Archiv der Kategorie: Geschichte im Querschnitt

Elefant

Graue Riesen in Natur und Kultur

Dem größten noch lebenden Landsäugetier widmet das Knauf-Museum Iphofen vom 31. März bis 10. November 2019 eine Sonderausstellung und einen Begleitband, der sich vor allem mit den kulturgeschichtlichen Aspekten der grauen Riesen befasst. Die meisten Menschen kennen das Rüsseltier als Elfenbeinlieferant, Publikumsmagnet in Zoos und leider immer noch aus dem Zirkus. Auch in freier Wildbahn kann man den Dickhäuter mit der sieben Millionen Jahre alten Ahnenreihe noch beobachten und natürlich findet man ihn auch auf der Liste der bedrohten Tierarten. Die Autoren der Aufsatzsammlung „Elefant“ entführen den Leser in die in mehrfacher Bedeutung aufregende Welt der Mensch-Elefant-Beziehung von der letzten Eis- bis in die heutige Zeit.

Evolution und Biologie der Elefanten

Das Kapitel zur Evolutionsgeschichte und Biologie des Elefanten umfasst gerade einmal 14 Seiten, hat es aber durchaus in sich. In Wort und Bild erhält der Leser hier zunächst einen gut verständlichen Abriss der Evolutionsgeschichte, um anschließend mit den wesentlichen körperlichen Merkmalen der Rüsseltiere vertraut gemacht zu werden. Allein die Informationen zu den Stoßzähnen bergen so manche Überraschungen, ebenso wie die zum Gebiss oder zum Schädel. Hier wird nicht nur beschrieben, sondern auch die evolutionären Hintergründe erklärt. Und haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie eigentlich die Elefantendusche funktioniert?

Mensch-Elefanten-Beziehung Zwischen Verehrung, Erniedrigung und Ausrottung

Keiner der fünfzehn Beiträge ist übermäßig lang und doch gelingt es den Autoren jeweils einen tiefen Einblick in den jeweils behandelten Aspekt zu vermitteln. Der Beitrag „Dem illegalen Handel auf der Spur“ beispielsweise stellt nicht nur den Status der Elfenbeinwilderei und des illegalen Handels dar, sondern zeigt auf, wie mittels Isotopenanalysen die Herkunft von konfisziertem Elfenbein bestimmt, Schmuggelrouten nachverfolgt und das Alter der gehandelten Stoßzähne festgestellt werden kann. Elfenbein steht in Form einer Mammutgravur auf einem Stoßzahnfragment auch im Mittelpunkt des Aufsatzes „Giganten der Eiszeit“. Hier deutet sich bereits das zwiespältige Verhältnis zwischen Mensch und Elefant an: Einerseits Fleisch- und Rohstofflieferant, andererseits verehrtes, sogar göttliches Wesen.

Die Antike und ihre Elefanten

Wer kennt sie nicht, die Geschichte, wie Hannibal mit seinen Kriegselefanten über die Alpen zieht? Dr. Dorothee Schäfer vom Museum Fünf Kontinente ist in ihrem Aufsatz Wo sind Hannibals berühmte Elefanten geblieben? sowohl den historischen Hintergründen, als auch den Dickhäutern des karthagischen Feldherrn auf der Spur. Ganze Heere von Kriegselefanten durchziehen die afrikanische und asiatische Geschichte und wenn die grauen Riesen am Ende auch nicht mehr Kriegsentscheidend, sondern vor allem Prestigeobjekte der jeweiligen Herrscher waren, ihre Faszination bleibt bis heute ungebrochen. Und während die biologischen Vertreter ihrer Art in Schlachten und als Arbeitstiere verbraucht wurden, erfuhren ihre transzendenten Artgenossen in den östlichen Religionen göttliche Verehrung. Wenigstens blieb ihnen das abgeschlachtet werden in römischen Arenen weitgehend erspart, die Tötung von Elefanten während der so beliebten Tierhatzen kam nämlich beim Publikum gar nicht gut an.

