Frühe Maingeschichte

Archäologie am Fluss

Der Begleitband zur Sonderausstellung im Knauf-Museum Iphofen stellt nicht nur archäologische Objekte und Fundplätze entlang des Mains vor, wie der Klappentext suggeriert. Da verrät der Titel des Buches „Frühe Maingeschichte“ tatsächlich ein wenig mehr. Denn ohne die Kenntnis der Naturgeschichte des Flusses, der ebenfalls Platz in dem Buch eingeräumt wird, wären die Geschichte der Menschen am Main, die Bedeutung  und Hintergründe der anthropogenen Funde und Fundorte nur schwer zu interpretieren. Und so erwartet den Leser eine anspruchsvolle komplexe Gesamtschau der Maingeschichte von der frühesten Zeit bis zum frühen Mittelalter anhand von wissenschaftlich erläuterten Einzelbeispielen.

In historischer Betrachtung, also seit der keltisch-römischen Zeit, stellt sich uns der Main als in seinem Verlauf recht klar definierter Verkehrsweg und Grenzlinie dar. Aber bereits die archäologischen Funde wie beispielsweise sogenannte Flussdeponierungen zeigen, dass der Main auch in erdgeschichtlich junger Zeit ständigen Veränderungen unterworfen war. Mit der Dynamik des Flusses in Zusammenhang mit den geologischen Ereignissen der Erdgeschichte, den damit verbundenen Veränderungen der Flusssysteme und die Rekonstruktion des Flussbettes des Urmains befasst sich folgerichtig der erste Aufsatz des Buches. Die Problematik der Interpretation steinzeitlicher Flussfunde wird im zweiten Aufsatz diskutiert, bevor sie mit der detaillierten Betrachtung der Hammeraxt von Oberau – Bad Staffelstein archäologisch konkretisiert wird.

Der Main in fremden Betten

Flüsse als Speicher des kulturellen Gedächtnisses behandeln das Thema Flussfunde insbesondere der Bronze- und Eisenzeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei konzentriert sich die Verfasserin des Aufsatzes zunächst auf vorstellbare mythologisch bzw. kulturell bedingte Motivationen zur Deponierung von Gegenständen in Gewässern. Natürlich werden auch andere Ursachen für Flussfunde, wie Unfälle oder ganz normale Verluste beim Überqueren oder Bereisen des Flusses diskutiert. Spannend dann die Darstellung der Geschichte der Erforschung des Phänomens der Flussfunde, die auch in Zusammenhang mit statistischen Auswertungen zeigt, wie komplex das Thema ist. Dermaßen vorbereitet, wird dem Leser beispielhaft das „Bronzeschwert- Bad Staffelstein“ präsentiert .

Siedlungsaktivitäten von der Steinzeit bis zu den Germanen

Sehr detailliert dokumentieren die beiden folgenden Aufsätze die keltische Besiedlung der Mainregion. Mit der hallstattzeitlichen Höhensiedlung Marienburg und seinem Umfeld im Maindreieck taucht der Leser unter anderem in die Geschichte der archäologischen Kampagnen und seiner Ergebnisse ein, die zweifellos den neuesten Stand der Erkenntnisse vermitteln. Gleiches gilt für den sicherlich bekannteren Staffelberg bei Bad Staffelstein. Der gilt landläufig als Beispiel für ein Spätkeltisches Oppidum, ist jedoch bereits seit der Jungsteinzeit mehr oder weniger kontinuierlich besiedelt und liefert sowohl Bandkeramische, als auch Michelsberger, Schnurkeramische oder Urnenfelder Funde. Mit Artefakten und Befestigungsresten aus der frühen Eisenzeit bis zur späten Römischen Kaiserzeit sind hallstatt-, latènekeltische und germanische Siedlungsaktivitäten nachgewiesen.

Die Römer: Holzfäller, Steinbrecher und Soldaten

Wer glaubt, dass die Römer Germanien aufgegeben haben weil dort im Verhältnis zum Aufwand kaum etwas zu holen war, wird im Beitrag über die römischen Holzfällerkommandos am Main eines besseren belehrt. Denn Holz wurde durch die rege Bautätigkeit am und hinter dem Limes von Main und Rhein in direkter Umgebung ein recht rares Gut. Die Kommandos der Römer dürften daher auch in den Regionen östlich des Limes aktiv geworden sein. Archäologisch sind Holzlieferungen aus der Region bis zum Rhein nachgewiesen, dem Römerlager von Marktbreit wird dabei eine besondere Rolle zugewiesen. Dem wird unter dem Titel „Truppen des Kaisers Augustus an der Spitze des Maindreiecks: Das Römerlager von Marktbreit“ ein weiteres Kapitel gewidmet.

Nach einem Ausflug zu den römischen Steinbrüchen – ein weiterer begehrter Rohstoff, aus der Mainregion – schließt der Aufsatz über die römischen Goldmünzen die römische Periode ab.

Flussfahrt mit Karl dem Großen

Die Ausführungen zur Wettenburg in der Mainschleife bei Urphar leiten den Leser über die Völkerwanderungszeit ins Mittelalter für das die Karlburg als Beispiel für einen Zentralort der fränkischen Expansion steht. Natürlich darf in einem Buch wie diesem die Fossa Carolina nicht fehlen, immer wieder ein Objekt, das hinsichtlich seiner Funktionsfähigkeit zu Spekulationen animiert. Zusätzlich zu den archäologischen und historischen Erkenntnisse zum Bauwerk, das die Wasserscheide zwischen Main und Donau überwinden sollte, gibt das Kapitel Aufschluss über die Reisen Karls des Großen auf dem Main. Wie sich die Binnenschifffahrt auf dem Main im frühen und hohen Mittelalter gestaltete, informiert das anschließende Essay. Mit dem Pettstadter Becher und den Florentiner Goldgulden in Willanzheim runden wieder archäologische Einzelfunde den Ausflug in die zuvor beschriebene historische Epoche ab.

Ein wissenschaftlich anspruchsvolles Überblickswerk

Mit „Einbäume am Main“ betrachtet der Autor entsprechende Funde, aus Unterfranken. Besonders interessant dabei die Rekonstruktionsvorschläge zur Nutzung von Einbäumen als Schwimmkörper für Mainfähren. Gerade bei Funden hölzerner Relikte ist die Dendrochronologie ein ganz wesentliches archäologisches Instrument, dessen Hintergründe unter anderem am Beispiel der Einbaumfunde auch in diesem Buch erläutert werden.

Frühe Maingeschichten ist mit Kartenmaterial, Grafiken, Fotos, archäologischen Zeichnungen und historischen Abbildungen gut illustriert. Es liefert einen guten, wissenschaftlich anspruchsvollen Überblick zum Thema und lädt durchaus zum eigenständigen Vertiefen des einen oder anderen aufgegriffenen Aspektes beziehungsweise Zeitraumes ein.

Margarete Klein-Pfeuffer, Markus Mergenthaler: Frühe Maingeschichte. Archäologie am Fluss. Nünnerich-Asmus 2017. Hardcover, 288 Seiten.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s