Die Vulkane des William Hamilton

Naturreportagen von den Feuerbergen Ätna und Vesuv

Vielen dürfte der Name Hamilton eher in Zusammenhang mit der legendären Affäre zwischen Admiral Nelson und der Ehefrau des britischen Gesandten am sizilianischen Königshof ein Begriff sein. Lord Hamilton allerdings war nicht nur der Dritte im Bunde der skandalträchtigen Ménage-à-trois, sondern vor allem ein leidenschaftlicher Vulkanologe, dessen Beobachtungen der süditalienischen Vulkanwelt von wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung sind. Immerhin gehörte er zu den Vertretern der sogenannten Plutonisten, jener Wissenschaftler, die die Veränderungen der Erdoberfläche aus Prozessen im Innern der Erde erklärten. Zudem erkannte William Hamilton die zeitlichen Dimensionen, die mit geologischen Prozessen verbunden sind und leistete damit einen Beitrag zur Entdeckung der sogenannten Tiefenzeit, die eine wesentliche Voraussetzung für die späteren Evolutionstheorien darstellt.

Eine schillernde Persönlichkeit

Die Vulkane des William Hamilton besteht aus zwei Teilen. Zunächst vermitteln Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich (Hg.) dem Leser die biographischen, historischen, politischen und wissenschaftlichen Hintergründe von Hamiltons Werk Campi Phlegraei. Dieses wiederum wird – dem eigentlichen Publikationszweck entsprechend – im zweiten, naturgemäß wesentlich umfangreicheren Teil mit seinen Originaltexten und opulenten Bildern wiedergegeben. Die deutsche Übersetzung des – wie zu jener Zeit üblich sperrigen aber aussagekräftigen – Titels lautet:

„Phlegräische Felder.

Betrachtungen über die Vulkane beider Sizilien, wie sie der Royal Society in London mitgeteilt wurden von Sir William Hamilton, Ritter des Ordens vom Bade, Mitglied der Royal Society; außerordentlicher Gesandter seiner britischen Majestät und Generalbevollmächtigter am Hofe von Neapel.

Um alle Betrachtungen möglichst genau zu veranschaulichen, wurde ihnen eine neue, genaue Karte beigefügt, dazu 54 Tafeln, abgenommen von Zeichnungen, welche unter Aufsicht des Autors nach der Natur angefertigt und koloriert wurden vom Herausgeber, Herrn Peter Fabris.

Neapel 1776“

„Wissenschaftsreporter“ der Aufklärung

Bereits die Lektüre der Briefe an die jeweiligen Präsidenten und Sekretäre der Royal Society ist ein Vergnügen. Für die damalige Zeit recht schnörkellos beschreibt Hamilton darin seine Beobachtungen und Erlebnisse während der Ausbrüche von Vesuv und Ätna. Die erweisen sich nicht nur als detailliert und präzise sondern auch als recht abenteuerlich. Immerhin ließ es sich der leidenschaftliche Vulkanforscher nicht nehmen, höchstpersönlich die rumorenden Feuerberge zu besteigen und Messungen vorzunehmen. Mehrmals drohte er dabei von herabfallenden Lavabrocken erschlagen oder von den unberechenbaren Lavaströmen eingeschlossen zu werden. Seine Reportagen ergänzte er nicht nur durch Berichte Einheimischer und Vergleiche mit Beobachtungen antiker Wissenschaftler, er schrieb ebenfalls erstaunlich modern klingende Schlussfolgerungen nieder.

Eine faszinierende Bildreportage aus dem 18. Jahrhundert

Letztendlich entpuppt sich sein Gesamtwerk auch als opulente Bildreportage. Denn sowohl die von ihm beschriebenen markanten Orte wie Steinbrüche, heiße Quellen oder Krater ruhender Vulkane als auch die Bilderreihen, die den Ablauf der beobachteten Ausbrüche und damit verbundenen Veränderungen an Vulkan und Umgebung dokumentieren, lassen die Berichte lebendig werden. Insbesondere die Abbildungen der Gesteinssammlung, die Hamilton mit seinen Briefen an die Royal Society gesandt hatte, weisen eine ebensolche Genauigkeit auf, wie die Texte. „Mit großer Präzision“, so heißt es in der Einleitung der wbg Edition, „erfasst der Künstler dabei nicht nur die Farbnuancen der Gesteine und Mineralien, sondern auch deren Textur und Struktur, sodass noch heute ein Geologe sie sofort identifizieren kann.“

Eine schöne Überraschung

Die Vulkane des William Hamilton erweisen sich nicht nur als geologisch und historisch interessant, sondern entführen den/die LeserIn auch in eine spannende, wissenschaftlich und gesellschaftlich im Umbruch befindliche Zeit. Ein unerwartet interessantes und schönes Buch.

Oliver Lubrich, Thomas Nehrlich (Hg.): Die Vulkane des William Hamilton. Naturreportagen von den Feuerbergen Ätna und Vesuv. wbgEdition 2021. Gebunden, 272 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Aufklärung, Rezension

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