Elefanten in der Unterhaltungsindustrie

In Mitteleuropa taucht der Elefant in historischen Zeiten zunächst als recht phantastische Kreatur in mittelalterlichen Publikationen auf. Erst mit den Menagerien, Zirkussen und Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhundert wurde der Elefant auch hierzulande erlebbar. In unserer Erlebniswelt konnten wir das faszinierende Wesen dabei vor allem als mit textilem und metallenem Schmuck überladenes exotisches Reittier bewundern oder seine unbändige Kraft bei seiner Vorführung als Arbeitselefant bestaunen. Und natürlich sind vielen Lesern noch die entwürdigenden Zirkusschauen mit den unter Zwang andressierten „Kunststücken“ in Erinnerung. Dieses Vorführen und die nicht artgerechte Haltung (über die natürlichen Lebensbedingungen der Elefanten gibt Wolfgang Stein am Ende des Buches unter „Die grauen Riesen in Zahlen und Fakten“ Auskunft) ist in der zirzensichen Unterhaltungsindustrie leider immer noch an der Tagesordnung.

Der Elefant in den mitteleuropäischen Erlebniswelten

Mit seinen persönlichen Erinnerungen an die Elefantenparade eines Zirkus, der 1981 nach Würzburg kam, führt der Leiters des Knauf-Museums übrigens in seinem Vorwort in das Thema ein. Am Ende der spannenden Zeit- und Kulturreise, findet sich der Leser im Rahmen eines Interviews mit dem Elefantenpfleger Navin Adami schließlich im Münchener Tierpark wieder. Eine wirkliche gelungene Darstellung der Kulturgeschichte des Elefanten.

Markus Mergenthaler, Wolfgang Stein (Hrsg.): Elefant. Graue Riesen in Natur und Kultur. Nünnerich-Asmus 2019. Gebunden 211 Seiten.

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Geschichte unserer Umwelt

66 Reisen durch die Zeit

Wenn Sie dem Geschwurbel von Politikern von der Möglichkeit des Erreichens eines Klimaziels Glauben schenken, sollten Sie sich das Buch von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork zu Gemüte führen. Denn die dritte Auflage ihres 2014 erstmals erschienenen, um sechs Reisen erweiterten und überarbeiteten Buches Geschichte unserer Umwelt stellt mit seinen Reisen in die Vergangenheit klar, welche Kräfte und Einflüsse tatsächlich über das Wohl und Wehe der Menschheit bestimmen.

Es ist inzwischen beinahe eine Binsenweisheit: Die Eingriffe des Menschen in die Natur bleiben – je nach Intensität – nicht ohne Folgen für das jeweilige Ökosystem. Die Reisen der AutorInnen in die Vergangenheit veranschaulichen aber wesentlich mehr als diese einfache Wahrheit. Denn es ist eben nicht nur der Mensch, der gestaltend auf die Umwelt einwirkt, zwischen Mensch und Umwelt existiert eine oft genug unberechenbare Wechselwirkung. Im Nachhinein lassen sich diese Wechselwirkungen aus anthropozentrischer Perspektive als ökonomische, ökologische oder gesellschaftliche Katastrophe oder auch als gelungenes Beispiel für nachhaltiges Wirken begreifen. Und so reist der Leser in die Vergangenheit und um den ganzen Globus, um zunächst die Auswirkungen natürlicher Ereignisse wie beispielsweise Vulkanausbrüche, Pestepidemien Klimaveränderungen oder Hochwasser, Sturmfluten und Folgen seismischer Aktivitäten auf die menschliche Population im Allgemeinen, und deren gesellschaftliche Organisation im Besonderen kennenzulernen. Bereits hier wird eine der Kernaussagen des Buches deutlich: Es ist ein ewiger Kreislauf von Aktion, Folge und Reaktion, dessen Ergebnis nicht vorhersagbar ist, dessen Risiken und Möglichkeiten aber in der Betrachtung der Vergangenheit sichtbar werden.

Oft war es anders als die Geschichtsbücher lehren

Im gewissen Sinne darf auch der Mensch als Naturereignis begriffen werden. Denn seine gesellschaftliche Entwicklung, seine Nahrungsproduktion, seine Wohn- und Lebensbedürfnisse haben immer wieder direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Ökologische Systeme werden verändert, das Klima wird beeinflusst, geologische und hydrologische Strukturen genutzt, verändert, zerstört. Bei den im Kapitel Mensch und Natur in Agrargesellschaften präsentierten Aufsätzen liefern die AutorInnen allerdings auch Beispiele für nachhaltige Landwirtschaft und Bodennutzung, die inzwischen allerdings weitestgehend der Globalisierung und dem ökonomischen Primat zum Opfer gefallen sind. Egal ob die Osterinsel, die Niederlande, eine präkolumbianische Kultur im Amazonasgebiet, die Geschichte des Umgangs mit Wasser und Fäkalien in japanischen Städten, oder die Landwirtschaft der grönländischen Wikinger, den AutorInnen gelingt es immer wieder, den Leser zu überraschen und scheinbar Bekanntes in Frage zu stellen.

