Forts in den Kolonien

See-Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert

Über die Geschichte des niederländischen Goldenen Zeitalters ist bereits viel geschrieben worden. Wer sich für diese Epoche interessiert, findet problemlos Literatur zur Seefahrt, zur Wirtschaft, zu Seeschlachten und Kriegen oder zu politischen Ereignissen dieser Zeit. Olaf Wagener, Historiker und Burgenforscher, widmet sich in seinem Buch Forts in den Kolonien mit der Betrachtung der niederländischen Kolonialforts einem ganz speziellen Aspekt der globalen holländischen Expansion im 17. und 18. Jahrhundert. Weiterlesen

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Alexander von Humboldt, Das zeichnerische Werk

Von den rund 600 Seiten mit graphischen Elementen aus dem Nachlass Alexander von Humboldts stellen Dominik Erdmann und Oliver Lubrich im von ihnen herausgegebenen Buch „Alexander von Humboldt. Das zeichnerische Werk“ 260 Blätter vor, die einen Eindruck vom Denken und Schaffen des berühmten Naturforschers vermitteln. Dabei unterscheiden sich die hier präsentierten Zeichnungen deutlich von jenen Abbildungen, die im ebenfalls von Oliver Lubrich herausgegebenen „Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk“ vorgestellt werden. Während es sich beim Graphischen Gesamtwerk aber um jene Bilder handelt, die von Humboldt zu seinen Lebzeiten in seinen Büchern oder Aufsätzen veröffentlicht wurden, präsentieren die Herausgeber beim hier vorliegenden zeichnerischen Werk gewissermaßen handschriftliche Vorstufen oder unveröffentlichte Manuskripte aus Humboldts Nachlass. Weiterlesen

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Und hatten die Pest an Bord …

Größtes Exponat der Pest-Ausstellung – ein Schiffsanker – erreicht Herne

Presseinfo des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (lwl). Was hat ein Anker mit der Pest zu tun? Am Montag erreichte das LWL-Museum für Archäologie in Herne das größte Exponat der Sonderausstellung „PEST!“. Der massive Anker eines französischen Schiffes aus dem 18. Jahrhundert ist ein Zeugnis des letzten Ausbruchs der Seuche in Westeuropa, denn im Jahr 1720 brachte das Handelsschiff „Grand Saint Antoine“ die Pest nach Marseille.
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Entdeckungsreisen

Magische Bilder exotischer Welten

Von Hans Sloanes Reise nach Jamaika (1687 – 1689) über Maria Sibylla Merians Schmetterlinge in Surinam (1699 – 1701) bis hin zur Fahrt der Challenger (1872 – 1876) widmet sich das Buch den bedeutenden Forschungsreisen, deren naturwissenschaftliche Ausbeute in Form von Artefakten, gesammelten tierischen und pflanzlichen Exemplaren und vor allem Bildern in gewaltiger Zahl im heutigen Museum of Natural History in London gelandet sind. Somit ist das Buch nicht nur eine Geschichte der Forschungsexpeditionen und ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Protagonisten, sondern auch eine Geschichte der Entstehung der gewaltigen naturwissenschaftlichen Sammlung des Museums, die mit einigen Überraschungen aufzuwarten weiß. Weiterlesen

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension, Zeitalter der Entdeckungen

Theodor de Bry: America

Ein Bildband der Extraklasse

Zwischen 1590 und 1634 publizierten Theodor de Bry und seine Erben eine umfangreiche Sammlung von aufwändig illustrierten Reiseberichten, die als Vorläufer des modernen Bildbandes gelten. In 25 Bänden im Folioformat veröffentlichten sie insgesamt etwa 50 Reiseberichte von Europäern aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Die vorliegende Edition des Taschen-Verlages, ebenfalls im Folioformat, umfasst die ersten neun der insgesamt dreizehn Bände der America-Serie und liefert neben den Hintergründen zur Publikationsgeschichte und Marketingstrategie der damals in diesem Genre führenden Frankfurter Verlegerdynastie, eindrucksvolle Einblicke in die Geschichte der europäischen Entdeckungen und die Weltsicht der Entdecker und Eroberer.

