Der Japanische Holzschnitt in 200 Meisterwerken

Von ujiyo-e bis shin hanga

Die ganz eigene Ästhetik und Bildsprache asiatischer Bilder übt auf den westlichen Betrachter eine große Faszination aus. Die japanischen Holzschnittmeister nehmen dabei eine besondere Stellung ein, denn seit dem 17. Jahrhundert entwickelten sie – im Gegensatz zu ihren chinesischen Kollegen – aus der Drucktechnik eine eigenständige Kunstform und kulturelle Ausprägung. Der 620-Seitige Foliant mit ganz- und mehrseitigen, teils ausklappbaren Farbdrucken präsentiert diese spannende Entwicklung zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert anhand von 200 Meisterwerken.

Bücher, Bürger, Kurtisanen

Es war der Aufstieg des japanischen Bürgertums vor allem in Edo (dem heutigen Tokio), der zur Entwicklung einer umfassenden städtischen Kulturszene führte. Neben dem steifen höfischen No-Theater für die feudale Elite entstand das bürgerliche Kabuki mit seinen großen Schauspielhäusern und den legendären Darstellerdynastien. Freudenbezirke wurden eingerichtet, die Prostitution ein anerkannter Teil der ständig wachsenden Unterhaltungsindustrie. In diesem Zusammenhang wurde in Kyoto im frühen 17. Jahrhundert der Buchdruck mit beweglichen Lettern und Illustrationen modern. Im ausgehenden 17. Jahrhundert lösten sich die Holzschnittbilder schließlich aus ihrer Abhängigkeit von den Buchproduktionen und entwickelte sich in Form von Einzelblattdrucken zu einer eigenständigen Kunstform, die heute als ukiyo-e oder Bilder der fließenden Kunst bezeichnet werden. Diese traditionelle Holzschnittkunst mit ihren produktionstechnischen und kommerziellen Hintergründen sollte immerhin rund 200 Jahre Bestand haben.

Holzschnittkunst, ein boomender Markt der Tokugawa-Zeit

Beim oberflächlichen Betrachten der Meisterwerke – oder eben Werke der Meisterschulen – scheint sich in den Grundzügen der Darstellungen über den Zeitraum kaum etwas geändert zu haben. Aber sowohl eine genauere Betrachtung als auch die hervorragenden Informationstexte zu den verschiedenen Entwicklungsphasen und den einzelnen Bildern offenbaren, wie dynamisch die traditionelle Kunst des Holzschnitts tatsächlich war. Während sich an der Arbeitsteiligkeit zwischen Verleger, Künstler, Holzschneider und Drucker kaum etwas änderte, entwickelten sich innerhalb dieses Rahmens ständig neue Techniken und Genres. War die frühe Phase noch geprägt von handkolorierten schwarzweiß Drucken, so setzte sich in der zweiten Hälfte der vielfarben Druck durch. Anfangs bildeten vor allem erotische Motive einen Schwerpunkt, nach und nach kamen neben Landschaftsbildern auch die Schauspielerportraits, Programmhefte, Serien schöner Frauen und natürlich mythologische und historische Motive, Samurai, Sumoringer, Alltagsszenen und entsprechende Szenen aus Kabuki-Theaterstücken hinzu.

Zwischen künstlerischer Freiheit und Zensur

Sammel- und Fan- oder auch Klebebilder für Fächer mit Portraits der Theatergrößen oder berühmter Kurtisanen gehörten zu den Verkaufsschlagern der Werke, die ihre künstlerische Genialität immer auch in den Dienst des Kommerz stellten. So überraschten die Meister immer wieder mit neuen Bildformaten, Szenenausschnitten, Farbgebungen oder Motiven, am Ende sogar mit auf europäischen Einfluss zurückzuführenden perspektivischen Darstellungen, um das Interesse der kaufkräftigen städtischen Mittelschicht am Laufen zu halten. Selbst die Zensur der Tokugawa-Regierung, die ab 1800 die Darstellung bekannter Persönlichkeiten, wie Schauspieler, Kurtisanen oder Herrschern verbot, verpuffte angesichts des (für uns nicht ohne weiteres erkennbaren) Einfallsreichtums der japanischen Künstler weitgehend. Und so präsentieren sich dem Leser des wunderbaren Buches tatsächlich 200 Meisterwerke, deren Betrachtung ihn in eine faszinierende, aufregende und geheimnisvolle Welt entführen, deren Botschaften ihm allerdings ohne die erläuternden Texte in der Regel verborgen bleiben.

Kulturgeschichtliche Entdeckungsreise

Denn die Kunstwerke bestechen nicht nur durch ihre Linien und Farben, sondern sie erzählen durch ihre Symbolik, mit ihren Ornamenten, den Schriftkartuschen und versteckten Hinweisen oft genug ganze Geschichten oder beschreiben für den Kundigen ganze Theaterszenen und Handlungsstränge. Und der Kundige steht dem Betrachter in Form des Japonologen und Kunsthistorikers Andreas Marks mit gut verständlichen Texten zur Seite. Das Buch ist zweifellos ein kultureller Schatz mit seiner technisch und handwerklich hochwertigen Ausstattung, den vielschichtigen Informationen und nicht zuletzt natürlich dem nahezu grenzenlosen Augenschmaus. Der Betrachter/Leser begibt sich bei der Lektüre auf eine große und lange kulturgeschichtliche Entdeckungsreise, stößt auf atemberaubende Landschaften, subtil erotische Szenen oder begegnet Schrecken verbreitenden Geistern und Dämonen und übermenschlichen Helden der Vergangenheit.

Andreas Marks: Der japanische Holzschnitt in 200 Meisterwerken. Taschen 2019 http://www.taschen.com/. Gebunden, Folioformat, 620 Seiten.

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