Uruk – Das Buch über eine Metropole am Anfang der Geschichte

Begleitband zur Ausstellung „5000 Jahre Megacity“

CovUrukAufgrund der in den letzten Jahren erschienenen Gilgamesch-Romane dürfte der Mythos des legendären göttlichen Königs der Stadt Uruk inzwischen bekannter sein, als die in ihren Ursprüngen möglicherweise nahezu ebenso alte Geschichte des babylonischen Stadtgottes Marduk. Genau umgekehrt verhält es sich mit den beiden mesopotamischen Metropolen Uruk und Babylon. Das vorliegende Buch „Uruk – 5000 Jahre Megacity“ liefert erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme der archäologisch-historischen Erkenntnisse, die die 100 Jahre währende Erforschung der Grabungsstätte bis heute erbracht hat. Dabei präsentieren die Autoren die vor mehr als 5000 Jahren entstandene Siedlung als die Wiege der städtischen Zivilisation.

Wenn von Megacity die Rede ist, drängt sich vor allem der Gedanke an Größe auf. Und tatsächlich war Uruk Ende des 4./Anfang des 5. Jahrtausends mit rund 40.000 Einwohnern auf einer Fläche von 5,5 km² die größte Stadt des Altertums. Zur Stadt allerdings wurde Uruk nicht wegen seiner Größe, sondern wegen der Innovationen, die um ca. 3500 vor unserer Zeitrechnung notwendig geworden waren, um die damals noch rund 2,5 km² große Ansiedlung gezielt zu organisieren und städtebaulich zu strukturieren. Eine der wichtigsten Innovationen, die der Uruk-Kultur zuzuordnen ist, war zweifellos die Schrift.

Mesopotamische Verwaltung: Schrift ohne Sprache

Zählen, Messen, Dokumentieren, das sind die Grundlagen jeder Verwaltung. Und so ist es wenig verwunderlich, dass die ersten schriftlichen Dokumente – die als archaische Texte bezeichneten Tontafeln aus dem 4. Jahrtausend v.u.Z. – vor allem dem Erfassen und Berechnen von Warenarten und -mengen, Produktionsflächen, Hohlmaßen oder Arbeitskräften dienten. Während wir heute Schrift in der Regel in engem Zusammenhang mit Sprache sehen, waren die archaischen Texte zunächst sprachunabhängig. Sie beinhalteten Zeichen für Zahlen und Daten oder Gegenstände, Tiere, Menschen, also Informationen, die zu ihrem Verständnis keiner speziellen Lautsprache bedürfen. Und so lässt sich zwar die sumerische Sprache aus der Zeit der literarischen Schriftdokumente (etwa ab dem 2. vorchristlichen Jahrtausend) rekonstruieren, welche Sprache die Sumerer in den Jahrtausenden ihrer Schriftkultur zuvor sprachen, ist jedoch nicht bekannt.

Abenteuer Schrift

Auf 52 Seiten des knapp 400 seitigen Buches widmen sich die Autoren den verschiedenen Aspekten der Schrift und ihrer Entwicklung, die auch dem Leser, der sich nicht die Mühe macht, die teils komplizierten  Sachverhalte im Detail nachzuvollziehen, spannende Erkenntnisse liefern. Da geht es um die Schreibtechnik, das Trägermaterial Ton, das Schreibinstrument, den Keil als Grundelement aller Zeichen, um Schreibschulen, also um den Zugang zum und die Aneignung des Herrschaftswissens, die unglaublich vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der technisch so einfach anmutenden Keilschrift und vieles andere mehr. Nicht zuletzt ist auch unsere Kenntnis des berühmten Gilgameschepos der komplexen Keilschrifttechnologie zu verdanken. Und es ist wiederum der Mythos des legendären frühgeschichtlichen Herrschers von Uruk, der den Wissenschaftlern einen  ersten Eindruck von den gesellschaftlichen, religiösen und politischen Vorstellungen und Strukturen des Mesopotamien der Hochzeiten Uruks vermittelt.

Tempelwirtschaft und mesopotamische Kulturgeschichte

Uruk ist jedoch nicht nur die Megacity am Anfang der Geschichte. Die Stadt war ebenfalls ein mehr oder weniger prägendes Zentrum mesopotamischer Kultur. Und so erfährt der Leser nicht nur etwas über die architektonischen und stadtplanerischen Leistungen der Uruk-Eliten, über Herrschaftsstrukturen und Tempelwirtschaft, natürlich über die Hintergründe des Gilgamesch-Epos und des Inanna-Kultes jener historischen Phasen, die als Uruk-Zeiten bezeichnet werden. Die Stadt war im Laufe seiner Jahrtausende währenden Geschichte ebenfalls Teil des assyrischen Reiches oder Babyloniens.

Uruk ist weitaus mehr als eine Megacity

Seit 100 Jahren wird die Uruk-Fundstätte beim heutigen Ort Warka ergraben. Die festgestellten baulichen Veränderungen und die ergiebigen Funde schriftlicher Dokumente zu allen Bereichen des wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und rituellen Lebens dokumentieren dabei die kulturellen Ent- und Verwicklungen im gesamten Zweistromland. Vor diesem Hintergrund vermittelt der Buch- und Ausstellungstitel  „Uruk. 5000 Jahre Megacity“ sicherlich einen falschen Eindruck. Die Bandbreite der Themen und der kulturgeschichtliche Bogen, der hier behandelt wird, gehen weit über die Vorstellung der – nach heutigem Wissensstand – ersten Großstadt der Menschheit hinaus. Auf der anderen Seite stehen die Erkenntnisse über das Leben von Otto-Normal-Uruker weit hinter dem Wissen über seine Eliten zurück. Kein Wunder, denn, wie unter anderem das Kapitel über die „Visualisierung der Architektur von Uruk“ belegt, konzentriert sich auch das archäologische Interesse eher auf die spektakulären Tempel- und Palastbauten.

Alltagsleben und Glaubenswelten aus herrschaftlicher  Perspektive

Selbstverständlich sind historische Informationen, Artefakte  und Dokumente am ehesten in den repräsentativen Verwaltungsgebäuden alter Städte zu finden und vor allem dort wurde in den letzten 100 Jahren aus verschiedenen Gründen, unter teils schwierigen Bedingungen und unter räumlichen Einschränkungen gegraben. Wenn aber beispielsweise aus diesen Funden – sozusagen als Abfallprodukt herrschaftlicher Kultur und herrschaftlichen Weltbildes – auf „Lebenswelt und Alltag und Uruk“ geschlossen wird, ist Vorsicht geboten. Tatsächlich erfährt der Leser – außer in Zusammenhang mit Bau- oder Wirtschaftsprojekten so gut wie nichts über das Alltagsleben in der Megacity Uruk. Dennoch dürfte das Buch die derzeit wohl umfassendste und solideste Bestandaufnahme zu Uruk für das Publikum sein, das dem Leser viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren über die Ursprünge auch der eigenen Kultur liefert.

Crüsemann/van Ess/Hilgert/Salje (Hrsg.): Uruk – 5000 Jahre Megacity. Michael Imhof Verlag 2013. Gebunden mit Schutzumschlag, 399 Seiten

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