Macht euch die Erde untertan

Die Umweltgeschichte des Anthropozäns

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch Untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Auch wenn dieser Bibelspruch über Jahrhunderte hinweg in der sogenannten westlichen Welt als Legitimation für das hemmungslose Ausbeuten und „menschengerechte“ Umformen der Natur herhalten konnte, es handelte sich weniger um einen göttlichen Auftrag, sondern drückt vielmehr ein grundlegendes menschliches Selbstverständnis aus. Bereits seit vielen Jahrtausenden ringt der homo Sapiens um die Herrschaft über die Natur seines jeweiligen Lebensraumes und seit Jahrtausenden ist er bemüht eben diesen Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.

Der immerwährende Krieg zwischen Mensch und Natur

Mit seinem Buch „Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns“ zeichnet der amerikanische Historiker Daniel R. Headrick die Geschichte des Versuchs des Menschen, sich die Natur zu unterwerfen nach. Dabei erzählt er nicht nur von den großen zivilisatorischen Leistungen wie der Zähmung und Ausrottung von Flora und Fauna, der Flussregulierungen und Bewässerungssysteme, der totalen Landschaftsumformung im Rahmen von Rohstoffförderung, sondern beschreibt auch, die Dynamik, die diese Eingriffe in der Natur jeweils ausgelöst haben. Oft genug richtete sich diese Dynamik gegen die Verursacher selbst und forderte selbst bei einzelnen Ereignissen (aus menschlicher Perspektive Katastrophen) teilweise Millionen von Opfern. So etwa bei den Flussbettverlagerungen der großen chinesischen Ströme. Die „Gegenwehr“ der Natur führte nicht nur zum Untergang von Zivilisationen, sondern in „grauer Vorzeit“ beinahe zum Verschwinden der Gattung Homo von der Erde.

Eine globale Umweltgeschichte

Daniel R. Headrick schreibt an einer Stelle des Buches, dass wohl das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier der Gebrauch des Feuers sei. Nach der Lektüre seiner geradezu epischen Mensch-/Umweltgeschichte könnte der/die LeserIn aber auch zu der Erkenntnis gelangen, dass das einzigartige Wesensmerkmal des Homo Sapiens eher in seinem unersättlichen Bedürfnis nach Herrschaft ist. Auf mehr als 600 Seiten unternimmt der Autor eine Reise durch die Umweltgeschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. Und dabei spart er keine Region der Erde aus und verblüfft den/die LeserIn mit unzähligen Details zu umweltrelevanten Ereignissen, die vielen, die Geschichte noch immer unter eurozentrischem Blick betrachten, neu sein dürften. Aber natürlich findet sich in dem Buch auch vieles Bekannte. Das alles in den dynamischen Prozess der Mensch-Umweltbeziehung des Anthropozäns einzuordnen ist die eigentliche Leistung des Verfassers.

Über die Grenzen hinaus

Rückwirkend betrachtet scheint tatsächlich die einzige besondere Fähigkeit des Menschen darin zu bestehen, ständig neue Konzepte, Instrumente und Technologien zu entwickeln, um die Natur (und übrigens auch seine Artgenossen) zu beherrschen und über die natürliche Belastungsgrenze hinweg auszubeuten. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Gattung Homo in ihren Ursprüngen aufgrund von Natur- und Klimaereignissen immer mal wieder vom Aussterben bedroht war oder sich naturbedingte zivilisatorische Katastrophen traumatisch in das kollektive Gedächtnis eingeprägt haben. Trotz aller intellektuellen Höchstleistungen scheint jedoch das Lernvermögen des Homo außerordentlich begrenzt, den die Umweltgeschichte und die aktuelle Entwicklung zeigt, dass der Mensch gegen die Natur zwar Schlachten, nicht aber den selbst vom Zaun gebrochenen Krieg gewinnen kann.

Daniel R. Headrick: Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns. Wbg Theiss 2021. Hardcover mit Schutzumschlag, 638 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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