Die Seidenstraße

Landschaften und Geschichte

Ihre Geschichte reicht von etwa 200 v. Chr. bis ca. 1400 n. Chr. Und sie erstreckt sich von China bis nach Afrika und Europa: Die Seidenstraße, die es eigentlich gar nicht gibt. Tatsächlich entstand der Begriff Seidenstraße für das weitverzweigte und dynamische Handelsnetz des afrikanisch-eurasischen Raumes erst im ausgehenden 20. Jahrhundert und bezeichnet ein dynamisches System aus Kulturen und Landschaften und deren vielfältige Interaktionen im Verlaufe der Zeit. Das darzustellen, hat sich Susan Whitfield, die Herausgeberin des Buches Die Seidenstraße, zur Aufgabe gemacht.

Die Quadratur des Kreises

Rund anderthalb Jahrtausende Natur-, Kultur-, Religions- und Wirtschaftsgeschichte dreier Kontinente in einem Buch? Nein, das ist nicht möglich und es ist naturgemäß auch nur als Anregung gelungen, sich mit dieser Thematik weiterzubeschäftigen. Denn es geht dabei nicht nur um die schiere Menge der Informationen, sondern auch um eine adäquate Darstellungs- und Vermittlungsform. Und so liegt das Augenmerk des Rezensenten in diesem Fall nicht so sehr auf dem ohnehin kaum zusammenfassbaren Inhalt, sondern auf der Struktur, der Methode. Die sind auch Gegenstand von Einführung und Vorwort, denn die Herangehensweise der Herausgeberin ist zwar klug, aber tatsächlich erklärungsbedürftig, unterscheidet sie sich doch von dem, was der Leser gewohnt ist.

Ein Buch, das aus dem Rahmen fällt

Zunächst einmal verzichtet Susan Whitfield auf eine chronologische Abhandlung und gliedert stattdessen das Phänomen Seidenstraße in Landschaften und ihre jeweils kulturellen Aus- und Wechselwirkungen. Das beginnt mit der Steppe, führt über Berge und Hochland, Wüsten und Oasen bis zu Flüsse und Seen und schließlich Meere und Himmel. Aber Landschaften, Naturräume sind ja nicht (immer) scharf voneinander abgegrenzt, ihre Grenzen stellen auch kulturelle Schnittstellen dar. Und so ist diese Aufteilung keine durchgehende Gliederung, sondern eher ein Perspektivwechsel im Rahmen dessen eine zuvor als (natürliches oder kulturelles) Randgebiet wahrgenommene Region hinsichtlich besonderer Aspekte in den Mittelpunkt der Betrachtung und/oder einer Entwicklung rückt.

Lektüre als Entdeckungsreise

In ihrer immerhin fünfseitigen Einleitung bemüht sich Susan Whitfield das Konzept des Buches zu erklären. Und es lohnt sich wirklich, diese Einleitung aufmerksam zu lesen. Denn ohne diese Einführung fühlt man sich im Kaleidoskop unzähliger allgemeiner und spezieller Informationen möglicherweise ein wenig verloren. Zudem warnt die Herausgeberin zu recht: Viele der beschreibenden Namen … „werden manchen Leser konsternieren“ und „Eine Fülle unvertrauter Namen und Orte kann einen verwirren. Ich bitte alle Leser um Geduld.

Alles in allem klingt das nicht unbedingt wie eine Empfehlung, aber tatsächlich bedeutet dies nur, dass der Leser seine Erwartungen an ein solches Buch neu kalibrieren und durchaus eine gehörige Portion Arbeit und Konzentration in die Lektüre stecken muss. Dann aber erschließt sich nach und nach der Sinn des Buchkonzeptes sowie die Dynamik und der kulturelle Reichtum dessen, was sich hinter dem Begriff „Seidenstraße“ verbirgt.

Weltbilder

Bevor sich die Herausgeberin den „Landschaftskapiteln“ widmet, befasst sie sich mit der „Kartierung der Seidenstraßen“. Dabei geht es nicht unbedingt um präzise Vermessung und Kartographie, sondern um die geographischen Beschreibungen der bekannten und mythischen Welten der Regionen des interkontinentalen Handelsnetzes, die sich seit der Antike unter anderem in phantasievollen Karten, gewissermaßen den jeweiligen Weltbildern, ausdrücken. Mit Bildern befasst sich auch das folgende Kapitel, über die Fotografie Zentralasiens, die im Grunde ein koloniales Weltbild der Kernregion der „Seidenstraßen“ zeichnen. Diese Kernregion stellt jeweils den Mittelpunkt der den jeweiligen Landschaftskapiteln vorgeschalteten Gesamtkarte dar. Hier findet der Betrachter die mit Zahlen gekennzeichneten Orte und Schauplätze, die im Kapitel eine Rolle spielen, ein Versuch, dem Leser eine gewisse Orientierung im Informationsmosaik zu geben.

Ein komplexes Informationsgewebe

Jedem Kapitel ist eine allgemeine Einführung zur jeweiligen Landschaft Afrika-Eurasiens, zu Völkern und Kulturen zur Zeit der Seidenstraße vorangestellt, dem Abschnitte zu Archäologischen Stätten und Artefakten, Rohstoffen, Handelsgütern, Logistik, Religionen oder Handwerk folgen. Dabei werden die Durchlässigkeit, Dynamik und Interaktionen der landschaftsgeprägten Kultursysteme in materieller und spirituellen Hinsicht deutlich. Die Herausgeberin vergleicht das Konzept des Buches mit einem komplexen textilen Gewebe: „…soll dieses Buch mittels Verwebung von Schichten aus zahlreichen bunten Fäden ein Muster zum Vorschein bringen und nach und nach etwas von der komplexen Struktur der Seitenstraße erkennen lassen.“

Eine arbeits- und zeitintensive Lektüre

Mit dieser Aussage trifft Susan Whitfield zweifellos den Kern dieses Buchkonzeptes. Allerdings ist es Aufgabe des Lesers, dieses Muster aus den angebotenen Informationsfäden zu weben. Dieser Prozess ist in gewisser Hinsicht ebenfalls ein Dynamischer, denn da bestimmte Abschnitte, wie beispielsweise zu Logistik oder Religion naturgemäß landschaftsübergreifend sind und die Herausgeberin sinnvollerweise bemüht ist, Wiederholungen zu vermeiden, muss gelegentlich eifrig (mit Unterstützung von Verweisen) hin und hergeblättert werden. Keine Frage, dieses Buch macht Arbeit und für seine Lektüre und Verständnis benötigt man mehr Zeit als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Aber am Ende lohnt sich die Investition, auch wenn sich das Gefühl einschleicht, dass das Medium „gedrucktes Buch“ hier an seine Grenzen gestoßen ist.

Susan Whitfield (Hrsg): Die Seidenstraße. Landschaften und Geschichte. Wbg Theiss 2019. Gebunden mit Schutzumschlag, 479 Seiten mit zahlreichen Illustrationen.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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