Unendlicher Pazifik

Inseln und Entdecker, Völker und Eroberer

Meist verbinden wir mit dem Pazifik freundliche, einsame Südseeinseln, die versprengt in der unendlichen Weite des Meeres zum Träumen einladen. Und dann waren da noch die Seeschlachten im zweiten Weltkrieg, bei denen es um die Vorherrschaft der Anrainerstaaten über die Handelswege und politische Einflusssphären ging. Und auf entlegenen Atollen des immerhin fast ein Drittel der Erdoberfläche bedeckenden Ozeans – scheinbar weitab jeder Zivilisation – gab es noch die Atombombenversuche, deren schaurig-schöne Bilder um die Welt gingen und die heute längst in Vergessenheit geraten sind. Philip J. Hatfield greift in seinem Buch Unendlicher Pazifik diese Aspekte auf, zeichnet aber ein völlig anderes, weniger eurozentristisches Bild der kulturell so komplexen Inselwelt des Pazifik.

Der Pazifik als maritime Kulturregion

Einsam waren die Inseln des Pazifik sicherlich nie. Immerhin wanderten bereits um 3000 vor unserer Zeitrechnung nach Taiwan ein, um sich von dort aus über die südliche, südöstliche und südwestliche Inselwelt zu verbreiten. Oft genug trafen sie bereits auf eine indigene Bevölkerung, wie beispielsweise auf Neuguinea. Über die pazifische Inselwelt breitete sich schließlich ein kulturelles Netzwerk aus, das als Lapida-Kultur bezeichnet wird und als Grundstein für den polynesischen Kulturkreis verstanden werden kann. Lange vor den Europäern prägten diese Kulturen durch politische und Handelsbeziehungen, durch Import bzw. Export von Waren aber auch fremden Tieren und Pflanzen Gesellschaften und Ökologie der Inselwelt gravierend.

Südseeimperien

Im 13. Jahrhundert entdeckten und besiedelten die Polynesier Neuseeland, die dort ihre spezielle Maori-Kultur ausbildeten. Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich das Tongaische Reich, ein Handels- und Tributnetzwerk über weite Teile des pazifischen Raumes ausgebreitet, das diese Region des Pazifik über nahezu 500 Jahre kulturell und politisch prägen sollte. Bevor noch die Europäer, Russen und Amerikaner kamen, um der pazifischen Region ihre kulturellen Werte zu vermitteln, stand das kulturelle Inselnetzwerk bereits in engem Austausch mit den Ethnien der asiatischen und amerikanischen „Randgebiete“. Mit den europäischen Entdeckungen und der Einflussnahme europäischer Mächte veränderte sich wieder einmal das Netzwerk, das kulturelle und das Machtgefüge innerhalb der pazifischen Inselwelt, die gegenüber den „Eindringlingen“ für lange Zeit alles andere als machtlos war. Auch diese Geschichte entwickelt der Autor Schritt für Schritt, bis hin zur Öffnung Japans und der Annektion Hawaiis durch die USA.

Mit der Globalisierung in die Katastrophe

Es ist ein komplexes Gebilde vielschichtiger Beziehungen zwischen den Inselkulturen, den europäischen Mächten und den Anrainern des gewaltigen Ozeans, das Hatfield in seinem Buch entwickelt. Und tatsächlich liefert er neue Perspektiven bei der Betrachtung des gewaltigen maritimen Kulturraumes, der bis heute ständigen Veränderungen unterworfen ist. Mit dem letzten Abschnitt „Inseln in einer globalisierten Welt“ geht es schließlich nicht nur um die weltweiten Handelsbeziehungen, Kriege und Ausbeutung, sondern auch um weltanschauliche, wissenschaftliche und eben kulturelle Aspekte eines Prozesses, der nicht zuletzt in einer globalen Umweltkatastrophe zu enden droht.

Ein Überblick über rund 5000 Jahre Kulturgeschichte

Unendlicher Pazifik ist eine kulturelle Erkundungsreise durch immerhin rund fünf Jahrtausende. Dass diese reichhaltig illustrierte Expedition auf gut 200 Seiten abgehandelt wird, hat allerdings Folgen. Denn Hatfield präsentiert nicht nur Vieles, das dem halbwegs interessierten Leser durchaus bekannt ist, er bleibt oft genug vage, wenn es um konkrete Beispiele für kulturelle und andere Veränderungen geht. Keine Frage, der Autor bedient eine Unmenge von Aspekten und stellt diese in Zusammenhang zueinander und zeichnet dadurch eben ein Bild des oben angesprochenen komplexen Gefüges und seiner Veränderungen im Laufe der Jahrtausende. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass die angesprochenen Veränderungen beispielsweise bei kulturellen Besonderheiten oder anthropogenen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen ein wenig konkreter und ausführlicher gefasst worden wären.

Philip J. Hatfield: Unendlicher Pazifik. WbgTheiss 2020. Hardcover, 219 Seiten

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