De Bry, Erfinder des Konzeptes des modernen Bildbandes

Die de Brys waren die ersten, die in Frankfurt die Technik des Kupferstichs in den Buchdruck integriert und damit prächtige Bildbände erschaffen hatten. Und sie prägten unser Bild von den außereuropäischen Kulturen jener Zeit in verschiedener Hinsicht bis heute. Denn die Illustrationen wurden, mit jeweils unterschiedlichen Texten versehen, in den folgenden Jahrhunderten immer wieder „abgekupfert“, phantasievoll koloriert und in unterschiedlichen Zusammenhängen als authentische Quelle publiziert. Dabei waren sich die de Brys nicht zu fein, sowohl bei die Bilder als auch die Texte je nach Zielgruppe redaktionell anzupassen. Die lateinischen, für die Leser in den katholischen Regionen publizierten Bände, ließen gegenüber den Grausamkeiten der spanischen Eroberer eine gewisse Milde walten, während in den deutschsprachigen Ausgaben für den protestantischen Teil der europäischen Welt bestimmten Bänden gewissermaßen die Moralkeule geschwungen wurde.

Fakes als Marketingstrategie

Auch die manipulative Kraft von Bildern wussten die marketingbewussten Verleger zu nutzen. So wurden die in den Originalberichten vorgefundenen Bilder bearbeitet oder gar Neue erfunden, um „die Diskrepanz zwischen zivilisierten (christlichen) Reisenden aus Europa und den wilden, unkultivierten Heiden aus Afrika, Asien und Amerika hervorzuheben.“ So beschlossen die de Brys beispielsweise die Gefolgschaft eines regionalen Herrschers von Gabun entgegen dem zum Reisebericht gehörigen Holzschnitt in ihrer Illustration schlichtweg ihrer Kleidung zu berauben, dabei die Genitalien der Edelleute zu zeigen und in die Bildlegende die durch den Originalbericht nicht belegten Wörter „gantz nacket“ bzw. „toda nuda“ einzufügen. Verkaufsfördernd schienen solche Bearbeitungen ebenso zu sein, wie die Produktion von phantasievollen Eyecatchern für die Frontispize, mit denen, ähnlich wie heute mit den Covern das Buch beworben wurde.

Die manipulative Kraft von Farben

Der Taschen-Edition ist eine wunderbare Informationsquelle unter anderem zur durchaus wechselhaften Dynastie- und Verlagsgeschichte, die mit dem 1527/28 in Lüttich geborenen protestantischen Goldschmied Theodor de Bry begann. Die Methoden aber auch Rahmenbedingungen der De Brys als Verleger, das Buchgeschäft in der frühen Neuzeit und natürlich einen Überblick über das Gesamtwerk und seine Folgen, erhält der Leser ebenfalls im Rahmen der umfassenden Einleitung. Dazu gehören auch nicht nur für Sammler wichtige Informationen, beispielsweise wenn es um die Kolorierung der de Bry’schen Folianten geht. Die de Brys selbst haben nämlich gar keine kolorierten Versionen ihrer Reiseberichtsammlungen angeboten. Spannend hierbei, dass es für die Farbengebung der Illustrationen in den (im Rahmen von Auftragsarbeiten der Besitzer) Bänden keine Vorlagen, also Farbschemata gab. Aber selbst die Farbgebung, so unterschiedlich sie in den verschiedenen Werken auch ausfiel, folgte gewissen Absichten und war durchaus nicht zufällig und allein dieses Thema erweist sich bei näherer Betrachtung als recht komplex. Und so ist den „unterschiedlichen Kolorierungen in de Brys Grands Voyages“ (mit Berichten aus Amerika) im Anschluss an die Einführung ein eigenes Kapitel gewidmet.

Ein Werk für Sinn und Verstand

Die sechs ersten Bücher der Amerika-Serie werden in der Taschen-Edition mit ihren kolorierten, oft ganz- und doppelseitigen Illustrationen präsentiert, da nur von diesen Exemplare existieren, die bereits unmittelbar nach dem Druck koloriert wurden. Konsequenterweise werden die Bildtafeln der drei folgenden Bände in Schwarz-Weiß gedruckt. Jedem Band mit seinen Bildtafeln und dazugehörigen Texten ist jeweils einen eigene Einleitung vorangestellt, durch die die in der Einführung aufgegriffenen Aspekte noch einmal vertieft werden. Die America-Serie führt den Leser in die frühneuzeitliche Welt von Virginia, Florida, Brasilien, Karibik & Zentralamerika, Mittelamerika, Peru, Rio de la Plata, noch einmal Karibik sowie Mexiko & Magellanstraße. Nach Band neun wurde die Serie erst einmal für 16 Jahre ausgesetzt. So sind die ersten neun Bände als Einheit zu verstehen und zu lesen und gelten „als die Besten der gesamten Reihe“.

