„Und wir verrosten im Hafen“, ein Buch von Nicolas Wolz

Deutschland, Großbritannien und der Krieg zur See 1914 – 1918

029„Was nützt es, daß wir uns mit eisernen Kreuzen behängen und klug reden. Kämpfen wollen wir! Siegen oder untergehen.“ Das Zitat vom 11.7.1915 aus dem Tagebuch des Kapitänleutnants Reinhold Knobloch macht die Stimmung deutlich, die im Offizierskorps der Kaiserlichen Marine während des 1. Weltkrieges herrschte. Nicolas Wolz wirft in seinem Buch über das „Fiasko der Deutschen Flotte“ vor allem einen Blick auf die mentale Situation in der kaiserlichen Marine. Die Verinnerlichung eines antiquierten Ehrenkodex in der nahezu traditionslosen kaiserlichen Marine bildete – so die Schlussfolgerung des Autors – zusammen mit dem „Trauma“ von Scapa Flow die geistige Grundlage für die militärischen Wertvorstellungen im 3. Reich.

Nein, es geht in diesem Buch weder um die Schuldfrage, noch darum ob der Krieg bei Zugrundelegung einer anderen als der Tirpitzschen Marinestrategie hätte gewonnen werden können. Nicolas Wolz beschäftigt in seinem Buch unter anderem  die Frage, welche Umstände Menschen dazu bringen, freiwillig und freudig einen völlig sinnlosen Heldentod anzustreben. Gleich zu Anfang stellt Wolz die im Sinne des damaligen Ehrenkodex der Marine feige Selbstversenkung des Panzerkreuzers Graf Spee im neutralen Hafen von Montevideo dem im gleichen Geiste als heldenhaft geltenden Untergang des Schlachtschiffs Bismarck gegenüber. Obwohl beides die wohl bekanntesten Kapitel der deutschen Marinegeschichte des Zweiten Weltkrieges  sind, entsprang die Entscheidung des jeweiligen Kommandanten seinen Erfahrungen aus dem Krieg, von dem heute bestenfalls noch die Skagerrak-Schlacht und vielleicht noch die Selbstversenkung der Deutschen Flotte bei Scapa Flow als allgemein halbwegs bekannt gelten darf.

Die Deutsche Flotte, der Stolz des Kaiserreiches

Was hatten der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Admiral Alfred von Tirpitz, sowie Kaiser und Vaterland für Anstrengungen unternommen, um eine mächtige Deutsche Flotte als Gegengewicht zur übermächtigen Royal Navy aufzubauen. Panzerkreuzer  um Panzerkreuzer, Linienschiff um Linienschiff war in den Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkriegs auf deutschen Werften entstanden und das nur, um in der Weltpolitik ein Wörtchen mitreden zu können. Die neu aufgebaute Flotte der mächtigsten Landmacht des Kontinents sollte die Kolonialmacht mit der mächtigsten Flotte der Welt beeindrucken. Dass das nicht funktioniert hat, ist hinreichend bekannt. 1914 schlidderten die europäischen Mächte in den ersten Weltkrieg und Deutschland und Großbritannien wurden zu erbitterten Gegnern. 13 Millionen Soldaten mobilisierte das Kaiserreich während des Krieges für das Heer, die Personalstärke der Deutschen Flotte umfasste gerade einmal 80.000 Mann. Und die mussten – ebenso wie ihre britischen Kollegen – untätig in den Häfen liegen, während ihre Kameraden vom Heer unter anderem in den Schützengräben von Verdun zu Millionen den „Heldentod“ sterben mussten.

