Naturgeschichten

Buffons spektakuläre Enzyklopädie der Tiere

Der 1702 geborene Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon war einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler seiner Zeit. Das allein wäre bereits ein Grund, ihm mit einem Buch über „Buffons spektakuläre Enzyklopädie der Tiere“ ein Denkmal zu setzen. Jacques Cuisin vermittelt mit seinem Werk aber nicht nur ein Portrait des französischen „Universalgelehrten“ und Enzyklopädisten. Mit seinen kommentierten Bildern aus Buffons Histoire naturelle générale et particulière, avec la description du Cabinet du Roi und seinen buchstäblich denkwürdigen Einführungskapiteln zeigt der Autor gleichzeitig die Bedeutung von Buffons Werk für unser heutiges Verständnis der Welt auf.

Eine Enzyklopädie der Superlative

Vierundzwanzig der zu Buffons Lebzeiten erschienenen sechsunddreißig Bände der Naturgeschichte sind einer Theorie der Erdgeschichte, der Geschichte des Menschen, den vierfüßigen Tieren, den Vögeln und den Mineralien gewidmet. Nach Buffons Tod im Jahr 1788 übernimmt sein Freund, der Naturforscher und Zoologe Étienne de Lacépède die Fortführung der Reihe und ergänzt diese um Bände über Reptilien, Fische und Wale. Mit dem Versuch der möglichst vollständigen Erfassung der Natur und ihrer Beschreibung steht Buffon in einer frühneuzeitlichen enzyklopädischen Tradition. Zu den wohl bekanntesten Vertretern dieser Tradition gehört Conrad Gessner (1516 – 1565) mit seinen Werken, darunter die Historia animalium.

Wegbereiter für Ökologie und Naturschutz

Während Gessner als Begründer der Zoologie gilt, hinterlässt Buffon mit seiner Arbeit ein noch weitergehendes Vermächtnis. Wie Jacques Cuisin ausführt, sind es zunächst einmal die unzähligen Bilder, mit denen Buffon jede einzelne Tierart im Detail illustrierte und damit – gewissermaßen als Vorwegnahme der Vergleichenden Anatomie – eine Vergleichbarkeit der Geschöpfe miteinander ermöglichte. Buffons Verdienst ist es auch, die Tiere in ein enges Verhältnis zum Menschen zu setzen und somit eine anthropozentrische Sicht auf die Natur zu eröffnen. Cuisin sieht Buffon vor diesem Hintergrund als Wegbereiter der Ökologie. Dass der französische Naturforscher mit seiner modernen Sicht der Anpassungsfähigkeit der Arten wohl auch Wissenschaftler wie Wallace oder Darwin inspirierte, steht außer Frage.

Nasenbär und Wasserschwein – die Buffonsche Nomenklatur

Immerhin, Buffons Lebenslauf und seine Erkenntnisse, in einer Zeit, als die biblische Schöpfungsgeschichte in weiten Kreisen immer noch als Basis der Naturwissenschaft galt, zeigen, dass der Comte nicht nur ein begnadeter Wissenschaftler, Industriekapitän und Machtmensch war, sondern auch ein Querkopf. So stellte er der Nomenklatur des Carl von Linné eine eigene gegenüber, weil er der Auffassung war, dass sich die Vielfalt der Tierwelt mit dem starren binominalen System nicht erfassen lasse. Vielmehr müsse, so die Meinung Buffons, jedes Tier den Namen erhalten, den es an dem Ort trage, an dem es lebe. Der Linnésche Ansatz setzte sich letztendlich durch, trotzdem verdanken wir dem Gedanken Buffons die Popularisierung mehrerer lokaler Namen, die auch heute noch verwendet werden. Als Beispiele seien hier der Ameisenbär, Das Wasserschwein oder der Nasenbär genannt.

Das menschengemachte Artensterben

Mit dem Kapitel „Der Zustand der Natur 300 Jahre nach Buffon“ tritt Jacques Cuisin gewissermaßen in Buffonscher Tradition in die Gegenwart ein und beschreibt eindringlich die Hintergründe dessen, was wir heute mit dem sechsten Artensterben bezeichnen. Sich mit dem menschengemachten Artensterben, der Natur und Biodiversität auseinanderzusetzen und aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen, sieht Cuisin als das eigentliche Vermächtnis Buffons. Und auch die vom Autor rund 130 vorgestellten Haus- und Wildtiere aus Buffons folgen diesem Gedanken. Denn er gibt nicht in erster Linie die Beschreibungen des französischen Naturforschers als Kommentare zu dessen Buchillustrationen wieder, sondern kommentiert diese selbst. Dabei verweist er auf Buffons Kenntnisstand und liefert die aktuellsten Informationen zu Zoologie, Kulturgeschichte und Artenschutz der jeweils vorgestellten Art.

Ein besonderes Buch

Mit Naturgeschichten hat Jacques Cuisin ein Werk abgeliefert, dass sich auf spannende Weise von ähnlichen, eher als Reproduktion konzipierten Werken unterscheidet. Zweifellos hat sich Buffon in vielerlei Hinsicht geirrt und war trotz (r)evolutionärer Gedanken durchaus noch der zeitgenössischen Wissenschaftstradition verhaftet. Dennoch blieben seine Ansätze, wie Cuisin feststellt, seinerzeit unverstanden. Diese modern verstandenen Ansätze auf die heutige Zeit zu übertragen war wohl das Anliegen des Autors. Und das Ergebnis kann sich sehen und lesen lassen.

Jacques Cuisin: Naturgeschichten. Buffons spektakuläre Enzyklopädie der Tiere. Wbg Theiss 2019. Gebunden, 303 Seiten

Lesen Sie auch: Rotbarts wilde Verwandte, zur Kulturgeschichte des anthropogenen Artensterbens

 

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