Theodor de Brys Amerika ist eine Quelle nahezu unerschöpflicher Information. Dafür sorgen nicht nur die Texte, sondern eben auch die Bilder, die zu interpretieren und mit dem eigenen Wissen zu vergleichen, ein Abenteuer der besonderen Art ist. Und natürlich ist der aufwändig gestaltete und ausgestattete Foliant bereits ein Genuss für sich. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Buch zwar ein durchaus repräsentatives, für den Historiker und Kulturgeschichtler (und allen, die sich dafür interessieren) aber auch ein wirklich spannendes Werk ist.

Michel van Groesen (Hrsg), Larry E. Tise: Theodor de Bry. America. Sämtliche Tafeln 1590 – 1602. Taschen-Verlag 2019. In Leinen gebunden, 28,5 x 39,5 cm, 376 Seiten.

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Die Entdeckung der Nilquellen

Reisebericht von John Hanning Speke

Die Suche nach den Quellen des Nils hat eine unglaublich lange Geschichte. Alexander der Große beschäftigte sich bereits mit dem Thema, Ptolemäus II. schickte eine Expedition den Blauen Nil hinauf, der Römische Kaiser Nero ließ zwei Zenturionen mit ihren Hundertschaften den Weißen Nil Flussaufwärts folgen und im 19. Jahrhundert entbrannte zwischen den europäischen Reisenden und Entdeckern ein wahrer Wettlauf ins Innere Afrikas, um dem Ursprung des „wohl berühmtesten Flusses der Menschheit“ auf die Spur zu kommen. Einer der Reisenden war der Brite John Hanning Speke, der für sich in Anspruch nehmen kann, eine Nilquelle in Form des Abflusses aus dem Victoria-See als erster Europäer gesichtet zu haben.

Im Dienste der Royal Geographic Society

Speke war, wie viele Entdeckungsreisende, ein Offizier der britischen Armee, der bereits während seiner Dienstzeit in Indien Erkundungsausflüge in den Himalaya, zum Mount Everest und nach Tibet unternahm. Nachdem Speke auf seiner zweiten Afrikareise als erster Europäer den See erreichte, den er zu Ehren der damaligen Britischen Königin Victoriasee nannte, bestätigte er im Rahmen seiner dritten und letzten Afrikaexpedition die Existenz des Nilausflusses aus dem größten See Afrikas. Hintergrund dieser Reise war der Streit um die genaue Verortung der Nilquellen zwischen Speke und Richard Burton, seinem Kollegen auf den ersten beiden Afrikareisen. Während nämlich Burton seine Entdeckung, den Tanganjikasee, für die Quelle des legendären Flusses hielt, bestand Speke auf dem von ihm entdeckten Gewässer als Nilquelle. 1859 entschied der Vorsitzende der Royal Geographic Society, Speke noch einmal nach Afrika zu schicken, um dessen Vermutung durch Augenschein zu bestätigen.

Entdeckungen im Spannungsfeld indigener Ränkespiele

Am 17. November 1661 erreichte Speke von Sansibar aus die Grenze des Reiches Karagwe, um schließlich acht Tage später, sicher geleitet von dessen Untertanen, den König Rumanika in seinem Palast persönlich zu treffen. Am 17. November 1661 beginnt auch der in der Edition Erdmann herausgegebene und mit einer Einleitung des Übersetzers, Niels-Arne Münch versehene Reisebericht Spekes. Ganz bewusst konzentriert sich die Erdmann-Ausgabe auf die Aufenthalte Spekes an den Regierungssitzen der innerafrikanischen Königreiche. Hier verbringt der Reisende tatsächlich einen großen Teil der Zeit seiner Expedition, wenn auch nicht ganz freiwillig. Denn auch, wenn Speke immer wieder seine moralische Überlegenheit und Autorität herausstellt, ohne die Zustimmung und Unterstützung der regionalen indigenen Machthaber geht zu dieser Zeit in der zentralafrikanischen Region auch für Europäer gar nichts. Und die verfolgen durchaus ihre eigenen machtpolitischen und gesellschaftlichen Interessen und Ziele.