Transformation des Victoriasees

Nicht anders stellt es sich in den Essays dar, die sich mit Transport, Handel und Umwelt insbesondere seit der Frühneuzeit befassen. Da geht es um Baumwolle, Plantagenwirtschaft und invasive Arten, die Folgen der chemischen „Wundermittel“ in der Landwirtschaft und der völligen Veränderung gewaltiger Ökosysteme, wie das Beispiel des Transformation des Victoriasees in kolonialer und postkolonialer Zeit zeigt (innerhalb gerade einmal 50 Jahre). Viele unterschiedliche Faktoren wie die Entwaldung des umgebenden Landes, Erosion und Düngemitteleintrag, Aussetzen fremder Fischarten, Aufbau einer Fischmehlindustrie und anderes mehr führten dazu, dass heute rund 200 Fischarten ausgestorben sind, durch die ungebremsten Eintrag von Phosphaten der See umzukippen droht und damit Millionen Menschen, die vom See und seinem Wasser abhängig sind, ihren Lebensunterhalt verlieren und zu Umweltflüchtlingen werden könnten.

Grundsätzliches gesellschaftliches Umdenken erforderlich

Die koloniale Wirtschaft nahm keine Rücksicht auf die Umwelt. Die Ökonomie war (und ist es weitgehend bis heute) auf maximale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet. Bei den Aufsätzen dieses wie auch des folgenden Abschnitts (Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise) wird immer deutlicher, dass nicht nur der rücksichtslose Umgang mit der Natur, sondern vor allem auch die Globalisierung der Ausbeutung auf eine ökologische Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes zusteuert. Die Folgen der immer massiveren Eingriffe in die Umwelt sind nicht mehr berechenbar, Bewältigungsstrategien unliebsamer Folgen verstärken in der Regel die Probleme, der Mensch hat eine gewaltige Risikospirale in Bewegung gesetzt. Die AutorInnen beschränken sich in ihren Ausführungen nicht nur auf ökologische und ökonomische Aspekte. Gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse, Politik, kulturelle Ausformungen, soziale Verhältnisse, philosophische Fragen und vieles mehr ziehen sich hintergründig durch die einzelnen Essays und sind zentrale Elemente sowohl des einführenden Zeitreiseführers als auch des ungemein wichtigen Abschlussbeitrags Auf dem Weg zur vorsorgenden Gesellschaft?. Sehr eindrucksvoll hier der Abschnitt Auf dem Weg zu einer vorsorgenden Gesellschaft, der die aktuellen neoliberalen Vorstellungen von gesellschaftlichem Handeln auf den Kopf stellt.

Eine Pflichtlektüre für Zukunftsorientierte

Das Buch hat mich mit seiner klaren, verständlichen Sprache, den spannenden Beispielen mit auch für den historisch gebildeten Laien oft genug überraschenden Informationen und den aufregenden (aber unaufgeregten) Schlussfolgerungen, schwer beeindruckt. Es sollte Pflichtlektüre für Politik und Wirtschaft aber auch für alle Technologiegläubigen, Arbeitsplatz- und Wachstumsfetischisten und jene sein, die glauben, die komplexen und noch gar nicht wirklich erfassten Wechselwirkungen zwischen den Systemen Gesellschaft und Natur, seien auch nur ansatzweise beherrschbar.

Verena Winiwarter, Hans-Rudolf Bork: Geschichte unserer Umwelt. 66 Reisen durch die Zeit. wbg Theiss 2019. Gebunden, 208 Seiten

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Spiel des Lebens

Wie der Mensch die Natur und sich selbst zähmte

Hunde, Weizen, Rinder, Mais, Kartoffeln, Hühner, Reis, Pferde und Äpfel: Der Mensch zähmte sie alle – und sie alle zähmten den Menschen. Der Begriff „Zähmen“ in Verbindung mit Mais oder Äpfeln erscheint zunächst ein wenig ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher wirkt es, wenn Alice Roberts beispielsweise behauptet, dass etwa Hühner oder Äpfel den Menschen zu „zähmen“ in der Lage waren. Tatsächlich kommt es auf die Perspektive an, und die ist in diesem Buch zusammen mit den Fakten durchaus faszinierend.