Zur Entscheidungsschlacht gehören immer Zwei

Mit der Ausrichtung der Flotte auf eine direkte Konfrontation mit der britischen Seemacht in den heimischen Gewässern, war die Deutsche Seekriegsstrategie in eine Sackgasse geraten. Denn zu einer alles entscheidenden Seeschlacht, wie sie den traditionellen Vorstellungen der Marineoffiziers -Corps beider Seiten entsprach, sollte es aus verschiedenen Gründen nicht kommen. Kaiser Wilhelm hatte aus Angst um die Schiffe seiner geliebten Flotte das Auslaufen der Dickschiffverbände und ihren offensiven Einsatz  – als es vielleicht noch möglich war – untersagt. Und die britische Admiralität hatte sich statt für heroisches Kräftemessen nach dem Muster Lord Nelsons, für die Fernblockade und massive Verminung des Kanals und der Nordseeküsten entschieden. Und so gab es für keine der beiden Flotten einen greifbaren Gegner. Die große Entscheidungsschlacht, die die psychischen Bedürfnisse und das Ehrgefühl der Marine-Eliten hätte befriedigen können fand –objektiv betrachtet – nicht einmal mit der Skagerrak-Schlacht statt.

Nervenzusammenbrüche wegen Nutzlosigkeit

Es ist aus heutiger Sicht für die meisten Menschen immer wieder unfassbar, dass vor allem die Marineoffiziere ihre im Stahlgewitter verheizten „Kameraden an der Front“ um deren Chance, im Kriegseinsatz zu sterben, beneideten. Tatsächlich war es für die auf Ehrenkodex, Heldenhaftigkeit, elitäres Selbstverständnis und Standesdünkel getrimmten Marineoffiziere offensichtlich nur schwer auszuhalten, sich nicht im Einsatz bewähren zu können. Und so hält Kapitänleutnant Reinhold Knobloch  in seinem Tagebuch  fest, dass wegen der verordneten Untätigkeit schon „verschiedene Herren wegen Nervenzusammenbruch ausgestiegen“ seien. Knobloch berichtet ebenfalls von zahlreichen Fällen von Weinkrämpfen und Größenwahnsinn unter den Offizieren und nimmt mit Schrecken zur Kenntnis, dass selbst ein Offizier wie Vizeadmiral Wilhelm von Lanz, Chef des 1. Geschwaders nach einem Nervenzusammenbruch von seinem Posten abberufen wurde. Die Nutzlosigkeit der Offiziere und der Flotte im Kriege standen, so stellt Nicolas Wolz fest, im krassen Gegensatz zum sozialen Ansehen  und  der militärischen und politischen Bedeutung, die ihnen vor dem Kriege beigemessen wurde.

Sehnsucht nach Heldentod  aus persönlicher Überzeugung

Es ist ein faszinierender und erhellender Blickwinkel auf die Geschichte der Deutschen Flotte im Ersten Weltkrieg und die daraus resultierenden Folgen für die geistige Haltung des Marine-Corps und der Seekriegsführung im Zweiten Weltkrieg, die Nicolas Wolz dem Leser mit seinem Buch anbietet. Und natürlich beleuchtet er nicht nur die Stimmungslage der Offiziere, sondern auch – trotz der hier schwierigeren Quellenlage – die der gemeinen Matrosen. Das Bild, das der Autor über die Stimmungslage und sozialen Realitäten in der Kaiserlichen Marine – und im Vergleich dazu auch der Royal Navy – zeichnet, darf als authentisch gelten. Denn seine Quellen sind nicht in erster Linie die offiziellen Verlautbarungen oder der dienstliche Schriftverkehr, sondern Tagebücher der Protagonisten und persönliche Briefe an die Familie. Wolz beschreibt natürlich auch die historischen Hintergründe und Ereignisse – vom Flottenplan dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, die Seekriegsaktivitäten in der Nordsee über die Skagerrackschlacht, die Flottenunruhen 1917, bis hin zum Waffenstillstand, der Internierung der Flotte und ihre Selbstversenkung in Scapa Flow.

Mit Ruhm und Ehre in den nächsten Untergang

Es waren zum Teil dieselben Offiziere, die in ihrem Selbstverständnis versagt hatten, gescheitert waren, um ihre Ehre betrogen wurden, die gleich nach dem Krieg mit dem Aufbau und der strategischen Ausrichtung der neuen Marine betraut wurden. Und hier schließt sich der Kreis zu den anfangs geschilderten Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, der Selbstversenkung der Graf Spee und dem Untergang der Bismarck.

Nicolas Wolz: Und wir verrosten im Hafen. Deutschland, Großbritannien und der Krieg zur See 1914 – 1918. dtv 2013. Gebunden mit Schutzumschlag, 349 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

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