Das europäische Bild des afrikanischen Despoten

Speke versucht, die afrikanischen Herrscher mit der Macht seiner Königin und der Größe des britischen Empire zu beeindrucken, deren Machtelite er vorgibt anzugehören. Und doch wird er von den afrikanischen Königen hinsichtlich der Unterstützung seiner Reise hingehalten, behindert, für deren politische Zwecke instrumentalisiert und gewissermaßen ausgenommen. Das interessante an Spekes Bericht ist letztendlich dessen Interpretation der Ereignisse, und die damit verbundene Bewertung der moralischen und intellektuellen Fähigkeiten seiner Gastgeber. Es sind nicht in erster Linie die natürlichen Gegebenheiten, die eine Expedition in den (Europäern) unbekannten Schwarzen Kontinent so mühsam machen, sondern die Abhängigkeit von weitgehend unverstandenen kulturellen und politischen Zusammenhängen und Prozessen im nie als solches begriffenen Gastland. Diese mentalen Grenzen europäischer Betrachtungsweisen scheinen Speke allerdings gelegentlich selbst aufzufallen, etwa wenn er zwischen den Zeilen das Gefühl äußert, dass ihm Informationen und Sachverhalte vorenthalten werden oder dass sich im Hintergrund unverstandene politische Prozesse innerhalb und außerhalb des Palastes abspielen. Selbstzweifel an der grundsätzlichen europäischen Überlegenheit kommen allerdings nicht auf.

Spannendes zwischen den Zeilen

Wie aus der Einleitung von Niels-Arne Münch hervorgeht, verbirgt sich zwischen den Zeilen oder besser im von Spekes Verleger bearbeiteten und gekürzten Originalmanuskript gewissermaßen eine zweite, persönlichere Ebene. Der Abenteurer war sich nämlich nicht zu schade, „sich mit den Einheimischen ernsthaft einzulassen und auch in ihrem Alltag teilzunehmen – etwa an Saufgelagen am Hofe der Königin“. Tatsächlich, so erfährt der Leser beispielsweise in einer Fußnote zum offiziellen, vom Verleger viktorianischen Moralvorstellungen angepassten Text, verbarg sich hinter der „väterlichen Beziehung“ zu einer vom König geschenkten Sklavin eine veritable erotische Liebesgeschichte. Die von Speke im Original offen dargestellten intimen Bedürfnisse von König und Königin fallen ebenfalls der viktorianischen Anpassung zum Opfer. Und so ist „Die Entdeckung der Nilquellen“ alles in allem mehr als einer der üblichen Reiseberichte, dessen Lektüre sich trotz einiger Längen (die der Dokumentation der permanenten königlichen Hinhaltetaktiken und Machtdemonstrationen geschuldet sind) durchaus lohnt. Die In den Umschlagseiten abgebildeten Karten der drei Afrikareisen Spekes sind hinsichtlich der Orientierung des Lesers nicht wirklich gelungen. Viele der im Bericht aufgeführten Ortsnamen, tauchen in den Karten nicht auf und eine zeitliche Zuordnung der einzelnen Stationen auf den Reiserouten gibt es leider ebenfalls nicht.

John Hanning Speke: Die Entdeckung der Nilquellen. Am Victoriasee. Edition Erdmann 2019, Gebunden mit Schutzumschlag, 365 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

Die Peking

Ein Flying P-Liner kehrt nach Hamburg zurück
Sie ist nicht der einzige der Flying P-Liner, der den Zahn der Zeit überstanden hat. Dennoch ist die Viermastbark Peking ein bedeutendes Denkmal der Seefahrtsgeschichte. Im Sommer 2017 erreichte der marode Segler nach seiner Atlantiküberquerung huckepack im Dockschiff seinen ursprünglichen Heimathafen Hamburg. Hier wird es in den Originalzustand zur Zeit seines Stapellaufes 1911 versetzt und als Museumsschiff Teil des geplanten Hamburger Hafenmuseums werden. Das OCEANUM-Special „Die Peking“ beleuchtet alle Facetten der Geschichte und Gegenwart des bemerkenswerten Handelsseglers, der immerhin siebzehn mal das
legendäre Kap Hoorn umrundete. Lesen Sie weiter auf Marexpedi