Wann war ein Hund ein Hund

Alice Roberts beginnt mit den Arten, deren Domestikationsgeschichte wir glauben, am besten zu kennen. Am Anfang ihrer Betrachtungen steht der Hund. Der, so wissen wir, wurde etwa vor 12.000 bis 14.000 Jahren domestiziert, also als Wolf eingefangen, oder als Wolfswelpe in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen, gezähmt und im Rahmen gezielter Selektion nutzbar gemacht. Bei Alice Roberts Spurensuche nach Zeitpunkt, Ort und Evolution des Haushunds, wird deutlich, wie komplex die Entwicklung tatsächlich war und wie beschränkt und selbstgefällig – das gilt auch für die anderen Domestikationsbeispiele – unsere Vorstellungen von der Rolle des Menschen in der Natur doch sind. Eine zentrale Frage, der sich Roberts widmet ist: „Wann war ein Hund ein Hund?“ oder wann entwickelte sich die menschenbezogene Unterart des Wolfes, Canis lupus familiaris und was macht ihn genetisch aus?

Vielschichtige Spurensuche

Aber die Medizinerin, Paläopathologin und Anthropologin eröffnet dem Leser bei der Spurensuche nicht nur die Welt der Genetik, sondern auch der Archäologie, Archäobotanik oder Biologie. Und schnell wird deutlich, dass die genetischen Analysemethoden trotz aller Fortschritte lediglich ein Instrument, ein Lieferant von Daten sind, die in Zusammenhang mit anderen Quellen interpretiert werden müssen. Aus sich heraus liefern die Genome zwar oft sehr wertvolle Informationen, aber eben keine Antworten auf die Fragen zu den komplexen Wechselwirkungen in der Natur oder zu historischen Abläufen. Deren interdisziplinäre Erschließung macht den Reiz dieses Buches aus, das sowohl mit überraschenden Erkenntnissen als auch mit anregenden Gedanken zu den aktuellen Fragen der Gesellschaft zu Klimawandel, Umgang mit Tieren und nicht zuletzt der modernen Landwirtschaft oder der Gentechnik aufwartet. Diese Überlegungen, die im 10. Kapitel über die Domestizierung des Menschen selbst stattfinden, basieren letztendlich auf den Erkenntnissen der zuvor entwickelten neun Domestizierungsbeispiele, aber sie geben glücklicherweise keine abschließende Antwort.

Der Mensch ist heute abhängiger von der Natur denn je

Denn die Mensch-Natur-Beziehungen waren (und werden es wohl auch bleiben) immer geprägt von Zufällen und unerwarteten Anpassungsprozessen, denen sich auch der Mensch ausgesetzt sieht. So hat sich der Mensch innerhalb der letzten Jahrzehntausende in Zusammenhang mit der Kooperation mit pflanzlichen und tierischen Arten physiologisch, sozial und mental verändert, ebenso wie seine „Kooperationspartner“. Getreide beispielsweise passte sich im Rahmen der „natürlichen Auslese“ den menschlichen Bedürfnissen an, noch bevor es zu einer Kulturpflanze als menschliche Nahrungsgrundlage wurde. Umgekehrt musste sich der menschliche Organismus umstellen, um die „neue Kost“ verarbeiten zu können. Systematischer Ackerbau zur Sicherung dieser Nahrungsgrundlage erforderte gravierende gesellschaftliche Anpassungen. Bis heute hat sich eine unauflösbare gegenseitige Abhängigkeit zwischen den ursprünglichen, bestenfalls als Notnahrung dienenden Gräsern und den ehemaligen Jägern und Sammlern ergeben. Heute kann der Mensch ohne Getreide nicht mehr leben und das domestizierte Getreide hätte – im Gegensatz zu seinen wilden Urahnen – ohne den Anbau durch den Menschen keine Verbreitungs- also Überlebensmöglichkeit mehr.

Wir sind alle voneinander abhängig

Diese gegenseitige Abhängigkeit zieht sich durch alle Beispiele des Buches und gibt in vielerlei Hinsicht zu denken. Denn Alice Roberts zeigt, dass „… die Geschichte einer Art … niemals für sich genommen erzählt werden (kann). Jede Art existiert in einem Ökosystem, wir sind alle miteinander verbunden und voneinander abhängig.“ Tatsächlich hört man diese Aussage vor allem von Arten- und Naturschutzorganisationen und -bewegten des Öfteren. Was diese Aussage aber tatsächlich bedeutet, erschließt sich in überzeugender und teilweise auch bestürzender Weise durch dieses Buch. Bestürzend deshalb, weil unsere Gesellschaften und die Politik die verhängnisvolle Hybris der Tierart Homo sapiens noch längst nicht abgelegt haben.

