Der Goldene Atlas

Die abenteuerlichen Reisen der großen Seefahrer, Entdecker und Forscher

Sie heißen Kolumbus, Cabot, da Gama, Magellan, Drake oder natürlich Cook – die großen Seefahrer der Zeit europäischer Entdeckungen. Tatsächlich aber begann die geographische Erforschung der Welt bereits Jahrtausende zuvor. Edward Brooke-Hitching schlägt in seinem Buch Der Goldene Atlas einen Bogen vom 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Illustriert sind die Aufsätze vor allem durch historische, oft seltene Karten, denn der Autor gilt als Kartenfreak und sein neues Buch trägt nicht zufällig sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Übersetzung den Titel The Golden Atlas bzw. Der Goldene Atlas.

Reisen hinter den Horizont

Nach einer kurzen Einführung in die Entwicklung der Landkarten, beginnt der Autor mit der Erforschung der antiken Welt. Bereits etwa 2300 vor unserer Zeitrechnung ist mit dem ägyptischen Beamten Harchuf der erste namentlich bekannte „Entdecker“ dokumentiert. Der hatte, wie die in seinem Grabmal in Stein gehauenen Berichte verraten, vier lange Seereisen in den Süden (Sudan) unternommen. Bereits 200 Jahre zuvor fanden die vom Pharao Sahure initiierten Reisen in das sagenhafte Goldland Punt statt (vermutlich am Horn von Afrika gelegen). Mit den Expeditionen der Perser in ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung erweiterte sich der „Horizont“ um das arabische Meer und Indien und spätestens im vierten Jahrhundert v.u.Z. präzisierten und erweiterten die Kriegszüge Alexanders des Großen die geografischen Kenntnisse der mittelmeerischen und vorderasiatischen Reiche. Nicht nur Indien, sondern auch Nord- und Mitteleuropa gerieten in das Blickfeld der altweltlichen Zivilisationen.

Von Thule bis nach China

Das einzige überlieferte geografische Werk der Antike ist die Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus (ca. 140 n.u.Z.), die nach ihrer europäischen Wiederentdeckung um 1327 für rund 200 Jahre die geografische Wahrnehmung prägte. Bereits im 9. Jahrhundert hatten die islamischen Gelehrten die ptolemäischen Listen und Tabellen zur Erstellung von Karten wiederentdeckt. Die Araber erweiterten ihr Weltbild im Rahmen ihrer asiatischen Handelsbeziehungen bis nach Malaysia und Java und beschrieben bereits China und Japan. Und ganz nach Mohammeds Weisung „Sucht nach Erkenntnis, auch wenn ihr dabei bis nach China gehen müsst“ erforschten arabische Gelehrte und Diplomaten auch die nördliche Hemisphäre.

Wikinger, Marco Polo und die Chinesen

Dieser Aspekt dient dem Autor als Überleitung zum Kapitel Die Wikinger in Amerika, in dem er die im Grunde allgemein bekannte Geschichte der wikingischen Westexpeditionen zusammenfasst. Auch die folgenden Reisen des Marco Polo gehen ebenfalls kaum über allgemein Bekanntes hinaus (immer unter der Voraussetzung, dass sich der Leser schon einmal generell mit der Thematik auseinandergesetzt hat), in diesem Kapitel stellen tatsächlich die vorgestellten Karten und ihre Hintergründe das Highlight dar. Vielleicht nicht übermäßig bekannt sind Die erstaunlichen Reisen des Admirals Zhengh He (1405 – 1433) mit denen der Autor vermittelt, dass nicht nur die Europäer Einzigartiges in der Seefahrt geleistet haben. Interessant hierbei, die spezifische chinesische Kartografie und ihre Wechselwirkung mit europäischen Arbeiten. Wer sich für die europäische Seefahrts- und Entdeckungsgeschichte interessiert, gerät nun in allzu vertrautes Fahrwasser.

Die Zeit der europäischen Expansion

Die relativ kurzen Aufsätze über die mehr oder weniger bekannten Seefahrer und Entdecker der frühen Neuzeit können dem interessierten Leser naturgemäß kaum Neues vermitteln. Und auch das publizierte Kartenmaterial und die Illustrationen bergen kaum noch Überraschungen. Zugegeben, ein Buch wie dieses kann nicht alle Entdecker und Seefahrer aufführen, die sich in unterschiedlicher Weise um die Entwicklung der europäischen Weltsicht verdient gemacht haben. Und tatsächlich ist die Auswahl der Persönlichkeiten im großen und ganzen recht gelungen. So finden erfreulicherweise auch Namen wie Juan Ponce de León, Matteo Ricci, William Dampier, La Pérouse oder William Edward Perry ihren Niederschlag. Warum insbesondere unter kartografischen Gesichtspunkten ausgerechnet der Australienvermesser Matthew Flinders nicht berücksichtigt ist, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.

Ordentliche Einführung in die Thematik

Als die Kartografie und die Entdeckungsreisen verbindendes, unterhaltsam geschriebenes Überblickswerk ist Der Goldene Atlas durchaus zu empfehlen. Leser, die sich bereits ein wenig intensiver mit dem Thema beschäftigt haben werden darin jedoch kaum Neues finden.

Edward Brooke-Hitching: Der Goldene Atlas. Die abenteuerlichen Reisen der großen Seefahrer, Entdecker und Forscher. Dtv 2019. Gebunden mit Schutzumschlag, 255 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

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