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

Schifffahrtszyklen

von den Kindertagen der Globalisierung bis in die Zukunft
Schifffahrtszyklen: Mit dem Begriff, der so vermeintlich einfach daherkommt, zeichnen die Autoren des Buches das Bild einer komplexen, von ökonomischen, politischen und sozialen Aspekten geprägten Geschichte des globalen Seehandels, die gewissen zyklischen Regelmäßigkeiten zu folgen scheint. Immerhin drei langfristige Trends und 22 kurze Zyklen der Schifffahrt, deren Ursachen und Entwicklungen haben Volkswirt Dr. Thomas Straubhaar und Wirtschaftshistoriker Dr. Franz Wauschkuhn in ihrem Buch beschrieben. Für die Zukunft des Welthandels kommen sie dabei zu interessanten Ergebnissen. Lesen Sie weiter auf Marexpedi

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

Elefant

Graue Riesen in Natur und Kultur

Dem größten noch lebenden Landsäugetier widmet das Knauf-Museum Iphofen vom 31. März bis 10. November 2019 eine Sonderausstellung und einen Begleitband, der sich vor allem mit den kulturgeschichtlichen Aspekten der grauen Riesen befasst. Die meisten Menschen kennen das Rüsseltier als Elfenbeinlieferant, Publikumsmagnet in Zoos und leider immer noch aus dem Zirkus. Auch in freier Wildbahn kann man den Dickhäuter mit der sieben Millionen Jahre alten Ahnenreihe noch beobachten und natürlich findet man ihn auch auf der Liste der bedrohten Tierarten. Die Autoren der Aufsatzsammlung „Elefant“ entführen den Leser in die in mehrfacher Bedeutung aufregende Welt der Mensch-Elefant-Beziehung von der letzten Eis- bis in die heutige Zeit.

Evolution und Biologie der Elefanten

Das Kapitel zur Evolutionsgeschichte und Biologie des Elefanten umfasst gerade einmal 14 Seiten, hat es aber durchaus in sich. In Wort und Bild erhält der Leser hier zunächst einen gut verständlichen Abriss der Evolutionsgeschichte, um anschließend mit den wesentlichen körperlichen Merkmalen der Rüsseltiere vertraut gemacht zu werden. Allein die Informationen zu den Stoßzähnen bergen so manche Überraschungen, ebenso wie die zum Gebiss oder zum Schädel. Hier wird nicht nur beschrieben, sondern auch die evolutionären Hintergründe erklärt. Und haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie eigentlich die Elefantendusche funktioniert?

Mensch-Elefanten-Beziehung Zwischen Verehrung, Erniedrigung und Ausrottung

Keiner der fünfzehn Beiträge ist übermäßig lang und doch gelingt es den Autoren jeweils einen tiefen Einblick in den jeweils behandelten Aspekt zu vermitteln. Der Beitrag „Dem illegalen Handel auf der Spur“ beispielsweise stellt nicht nur den Status der Elfenbeinwilderei und des illegalen Handels dar, sondern zeigt auf, wie mittels Isotopenanalysen die Herkunft von konfisziertem Elfenbein bestimmt, Schmuggelrouten nachverfolgt und das Alter der gehandelten Stoßzähne festgestellt werden kann. Elfenbein steht in Form einer Mammutgravur auf einem Stoßzahnfragment auch im Mittelpunkt des Aufsatzes „Giganten der Eiszeit“. Hier deutet sich bereits das zwiespältige Verhältnis zwischen Mensch und Elefant an: Einerseits Fleisch- und Rohstofflieferant, andererseits verehrtes, sogar göttliches Wesen.

Die Antike und ihre Elefanten

Wer kennt sie nicht, die Geschichte, wie Hannibal mit seinen Kriegselefanten über die Alpen zieht? Dr. Dorothee Schäfer vom Museum Fünf Kontinente ist in ihrem Aufsatz Wo sind Hannibals berühmte Elefanten geblieben? sowohl den historischen Hintergründen, als auch den Dickhäutern des karthagischen Feldherrn auf der Spur. Ganze Heere von Kriegselefanten durchziehen die afrikanische und asiatische Geschichte und wenn die grauen Riesen am Ende auch nicht mehr Kriegsentscheidend, sondern vor allem Prestigeobjekte der jeweiligen Herrscher waren, ihre Faszination bleibt bis heute ungebrochen. Und während die biologischen Vertreter ihrer Art in Schlachten und als Arbeitstiere verbraucht wurden, erfuhren ihre transzendenten Artgenossen in den östlichen Religionen göttliche Verehrung. Wenigstens blieb ihnen das abgeschlachtet werden in römischen Arenen weitgehend erspart, die Tötung von Elefanten während der so beliebten Tierhatzen kam nämlich beim Publikum gar nicht gut an.

