Javagold

Pracht und Schönheit Indonesiens

Ein wenig irreführend erscheint der Titel des Begleitbandes zur gleichnamigen Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen auf den ersten Blick schon. Denn erstens verfügt Java über keine nennenswerten Goldvorkommen und zweitens stehen Pracht und Schönheit (des präsentierten Goldschmucks) erfreulicherweise nicht unbedingt im Vordergrund der Ausführungen des Buches. Vielmehr geht es um die kulturgeschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen des 7. bis 15. Jahrhunderts, der Zeit, in der in Indonesien und damit auch Java mächtige hinduistische und buddhistische Königreiche ihre Blütezeit hatten.

Untergegangene Kulturen

Als die Europäer, allen voran die Holländer, ihre Handelsnetze in Indonesien etablierten, war die große Zeit der hinduistischen und buddhistischen Reiche auch auf Java, dem Hauptsitz der Holländisch-Ostindischen Handelskompagnie, längst Vergangenheit. Der Islam hatte sich über die arabischen Handelsbeziehungen in ganz Indonesien ausgebreitet und auf Java durch die Vermischung mit hinduistisch-buddhistischen und animistischen Traditionen eine zum Teil eigenständige Kunst- und Kulturform entwickelt. Auch die Schmuckstücke der klassischen (hinduistisch-buddhistischen) Periode zeigen ihre Besonderheiten, die im Katalogteil herausgearbeitet werden.

Naturgeschichte der großen Sundainseln

Die Autoren des Begleitbandes beginnen mit einer naturkundlichen Betrachtung der Insel Java. Und die Naturgeschichte der großen Sundainsel hat es in sich. Immerhin 38 erloschene und aktive Vulkane, darunter einen der gefährlichsten aktiven Vulkane der Erde, reihen sich wie ein Rückgrat auf der gerade einmal 200 Kilometer breiten, dafür aber knapp 1100 Kilometer langen Insel aneinander. Kein Wunder, liegt Java doch auf einem Teil des sogenannten Pazifischen Feuerrings, dessen Sunda- oder Javagraben Ergebnis der Subduktion der Indisch-Australischen unter die Eurasische Kontinentalplatte ist. Klimagesteuerte Meeresspiegelschwankungen führten zu immer wiederkehrenden Anbindungen der Sundainseln an den asiatischen Kontinent. Das führte nicht nur zur Herausbildung endemischer Arten, sondern auch zu einer frühen menschlichen Besiedlung. Bereits vor etwa 1,6 Millionen Jahren gelang es dem frühen Menschen während einer ersten Auswanderung aus Afrika auch Java zu erreichen. Schon ab dem 2. Jt. v. Chr. Lassen sich auf der Insel relativ reich ausgestattete Agrargesellschaften ausmachen und spätestens für das erste vorchristliche Jahrtausend sind überregionale Austauschbeziehungen zwischen der ostasiatischen Dong-Son-Kultur (Bronzeartefakte) und vermutlich den Oberschichten der großen Sundainseln belegt.

Königreiche und Tempelanlagen

Um die Zeitenwende entwickeln sich Handelskontakte mit Indien und China und ab dem 6. Jahrhundert können auf Java (und Sumatra) stabile Fürstentümer und kleinere Königreiche nachgewiesen werden. Kulturelle Zentren entwickelten sich und schließlich auch die eigene Metallverarbeitung aus Bronze, Eisen und Gold.

Im folgenden Aufsatz erfährt der Leser von den religiösen Strömungen, die die Sundainseln über die neuen Seehandelswege erreichten und deren Auswirkungen auf die bereits geschichteten, reichen Agrargesellschaften Indonesiens. Im Rahmen des buddhistischen Einflusses entstanden auf Java im 8. und 9. Jahrhundert hunderte von Tempelanlagen, die wohl Bekannteste die mächtige Anlage von Borobudur. Mindestens ebenso imposant ist die im 8. Jahrhundert entstandene hinduistische Tempelanlage Prambanan. Bevor die Religionen im 12. bis 15. Jahrhundert zu einem einzigartigen System verschmolzen, entwickelte sich auf Java ein recht dynamisches System von miteinander konkurrierenden hinduistischen und buddhistischen Königreichen, deren Prachtentfaltung legendär war. Diese Prachtentfaltung verschwand schließlich mit der Islamisierung und niederländischen Kolonisierung und dem damit verbundenen Ende der klassischen Periode Javas.

Hinduistisch-buddhistische Königreiche und deren institutionelle Prachtentfaltung

Im Zentrum der König heißt der Aufsatz, der sich mit den gesellschaftlichen und Herrschaftsstrukturen der klassischen Periode befasst. Hier wird der Leser nicht nur in die indonesische Denkweise der klassischen Periode eingeführt, sondern erfährt auch die kulturellen Hintergründe der Prachtentfaltung, die sich unter anderem in den Tempelanlagen aber eben auch dem unvergleichlichen Goldschmuck Javas ausdrückt. Mit dessen Motiven, Herstellung und technischen Analyseverfahren befassen sich die letzten drei Aufsätze, bevor der Leser im Katalogteil in die Betrachtung der faszinierenden goldenen Kleinode eintaucht.

Entdeckungsreise in eine fremde Welt

Javagold ist ein empfehlenswertes und gelungenes Buch. Dem Leser wird hier eine Welt vor Augen geführt wird, deren materielle Hinterlassenschaften zwar präsent, deren kulturelle und spirituelle Hintergründe dem europäischen Betrachter jedoch weitgehend fremd sind. Durch die Qualität der Aufsätze gelingt es dabei, dem Leser auf relativ wenigen Seiten, einen erstaunlich umfassenden Überblick über die Kulturgeschichte und die Facetten der klassischen Periode Javas zu vermitteln. Damit bekommt auch der präsentierte Goldschmuck für den Betrachter über die reine Handwerkskunst hinaus eine tiefere Bedeutung.

Alfried Wiezorek, Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Javagold, Pracht und Schönheit Indonesiens. Nünnerich-Asmus 2019. Gebunden, 191 Seiten.

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