Alice Roberts: Spiel des Lebens. Wie der Mensch die Natur und sich selbst zähmte. wbgTheiss 2019. Gebunden mit Schutzumschlag, 374 Seiten.

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Neuerscheinung: Rotbarts wilde Verwandte

zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens

ein Buch von GeschiMag-Autor Wolfgang Schwerdt

Marmorkatze, Sumatratiger, Leopard, Nebelparder oder Schwarzfußkatze. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind vom Aussterben zumindest in freier Wildbahn bedroht. Bereits seit der Entstehung der ersten Zivilisationen werden sie verehrt und verfolgt, ausgerottet und vergöttert. Aber erst mit der europäischen Expansion, der Globalisierung wird mit zunehmender Geschwindigkeit ihre natürliche Lebensgrundlage überall auf der Welt unwiederbringlich zerstört.
„Rotbarts wilde Verwandte“ ist eine kulturgeschichtliche Reise von der Frühzeit über das 17. Jahrhundert, in dem der Prozess der Globalisierung bereits im vollen Gange war, in die Neuzeit bis hin zu den aktuellen Herausforderungen, denen sich der Arten- und Habitatschutz angesichts der sogenannten sixth extinction, also dem sechsten Massenartensterben der Erdgeschichte zu stellen hat. Der Leser taucht dabei ein in die Welt von göttlichen Herrschern, Kulturheroen, menschenfressenden Raubkatzen, skrupellosen Geschäftemachern, historischen Ausrottungskampagnen und schießwütigen Naturforschern. Denn die Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens ist geprägt von Gier und Machtbesessenheit, wissenschaftlicher Leidenschaft, religiösen Überzeugungen und einer gehörigen Portion Dummheit der Tierart, die sich in ihrer Hybris selbst als Homo sapiens, also als weise und vernünftig bezeichnet.

Wolfgang Schwerdt: Rotbarts wilde Verwandte. zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens. Bod 2019. Taschenbuch, 184 Seiten, mehr als 60 Illustrationen drunter rund 40 farbig. ISBN 9783739249742

Zum Blick ins Buch bei Bod

Mehr zu Buch und Autor: https://rotbartsaga.com/2018/05/14/neues-buchprojekt-rotbarts-wilde-verwandte/ und https://wolfgangschwerdt.wordpress.com/

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Seafurrers

The Ships‘ Cats Who Lapped and Mapped the World

Es gibt nur wenig Bücher über die Geschichte der Schiffskatzen. Das englischsprachige Seafurrers ist meines Erachtens das Beste und Unterhaltsamste, das bislang erschienen ist. Dabei ist es angesichts der recht spärlichen Quellenlage – zumindest hinsichtlich der Zeit vor dem 19. Jahrhundert – gar nicht einfach, ausreichend Stoff zum Thema zusammenzubringen, der mehr als ein paar dutzend Buchseiten zu füllen in der Lage ist. Autorin Philippa Sandall und Illustrator Ad Long haben das Problem auf elegante aber auch arbeitsintensive Weise gelöst und mit Seafurrers ein immerhin rund 240 seitiges Büchlein vorgelegt. Lesen Sie weiter auf Katzen-Kultur

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Endstation Brexit

Die spinnen, die Briten

Es gibt keinen Grund, Geschichte professorenhaft-trocken niederzuschreiben, postuliert der Historiker Ralf Grabuschnig bereits auf dem Cover seines Buches – und er hat recht! Denn die Geschichte der Insel und ihrer politischen Führungskräfte hat durchaus seine Merkwürdigkeiten, die den Leser gelegentlich schon an der mentalen Stabilität des Inselvolkes zweifeln und so manches Ereignis als Comedy erscheinen lässt. Aber Grabuschnigs Buch ist mehr als eine lustige Geschichte über die englische Geschichte. Der Autor unternimmt einen historischen Streifzug durch immerhin rund zweieinhalbtausend Jahre Inselgeschehen, das mit der europäischen Geschichte in vielerlei Hinsicht untrennbar verbunden ist. Weiterlesen