Elefanten in der Unterhaltungsindustrie

In Mitteleuropa taucht der Elefant in historischen Zeiten zunächst als recht phantastische Kreatur in mittelalterlichen Publikationen auf. Erst mit den Menagerien, Zirkussen und Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhundert wurde der Elefant auch hierzulande erlebbar. In unserer Erlebniswelt konnten wir das faszinierende Wesen dabei vor allem als mit textilem und metallenem Schmuck überladenes exotisches Reittier bewundern oder seine unbändige Kraft bei seiner Vorführung als Arbeitselefant bestaunen. Und natürlich sind vielen Lesern noch die entwürdigenden Zirkusschauen mit den unter Zwang andressierten „Kunststücken“ in Erinnerung. Dieses Vorführen und die nicht artgerechte Haltung (über die natürlichen Lebensbedingungen der Elefanten gibt Wolfgang Stein am Ende des Buches unter „Die grauen Riesen in Zahlen und Fakten“ Auskunft) ist in der zirzensichen Unterhaltungsindustrie leider immer noch an der Tagesordnung.

Der Elefant in den mitteleuropäischen Erlebniswelten

Mit seinen persönlichen Erinnerungen an die Elefantenparade eines Zirkus, der 1981 nach Würzburg kam, führt der Leiters des Knauf-Museums übrigens in seinem Vorwort in das Thema ein. Am Ende der spannenden Zeit- und Kulturreise, findet sich der Leser im Rahmen eines Interviews mit dem Elefantenpfleger Navin Adami schließlich im Münchener Tierpark wieder. Eine wirkliche gelungene Darstellung der Kulturgeschichte des Elefanten.

Markus Mergenthaler, Wolfgang Stein (Hrsg.): Elefant. Graue Riesen in Natur und Kultur. Nünnerich-Asmus 2019. Gebunden 211 Seiten.

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Geschichte unserer Umwelt

66 Reisen durch die Zeit

Wenn Sie dem Geschwurbel von Politikern von der Möglichkeit des Erreichens eines Klimaziels Glauben schenken, sollten Sie sich das Buch von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork zu Gemüte führen. Denn die dritte Auflage ihres 2014 erstmals erschienenen, um sechs Reisen erweiterten und überarbeiteten Buches Geschichte unserer Umwelt stellt mit seinen Reisen in die Vergangenheit klar, welche Kräfte und Einflüsse tatsächlich über das Wohl und Wehe der Menschheit bestimmen.

Es ist inzwischen beinahe eine Binsenweisheit: Die Eingriffe des Menschen in die Natur bleiben – je nach Intensität – nicht ohne Folgen für das jeweilige Ökosystem. Die Reisen der AutorInnen in die Vergangenheit veranschaulichen aber wesentlich mehr als diese einfache Wahrheit. Denn es ist eben nicht nur der Mensch, der gestaltend auf die Umwelt einwirkt, zwischen Mensch und Umwelt existiert eine oft genug unberechenbare Wechselwirkung. Im Nachhinein lassen sich diese Wechselwirkungen aus anthropozentrischer Perspektive als ökonomische, ökologische oder gesellschaftliche Katastrophe oder auch als gelungenes Beispiel für nachhaltiges Wirken begreifen. Und so reist der Leser in die Vergangenheit und um den ganzen Globus, um zunächst die Auswirkungen natürlicher Ereignisse wie beispielsweise Vulkanausbrüche, Pestepidemien Klimaveränderungen oder Hochwasser, Sturmfluten und Folgen seismischer Aktivitäten auf die menschliche Population im Allgemeinen, und deren gesellschaftliche Organisation im Besonderen kennenzulernen. Bereits hier wird eine der Kernaussagen des Buches deutlich: Es ist ein ewiger Kreislauf von Aktion, Folge und Reaktion, dessen Ergebnis nicht vorhersagbar ist, dessen Risiken und Möglichkeiten aber in der Betrachtung der Vergangenheit sichtbar werden.

