Hunde an Bord

Von Rattenfängern, Kriegsveteranen und Maskottchen

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Hutch, die Überreste des Schiffshundes der Mary Rose
Foto ©Mattbuck Liz: Creative Commons

Neufundländer, Dobermänner, Spitze oder Terrier. Ihnen allen wird nachgesagt, dass ihre Vorfahren einst als Bordhunde dienten. Tatsächlich dürften Hunde ihren felinen Konkurrenten in einigen Regionen zeitweise den Job an Bord erfolgreich streitig gemacht haben. Als jedenfalls der Hund des Schiffszimmermannes an Bord der Mary Rose 1545 vor Portmouth zusammen mit Mann und Maus unterging, da waren – nach Aussage der Experten des Museums –  zumindest auf Tudorschiffen Katzen als Rattenfänger eher selten.

Die Archäologen, die die Artefakte des 1982 geborgenen Tudorflaggschiffes untersucht, restauriert und der Öffentlichkeit im Rahmen des Mary Rose Museums zugänglich gemacht haben, waren auch auf die Knochen des Bordhundes gestoßen und hatten ihm den Namen Hatch verliehen. Inzwischen ist Hatch das Museumsmaskottchen für Kinder geworden. Aber natürlich waren Hunde an Bord eines Schiffes in vergangenen Zeiten vor allem Arbeitstiere gewesen. Deutlich größer als Katzen waren sie nicht nur den wehrhaften Ratten – die immerhin bis zu 400 Gramm Kampfgewicht aufweisen können – besser gewachsen als ihre felinen ArbeitskollegInnen. Und im Ernstfall konnten die Hunde auch als Wachhund und Kampfgenossen an der Seite ihrer Menschen beispielsweise bei Piratenüberfällen dienen.

Den Schiffskatzen zeitweise den Rang abgelaufen

Für einen Rattenfänger wie Hatch war Größe und Kampfkraft natürlich weniger gefragt als Wendigkeit und Jagdlust. Und so stellten die Archäologen per DNA- Analyse fest, dass der Bordhund der Mary Rose ein Mischling aus kleinem englischem Windhund und Terrier gewesen war und vermutlich ein blassbraun gestromtes Fell hatte. Die Knochenanalyse ergab ein Alter von knapp zwei Jahren und lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Hund das Schiff im Laufe seines kurzen Lebens kaum einmal verlassen und sich auf der Jagd nach Ratten stattdessen in die engsten Winkel der Laderäume gequetscht haben dürfte. Katzen als Rattenfänger waren nach Angabe des Mary Rose Museums auf Schiffen der Tudor Zeit nicht gern gesehen. Denn 1484 hatte Papst Innocent VIII. Katzen als sündhaft und als Begleiter von Hexen und Hexern erklärt. So galten die Katzen ab diesem Zeitpunkt nicht nur generell als Unglücksbringer, sondern deren Besitz konnte auch eine Menge Ärger einbringen, wenn beispielsweise ein Sündenbock für eine Flaute oder schlechten Wind gesucht wurde. Erst 200 Jahre später, also Ende des 17. Jahrhunderts änderte sich diese Einstellung in England und die Katzen begannen wieder die Planken der englischen Schiffe und die Herzen ihrer Besatzungen zu erobern.

Bordhund Tinker, unverkäuflich

Auch wenn das heute, nachdem die Katze den Hund als Lieblingstier abgelöst hat, kaum wahrgenommen wird, die Tradition der Schiffshunde blieb auch nach der felinen Rückeroberung der Ozeane ungebrochen. Und so gibt es wenigstens so viele Stories und Legenden über heldenhafte seefahrende Hunde – überwiegend in der Royal Navy – wie über legendäre Schiffskatzen. Beispielsweise wurde einer der jüngsten Kommandanten eines britischen Blockadebrechers im amerikanischen Bürgerkrieg durch seinen Bordhund Tinker bekannt. Der diente seinem Herrchen Michael P. Usina als Rattenfänger und Maskottchen. Usinas Kommando über den Schaufelraddampfer SS Armstrong war 1864 – bevor das Schiff zum Ende des Jahres von der US Navy aufgebracht wurde –  von außerordentlichem Glück begleitet, für das sein Terrier verantwortlich gemacht wurde. Und so war es nicht verwunderlich, dass Usina 500 Golddollar für Tinker geboten wurden als er das Kommando über die Armstrong abgab. Usina lehnte ab.

