernetzung der Welt miteinander konkurrierten. Mit dem Kapitel „Heimatlose Welt: Exil, Utopie und Familie“ beschließt Wills seine Weltreise, die zwar 1688 ihren Fokus hat, tatsächlich aber mehr als ein Jahrhundert globale Kultur-, Geistes- und Politikgeschichte umfasst.

John. E. Wills: 1688. Die Welt am Vorabend des globalen Zeitalters. Unionsverlag 2021. Taschenbuch, 510 Seiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension

Sklavenausstellung im Rijksmuseum Amsterdam

Das Rijksmuseum Amsterdam, das nationale Museum für Kunst und Geschichte der Niederlande, wird in diesem Frühjahr seine erste große Ausstellung zum Thema Sklaverei zeigen. Dabei werden im Rahmen einer Ausstellung in den Niederlanden Geschichten über den Transatlantischen und den Sklavenhandel im Indischen Ozean erzählt werden. Die Ausstellung wird eröffnet, sobald die Coronamaßnahmen in den Niederlanden dies zulassen.

Anonymous, Enslaved Men Digging Trenches, c. 1850 Rijksmuseum, purchased with the suport of the Johan Huizinga Fonds/Rijksmuseum Fonds

Die niederländische Kolonialzeit auf vier Kontinenten

Die Sklaverei ist untrennbar mit der niederländischen Geschichte verbunden. Und so umfasst die Ausstellung die niederländische Kolonialzeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Sie zeigt die transatlantische Sklaverei in Suriname, Brasilien und der Karibik sowie die Rolle der Holländischen Westindien Compagnie (WIC). Und sie behandelt die niederländische Kolonialsklaverei in Südafrika und Asien, wo die Holländische Ostindien Compagnie (VOC) tätig war. Die Auswirkungen des Systems in den Niederlanden während des Berichtszeitraums werden ebenfalls hervorgehoben. Insgesamt bietet sie also eine geografisch breite und gleichzeitig spezifisch niederländische Sichtweise, wie sie in einem Nationalmuseum noch nie zuvor gezeigt wurde.

Zehn wahre Geschichten

Der Besucher lernt das Leben von zehn zeitgenössischen Menschen kennen, die alle ihre eigene Geschichte erzählen. Es sind zehn wahre und persönliche Geschichten über versklavte Menschen und Sklavenhalter, Menschen, die Widerstand leisteten, und Menschen, die als Sklaven in die Niederlande gebracht wurden. Wie war ihr Leben? Wie war ihre Einstellung zum System der Sklaverei? Konnten sie ihre eigenen Entscheidungen treffen?

Jacob Coeman, Pieter Cnoll, Cornelia van Nijenrode, their Daughters and Two Enslaved Servants, 1665, Rijksmuseum

Die Präsentation

Die Besucher hören mündliche Quellen, Gedichte und Musik. Ergänzt werden die Geschichten durch Exponate, die noch nie zuvor im Rijksmuseum gezeigt wurden. So beispielsweise Objekte, die von Menschen in der Sklaverei geschätzt oder Werkzeuge, die auf Plantagen verwendet wurden. Die präsentierten Objekte stammen aus nationalen und internationalen Museen, Archiven und Privatsammlungen wie dem National Museum voor Wereldculturen, dem British Museum, der National Gallery of Denmark, den Iziko-Museen in Südafrika, der St. Eustatius Historical Foundation und dem National Archaeological Antropological Memory Management (NAAM) in Curaçao, das Nationalarchiv von Südafrika, Indonesien und den Niederlanden sowie Privatsammlungen in Sint Eustatius, Suriname, Niederlande.

Anonymous, Foot stocks designed for the constraint of multiple enslaved people, with 6 seperate sackles, c. 1600-1800, Rijksmuseum, gift from Mr J.W. de Keijzer

Ein starkes Konzept

Eine kostenlose Audiotour, die es auch als spezielle interaktive Audiotour für Kinder gibt, führt die Besucher durch diese sehr unterschiedlichen Leben. Unter den Erzählern sind Joy Delima, Remy Bonjasky und Anastacia Larmonie, die jeweils über ihren eigenen Hintergrund eine Verbindung zu einer der zehn Personen haben. Die Beziehung zur Sklaverei wird schließlich auch in anderen Teilen des Rijksmuseums besonders hervorgehoben. So erhalten rund 70 Objekte in der Sammlung für ein Jahr eine zweite Beschreibung, die eine bislang unbeachtete Beziehung zur Sklaverei erklärt.

Bereits jetzt kann man der Ausstellung einen virtuellen Besuch abstatten. Denn die Museumsseite präsentiert nach und nach spannende und informative Videos und Animationen zu den einzelnen im Rahmen der Ausstellung vorgestellten Schicksale und noch einiges mehr. Und nicht zuletzt gibt es natürlich auch einen Begleitband zur zweifellos beachtenswerten Ausstellung, deren physische Öffnung wohl für Ende Mai geplant ist.

Quelle: Pressemitteilung des Rijksmuseum Amsterdam vom 16.11.2020

Zur Ausstellungshomepage https://www.rijksmuseum.nl/en/stories/slavery

Weiterlesen

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ausstellungen