Die Erfindung des Buchs

Zwölf Innovationen der frühen Druckgeschichte

Wir haben gelernt: Gutenberg erfand die beweglichen Lettern und leitete damit eine gesellschaftliche und technische Revolution ein. Doch so mancher wird schon geahnt haben, dass es ganz so einfach nicht war. Und so ist es kein Zufall, dass sich „Die Erfindung des Buches“ von John Boardley nur wenig mit Gutenberg und seiner zur Druckerpresse umgewandelten „Weinpresse“ beschäftigt. Boardley beschreibt vielmehr den immerhin mehr als ein Jahrhundert währenden Prozess, der aus den handbeschriebenen Pergamentblättern das gedruckte Buch mit all seinen bis heute gültigen typografischen Konventionen entstehen ließ.

Am Anfang stand Gutenberg!?

Natürlich beginnt der Autor seine Geschichte mit Gutenberg. Natürlich deshalb, weil der das erste bedeutende (und bestuntersuchte) Buch als Druckerzeugnis herausgebracht hatte: Die 42-zeilige Bibel (42 Zeilen/Seite). Bereits vorher hatte er unzählige Ablassbriefe gedruckt, nicht nur für den Klerus ein lohnendes Geschäft. Es war aber nicht die Nachfrage nach Ablassbriefen, die den Buchdruck im Gegensatz zu den bislang üblichen Handschriften beflügelten. Es war die Zeit der sogenannten Renaissance, die mit dem aufstrebenden Bürgertum und dem Niedergang des Feudalismus, der Expansion des Bankwesens, der Emanzipation der Wissenschaften vom bibelorientierten Mittelalter, der künstlerischen und kulturellen Neuorientierung einherging.

Eine dynamische Zeit

Allein die Namen der zeitgenössischen Persönlichkeiten lassen erahnen, welche gesellschaftliche und technologische Dynamik dieser Ära innewohnte: Die Künstler Da Vinci, Michelangelo, Raffael oder Dürer, die Architekten Brunelleschi oder Alberto, Entdecker wie Vasco da Gama und Kolumbus, Wissenschaftler wie Kopernikus, sie alle waren Zeitgenossen der Typographen Johannes Gutenberg, Aldus Manutius oder Nicolas Jenson. Zweifellos war die Erfindung der beweglichen Lettern eine Grundvoraussetzung für den sich entwickelnden Massendruck, das Augenmerk dieses Buches liegt aber zu Recht auf der schrittweisen Entwicklung der Typographie, die weitaus mehr als nur ein Druckverfahren ist.

Der Ursprung der Schriftarten

Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass das gesamte Layout eines Druckwerkes, einschließlich Überschriften und anderen Gliederungselementen, Illustrationen oder Farben in einer Druckvorlage vereint sind oder dass wir unter unzähligen Schriftarten und -größen wählen können. Die ersten Drucke allerdings entstanden noch in Zusammenarbeit mit Schreibern, die die Gliederungselemente, Illustrationen und Verzierungen noch per Hand in die gedruckten Seiten einfügen mussten um dem Kunden die vertraute Art von Büchern zu liefern. Schritt für Schritt gelang es den Druckern aus den überkommenen Schriften Druckschriften zu entwickeln. Als Beispiele seien hier die Obergruppen Antiqua, Textura oder Rotunda genannt.

Ein Markt für Glücksritter und Genies

Die rasante Entwicklung der Typographie und des Verlags- und Druckereiwesens ist zweifellos auch einem gewissen Chaos geschuldet, dass mit der modernen Buchproduktion einherging. Immerhin war es im ersten halben Jahrhundert ein ungeregelter Wirtschaftsbereich, in dem jeder ohne Zunftbeschränkungen oder auch nur adäquater Ausbildung Drucker werden konnte. Der Markt aber auch die Konkurrenz war groß, die Investitionen so hoch, dass sie sich mit viel Glück bestenfalls innerhalb von mehreren Jahren amortisierte. Nicht nur die Entdeckungsfahrten, auch das Druckereiwesen war ein Tummelplatz von Glücksrittern aber eben auch Genies.

Schritt für Schritt

Was uns heute beim Anblick eines gedruckten Buches als selbstverständlich gilt, ist das Ergebnis eines schrittweisen Innovationsprozesses, der sich innerhalb eines Jahrhunderts abspielte. Dazu gehört die Technik des Stempelschneidens, die Entwicklung geeigneter Schrifttypen oder der Druck von Buchillustrationen ebenso, wie der Farbdruck, der Golddruck, die Einführung einer Titelseite oder der Notendruck. Zum Ende dieser Entwicklung erschienen schließlich die ersten Reiseführer und Kinderbücher oder beispielsweise 1514 das erste in arabischer Schrift gedruckte Buch oder 1519 der Notendruck in einem Durchgang.

Bei dem, was John Boardley als „Die Erfindung des Buchs“ bezeichnet, handelt es sich um einen spannenden kulturgeschichtlichen Prozess, der gelegentlich an die kulturellen und ökonomischen Entwicklungen (und Verwerfungen) in Zusammenhang mit der Digitalisierung erinnert.

John Boardley: Die Erfindung des Buchs. Zwölf Innovationen der frühen Druckgeschichte. wbgAcademic 2020. Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension

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