Schiffshunde als ausgezeichnete Kriegshelden

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Sinbad fand auch Eingang in die Medien und wurde zum Maskottchen zur Stärkung der Moral an der Heimatfront

Sinbad war ein berühmter Bordhund der US-Küstenwache, der von 1937 bis 1948 als Chief Petty Officer diente und aufgrund seiner Tapferkeit im Kriegseinsatz mit zahlreichen Medaillen ausgezeichnet wurde. Sinbad fand auch Eingang in die Medien und wurde zum Maskottchen zur Stärkung der Moral an der Heimatfront. Nach dem Krieg stieg sein Bekanntheitsgrad aufgrund der Veröffentlichung von George Foleys  „Sinbad of the Coast Guard“ noch weiter. Auch Judy von der Royal Navy, die 1941 Männer von ihrem sinkenden Schiff, dem Kanonenboot HMS Grashopper, gerettet hatte, in japanische Kriegsgefangenschaft geriet war eine Medaillenträgerin. Nach ihrer Rückkehr nach England erhielt sie die Dickins Medal. Diese Ehrung wurde extra für Tiere geschaffen, die sich durch besondere Leistungen im Kriegseisatz ausgezeichnet haben. Die Dickins Medal gilt als das „Victora Cross“ für Tiere. Jill, die einen über Bord gegangenen Matrosen der HMS Diamond über Wasser hielt, bis er von seinen Kameraden herausgefischt werden konnte, Bamse, der zwei Matrosen das Leben rettete, der Dackel Poldi von der Bundesmarine oder Whisky, die Terrierhündin des Segelschulschiffes Gorch Fock sind weitere Vertreter des Bordhundekorps, die es zu mehr oder weniger großer Popularität gebracht hatten.

Fiktive und reale Bordhunde in der Literatur

Auch in der Literatur haben die hündischen Mannschaftsmitglieder ihre Spuren hinterlassen. Jules Verne hat einen Hund in seinem Roman „Ein Kapitän von fünfzehn Jahren“ an Bord der Pilgrim gebracht. Jack London hat dem kläffenden Bordgesellen mit seinem Roman „Der Schiffshund der Makambo: eine Abenteuergeschichte aus der Südsee“ sogar ein literarisches Denkmal gesetzt. Und selbst der Katzenfan Matthew Flinders kam nicht umhin, die Anwesenheit von Bordhunden in seiner 1809 verfassten Hommage an seinen geliebten Schiffskater Trim zu bestätigen. Die kamen dabei allerdings nicht besonders gut weg, wie seine Beschreibung des Verhältnisses zwischen Trim und den Hunden an Bord der HMS Investigator in den Jahren 1801/02 zeigt:

„Und unter den Vierbeinern an Bord gab es eine klare Regel: Trim war der Boss. So berichtet Flinders, dass wenn es darum ging, einen der an Bord befindlichen Hunde vom Vordeck zu verjagen, ein Wink an Trim genügte. Der pirschte sich an den verhassten Kläffer an, richtete sich selbstbewusst vor ihm auf und verpasste ihm vorsorglich ein paar Tatzenhiebe auf die Nase. Ließ sich der Hund dadurch nicht beeindrucken, sprang Trim auf die Reling und drosch von oben auf ihn ein. Und spätestens, wenn Trim mit seinem berüchtigten Kampfschrei wie eine Furie auf den begriffsstutzigen Hund losging, suchte der sein Heil in der Flucht unter das Deck. Daraufhin, so Flinders in seiner Trim-Biografie ‚kehrte er grinsend zu seinem Herrn zurück, um sich seine Streicheleinheiten abzuholen‘.“ (Auszug aus dem Buch „Forscher, Katzen und Kanonen“, siehe auch GeschiMag Special)

Schiffshunde als Randnotizen der Seefahrtsgeschichte

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Neufundländer retten einen Matrosen vor dem Ertrinken. Zeichnung von 1845

Flinders ausführliche Darstellung des Lebens seines Schiffskaters ist hinsichtlich der Tiere an Bord bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung. Und auch die Schiffshunde fanden bis dahin eher beiläufig in Tagebüchern Forschungsreisender Eingang. So erwähnt der Naturforscher Joseph Banks am 25. Oktober 1768 die Hunde in Zusammenhang mit der anstehenden Äquatortaufe. Sowohl er, als auch seine Diener und eben die Hunde gehörten zu der Gruppe, die auf James Cooks Südseereise (1768-1771) erstmals den Äquator überqueren würden. Mit einer gewissen Menge Brandy gelang es dem Forschungsreisenden jedoch, sich, den Kapitän, den Kollegen Solander, seine Diener und Hunde von dem recht rüden Zeremoniell freizukaufen „Captn Cooke and Doctor Solander were on the Black list, as were my self my servants and doggs, which I was oblig’d to compound for by giving the Duckers a certain quantity of Brandy for which they willingly excusd us the ceremony” (Zitat aus Banks Tagebuch).

Lesen Sie auch den GeschiMag-Artikel „Geschichte der Schiffskatzen“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Schifffahrtsgeschichte

Eine Antwort zu “Hunde an Bord

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