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Begleitband: Der Auerochse – eine Spurensuche

Foto: Museum Lorsch

Bis zum Jahr 1627 begleitete der Auerochse die Menschheitsgeschichte, sei es als Nahrungsquelle der Alt- und Mittelsteinzeit, sei es in seiner domestizierten Form als Nutztier. Als das letzte Exemplar seiner Art 1627 in Polen altersbedingt verstarb, war der Auerochse längst zum Mythos geworden. Diesem Mythos aber auch der Biologie und der Natur- und Kulturgeschichte des mächtigen Rindes gehen die Autoren des Begleitbandes zur gleichnamigen Sonderausstellung „Der Auerochse – eine Spurensuche“ im Museumszentrum Lorsch auf den Grund. Nicht zuletzt aber sollen auch die Hintergründe der europäischen Rückzüchtungsprojekte, allen voran das 2013 in Lorsch initiierte Auerrind-Projekt vermittelt werden. Für den Leiter des Auerrindprojektes, Claus Kropp jedenfalls stellt die Rückzüchtung des Auerochsen in Verbindung mit der extensiven Ganzjahresbeweidung in Naturschutzgebieten und Brachflächen einen wesentlichen Beitrag zur Revitalisierung der ehemaligen Artenvielfalt in Europa dar. Weiterlesen

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Von Inseln, die keiner je fand

Sie heißen Atlantis, Thule, Kibu oder Fusang, phantastische Inseln, die oft für Jahrhunderte und gelegentlich bis in die jüngste Zeit Welt- und Seekarten zierten oder Gegenstand mythischer Geschichten waren. Sie alle haben eine eigene Biografie, wurden einst in den Gehirnen einzelner Menschen geboren, entwickelten ein geografisch-mythisches Eigenleben und gingen irgendwann den Weg alles Irdischen indem sie schließlich als nicht existent von den Karten verschwanden. Der Journalist und Schriftsteller Malachy Tallack führt den Leser mit seinem Buch „Von Inseln, die keiner je fand“ in die Welt der nicht existierenden insularen Welten. Die Illustrationen von Katie Scott bilden dabei den phantasieanregenden Rahmen. Weiterlesen

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Wie Europa die Welt eroberte

Warum ausgerechnet Westeuropa, fragt sich der amerikanische Wirtschafts- und Geschichtsprofessor Philip T. Hoffman in seinem Buch Wie Europa die Welt eroberte (englischer Originaltitel 2015: Why did Europe Conquer the World) und gibt darauf eine umfangreiche mit Wirtschaftsmathematik garnierte Antwort. Die beinhaltet viel Bekanntes und wird von der renommierten amerikanischen Zeitschrift Foreign Afairs als „Faszinierend“, vom Wall Street Journal als „Brillant“ und vom amerikanischen Nachrichten- und Medienunternehmen Bloomberg als „Wirtschaftsgeschichte auf höchstem Niveau“ gefeiert. Was also ist dran an diesem Buch, in dem Hoffman laut Klappentext seine provokative These fesselnd und faktenreich enthüllt und das aufgrund der oben aufgeführten Bewertungen so große Erwartungen weckt? Weiterlesen

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Schwarz

Geschichte einer Farbe

pngWas kann schon dran sein, an einer Farbe, dass sich ein ganzes Buch damit füllen lässt? Und dann auch noch schwarz! Newton hat es entdeckt: Schwarz ist gar keine Farbe, jedenfalls physikalisch gesehen. Und wir wissen, dass schwarz für Trauer, Eleganz, Wichtigkeit und Unglück steht, für Tod und Teufel, Buchdruck oder Magie. Was sonst ließe sich über die Farbe der Finsternis, der Kirche und der Mode noch berichten? Tatsächlich fällt dem Mittelalterhistoriker und Spezialisten für Tier-, Farb- und Kulturgeschichte, Michael Pastoureau eine Menge zur Farbe schwarz ein. Die ganze Kulturgeschichte nämlich, von der Antike bis heute. Dabei konfrontiert er den Leser mit der Erkenntnis, dass nicht nur der Symbolgehalt von Farben sondern auch ihre optische Wahrnehmung weniger von ihren physikalischen Eigenschaften oder Naturgesetzen, als vielmehr von kulturellen und technologischen Rahmenbedingungen abhängen. Weiterlesen

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