Oft war es anders als die Geschichtsbücher lehren

Im gewissen Sinne darf auch der Mensch als Naturereignis begriffen werden. Denn seine gesellschaftliche Entwicklung, seine Nahrungsproduktion, seine Wohn- und Lebensbedürfnisse haben immer wieder direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Ökologische Systeme werden verändert, das Klima wird beeinflusst, geologische und hydrologische Strukturen genutzt, verändert, zerstört. Bei den im Kapitel Mensch und Natur in Agrargesellschaften präsentierten Aufsätzen liefern die AutorInnen allerdings auch Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft und Bodennutzung, die inzwischen allerdings weitestgehend der Globalisierung und dem ökonomischen Primat zum Opfer gefallen sind. Egal ob die Osterinsel, die Niederlande, eine präkolumbianische Kultur im Amazonasgebiet, die Geschichte des Umgangs mit Wasser und Fäkalien in japanischen Städten, oder die Landwirtschaft der grönländischen Wikinger, den AutorInnen gelingt es immer wieder, den Leser zu überraschen und scheinbar Bekanntes in Frage zu stellen.

Transformation des Victoriasees

Nicht anders stellt es sich in den Essays dar, die sich mit Transport, Handel und Umwelt insbesondere seit der Frühneuzeit befassen. Da geht es um Baumwolle, Plantagenwirtschaft und invasive Arten, die Folgen der chemischen „Wundermittel“ in der Landwirtschaft und der völligen Veränderung gewaltiger Ökosysteme, wie das Beispiel des Transformation des Victoriasees in kolonialer und postkolonialer Zeit zeigt (innerhalb gerade einmal 50 Jahre). Viele unterschiedliche Faktoren wie die Entwaldung des umgebenden Landes, Erosion und Düngemitteleintrag, Aussetzen fremder Fischarten, Aufbau einer Fischmehlindustrie und anderes mehr führten dazu, dass heute rund 200 Fischarten ausgestorben sind, durch die ungebremsten Eintrag von Phosphaten der See umzukippen droht und damit Millionen Menschen, die vom See und seinem Wasser abhängig sind, ihren Lebensunterhalt verlieren und zu Umweltflüchtlingen werden könnten.

Grundsätzliches gesellschaftliches Umdenken erforderlich

Die koloniale Wirtschaft nahm keine Rücksicht auf die Umwelt. Die Ökonomie war (und ist es weitgehend bis heute) auf maximale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet. Bei den Aufsätzen dieses wie auch des folgenden Abschnitts (Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise) wird immer deutlicher, dass nicht nur der rücksichtslose Umgang mit der Natur, sondern vor allem auch die Globalisierung der Ausbeutung auf eine ökologische Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes zusteuert. Die Folgen der immer massiveren Eingriffe in die Umwelt sind nicht mehr berechenbar, Bewältigungsstrategien unliebsamer Folgen verstärken in der Regel die Probleme, der Mensch hat eine gewaltige Risikospirale in Bewegung gesetzt. Die AutorInnen beschränken sich in ihren Ausführungen nicht nur auf ökologische und ökonomische Aspekte. Gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse, Politik, kulturelle Ausformungen, soziale Verhältnisse, philosophische Fragen und vieles mehr ziehen sich hintergründig durch die einzelnen Essays und sind zentrale Elemente sowohl des einführenden Zeitreiseführers als auch des ungemein wichtigen Abschlussbeitrags Auf dem Weg zur vorsorgenden Gesellschaft?. Sehr eindrucksvoll hier der Abschnitt Auf dem Weg zu einer vorsorgenden Gesellschaft, der die aktuellen neoliberalen Vorstellungen von gesellschaftlichem Handeln auf den Kopf stellt.

Eine Pflichtlektüre für Zukunftsorientierte

Das Buch hat mich mit seiner klaren, verständlichen Sprache, den spannenden Beispielen mit auch für den historisch gebildeten Laien oft genug überraschenden Informationen und den aufregenden (aber unaufgeregten) Schlussfolgerungen, schwer beeindruckt. Es sollte Pflichtlektüre für Politik und Wirtschaft aber auch für alle Technologiegläubigen, Arbeitsplatz- und Wachstumsfetischisten und jene sein, die glauben, die komplexen und noch gar nicht wirklich erfassten Wechselwirkungen zwischen den Systemen Gesellschaft und Natur, seien auch nur ansatzweise beherrschbar.

Verena Winiwarter, Hans-Rudolf Bork: Geschichte unserer Umwelt. 66 Reisen durch die Zeit. wbg Theiss 2019. Gebunden, 208 Seiten

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