SFB – mon amour

Die Geschichte des Senders Freies Berlin

Am 01. Juni 1954 um 4 Uhr 57 starteten Sender Freies Berlin I und II ihr Hörfunkprogramm aus dem Funkhaus am Heidelberger Platz. Der Autor des Buches SFB – mon amour , Alexander Kulpok war von Anfang an dabei. Die von ihm vorgestellte Geschichte des Westberliner Senders, der bereits im September 1954 in die ARD aufgenommen wurde, ist gleichzeitig auch wesentlicher Teil seiner persönlichen Geschichte. Denn Kulpok war nicht „nur“ Journalist, sondern als späterer Personalratsvorsitzender, stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender, Leiter der ARD/ZDF Videotext-Zentrale und Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes auch Mitgestalter und Administrator der neben dem RIAS zweifellos ganz besonderen Rundfunkanstalt.

Große Namen der Kulturszene

Es ist eine eigene Welt, die der Autor bei seiner Reise in die Westberliner Rundfunkgeschichte vorstellt. Es ist die Welt der „Frontstadt“ des Kalten Krieges, des Schaufensters nach Osten, der quirligen Kulturmetropole und der einzigartigen (und manchmal auch eigenartigen) Kultur der „Insel der Freiheit“. Und so nehmen in Kulpoks Sendergeschichte nicht nur längst vergangene Sendeformate und ihre oft legendären Vertreter (z.B. Rund um die Berolina, s-f-beat, Berliner Abendschau etc.) einen großen Raum ein, sondern auch die nicht unerheblich vom Sender geförderte Kulturlandschaft und ihre Künstler. Paul Kuhn, Katja Ebstein, Martin Buchholz oder Dieter Hildebrand seien an dieser Stelle stellvertretend genannt.

Vom Kalten Krieg bis zum Mauerfall

Natürlich war die SFB-Zeit auch eine spannende politische Zeit. Zwischen Mauerbau und Mauerfall konnte der SFB (natürlich auch als ARD-Anstalt) über Kennedys legendären Besuch, die prägende Zeit des regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, 68er Bewegung, Ohnesorg, Dutschke, die Passierscheinregelung, den Spielplatz der Geheimdienste, Olympiade, Prager Frühling oder die Erfolge der NPD in der Bundesrepublik berichten. Alexander Kulpok war mittendrin. So begleitete er journalistisch unter anderem Egon Bahr und Willy Brandt, nicht ohne ihnen und ihrer Politik eine gewisse Sympathie entgegenzubringen. Dass er dabei ein wenig aus dem Nähkästchen der gehobenen Journaille plaudert, macht das Buch ebenso interessant, wie die Einsichten in das innere Geschehen des Senders.

Die Westberliner ARD-Anstalt

Kulpok ist nicht nur Zeitzeuge der politisch-kulturellen-und gesellschaftlichen Geschichte Westberlins, sondern auch Insider der Institution SFB. Auch im Westberliner Sender selbst fanden die politischen Konflikte und Interessen seiner Zeit ihren Niederschlag. Die links-rechts-Polarisierung der 68er ebenso wie wie der Kalte Krieg oder die Ost-West Annäherung. Wer sich noch an diese Zeiten erinnert, kann diese Konflikte durchaus an Personen und Namen festmachen, als Beispiel sei hier nur Gerhard Löwenthal genannt. Bei genauerer Lektüre wird dem Leser deutlich, welche Prozesse den Journalismus einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt prägen und weshalb solche Institutionen noch immer zu den demokratischsten und glaubwürdigsten Einrichtungen unserer Gesellschaft gehören.

Eine ganz besondere Zeit

Ich als Autor dieser Buchbesprechung bin übrigens erst um 1982 zunächst als Volontär, dann als gelegentlicher freier Mitarbeiter zum SFB gestoßen. Die dynamischen und besonderen Zeiten des Senders hatten, das erlaube ich mir, hier zu behaupten, da schon ihren Höhepunkt überschritten. Aber dennoch durfte ich die eine oder andere Legende, von der Kulpok in seinem Buch redet, auch selbst persönlich kennenlernen. Insofern habe ich zu SFB – mon amour natürlich auch einen persönlichen Bezug. Vieles von dem, was Kulpok als – wie er sich selbst bezeichnet – Privilegierter gerade hinsichtlich der Interna beschrieben hat, ist an mir als freier Journalist mit „Bauchladen“ schlichtweg vorbeigegangen. Und das lag sicherlich nicht nur an meinem journalistischen Status, sondern auch daran, dass, wie es Kulpok formuliert, sein Aufstieg in die Spitzen des Rundfunkjournalismus der (seiner) Zeit zu verdanken war: „Doch es war eine Zeit (und ich behaupte es lag an der Zeit), in der dies gelang. Es war die Zeit nach 1945 in der in Berlin-West von Politik und Gesellschaft die Rahmenbedingungen für Bildung und Chancengleichheit geschaffen wurden.“

Eine Reise in eine untergegangene Kultur

SFB -mon amour ist eine Reise in die Vergangenheit, in eine ganz spezielle Gesellschaft und Kultur, die mit dem Fall der Mauer untergegangen und übrigens recht schnell aus dem allgemeinen und politischen Bewusstsein verschwunden ist. Allein deshalb ist das Buch trotz naturgemäß subjektiver Sicht des Autors und der zwangsläufigen Unvollständigkeit nicht nur für Nostalgiker eine Empfehlung wert.

Alexander Kulpok: SFB mon amour. Die Geschichte des Sender Freies Berlin. Vergangenheitsverlag 2019/20. Hardcover 288 Seiten.

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