Monumente der Sehnsucht

Die Sammlung Korkmodelle auf Schloss Friedenstein Gotha

Korkmodelle (Phelloplastiken) antiker Bauten gehörten im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur zu den beliebten Mitbringseln wohlhabender Italienreisender, sondern waren auch begehrte Sammlerobjekte herzoglicher und fürstlicher Kabinette. In Monumente der Sehnsucht präsentiert der Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Prof. Dr. Martin Eberle die 15 Kork-Architekturmodelle aus der Sammlung des Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Die Modelle der Gothaer Sammlung stammen überwiegend vom  römischen Künstler Antonio Chichi, dem wohl renommiertesten Phelloplastiker seiner Zeit. Weitere bedeutende Sammlungen seiner Arbeiten finden sich heute nur noch in Kassel und Darmstadt.

In seiner Einführung verschafft Prof. Eberle dem Leser zunächst einen Überblick über die Geschichte der Phelloplastik, die Künstler und die Sammlungen. In Deutschland gilt der Architekt Agostino Rosa aus Rom als Erfinder der Technik der „Korkschneiderei“. Tatsächlich hat diese jedoch eine Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Das 18. und 19. Jahrhundert kann – obwohl insgesamt gering an Zahl – mit weiteren bekannten Namen der Korkschneidekunst aufwarten. Giovanni Altieri oder die Padigliones aus Neapel  seien  hier beispielhaft genannt. Den Schwerpunkt der Betrachtungen legt Prof. Eberle naturgemäß auf Antonio Chichi und, weil sich auch von ihm Arbeiten in der Gothaer Sammlung befinden, den deutschen Phelloplastiker Carl Joseph May, dessen Ausbildung und Karriere als Konditor ihm einen recht interessanten Einstieg in das Geschäft mit den Korkmodellen eröffnete.

Korkmodellbau: Künstler, Märkte, Sammlungen

Tatsächlich hatte sich im 18. Jahrhundert ein florierender Markt für Korkmodelle insbesondere antiker Bauten etabliert. Phelloplastiken Chichis beispielsweise gelangten nicht nur England oder Frankreich, sondern sogar in das Museum der Kunstakademie in Sankt Petersburg für das Katharina die Große wenigstens 40 Modelle eingekauft hatte. Da gab es spezielle Einkäufer der Fürstenhäuser und nicht zuletzt den Kunsthändler Rost in Leipzig, der den Verkauf von Chichis Werken in Deutschland organisierte. Rost war es auch, der vor Chichis Nachahmern, wie den besagten Konditor Carl Joseph May warnte, der seine Kopien von Chichis Modellen um immerhin 10 bis 30 Prozent billiger anbieten konnte.

Auch wenn die Einführung mit ihren vierzehn illustrierten Seiten recht kurz erscheint, hinsichtlich der Informationen hat sie es durchaus in sich. So erfährt der Leser am Ende auch etwas über Preise, Beschaffungsstrukturen und Verwendungszweck der Phelloplastiken, bevor die Arbeiten der Gothaer Sammlung im Einzelnen vorgestellt werden. Zeitgenössische Zitate und Kommentare zu den Künstlern und ihren Werken sowie Beschreibungen zur Arbeitsweise  der Korkschneider runden den Einführungsteil ab.

Die Modelle und ihre Originale

Im Katalogteil sind den Modellen jeweils sechs Seiten gewidmet. Jede Präsentation beginnt  mit einem Zitat bekannter Kulturschaffender zu dem jeweiligen Gebäude auf einer graphische  Doppelseite. Es folgt eine Seite technischer und historischer Informationen zu Modell und Original sowie Hinweise zu Literatur und Vergleichsstücken in anderen Sammlungen. Ganz- und Detailfotos des Modells sowie eine zeitgenössische Grafik des Originals zeigen dem Betrachter die Ausdrucksstärke des Naturmaterials, mit dem sich ganz besonders der ruinöse Charakter eines Bauwerkes hervorragend vermitteln lässt.

Martin Eberle: Monumente der Sehnsucht. Die Sammlung der Korkmodelle auf Schloss Friedenstein Gotha. Morio Verlag 2017. Hardcover 120 Seiten

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