Forts in den Kolonien

See-Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert

Über die Geschichte des niederländischen Goldenen Zeitalters ist bereits viel geschrieben worden. Wer sich für diese Epoche interessiert, findet problemlos Literatur zur Seefahrt, zur Wirtschaft, zu Seeschlachten und Kriegen oder zu politischen Ereignissen dieser Zeit. Olaf Wagener, Historiker und Burgenforscher, widmet sich in seinem Buch Forts in den Kolonien mit der Betrachtung der niederländischen Kolonialforts einem ganz speziellen Aspekt der globalen holländischen Expansion im 17. und 18. Jahrhundert.

Eine großflächige territoriale Kontrolle ihres globalen Handelsimperiums war Sache der Holländer nicht. Kein Wunder, allein zum Bemannen ihrer Schiffe und als Besatzung für die Stützpunkte in Übersee mussten die Vereinigten Ostindien- und Westindienkompagnien Männer aus ganz Europa, überwiegend aus dem Deutschen Reich rekrutieren, weil das Potenzial der eigenen Bevölkerung hierfür nicht einmal ansatzweise ausreichte. So praktizierten die Holländer überwiegend einen sogenannten Stützpunktkolonialismus und konnten damit insbesondere in Ostindien ein funktionierendes Handelsnetzwerk unter (auch gewaltsamer) Einbindung der regionalen Systeme und Mächte etablieren. Von dieser Zeit zeugen die imposante Festung in Kapstadt oder die historischen Abbildungen der Festungen von Batavia und Nieuw Amsterdam.

Die Besiedlung der „Wildnis“

Nicht alle der unzähligen Befestigungen, die die Niederländer in Ostindien, Amerika, der Karibik und Afrika zum Schutze ihrer Handelsinteressen gegenüber den anderen europäischen und indigenen Mächten errichtet hatten, entsprachen dem Bild, das uns landläufig überliefert ist. Denn der Bau klassischer europäischer Festungswerke gestaltete sich hinsichtlich des verfügbaren Baumaterials und der vorhandenen Infrastruktur in Übersee oft genug als außerordentlich schwierig. So finden sich in der Liste der von Olaf Wagener beschriebenen befestigten Stützpunkte auch solche, die an die von Palisaden umgebenen Blockhäuser erinnern, wie sie der Lederstrumpfleser von den Großen Seen her kennt. Als Beispiel sei hier das Fort Nassau am Hudson erwähnt, eine rechteckige Redoute, dessen Palisaden von einem Wassergraben umgeben gerade einmal 17,5 mal 17,5 Meter maßen. Das darin befindliche Haus, das die zehn bis zwölf Mann Besatzung beherbergte, hatte einen Grundriss von knapp 11 mal 8 Metern.

Über Manhattan in die Karibik, nach Brasilien und Afrika

Nach einer kurzen Einführung in die historischen Hintergründe der West- und Ostindischen Handelskompagnien und die militärischen Aspekte des Fort- und Festungsbaus jener Zeit, beginnt Olaf Wagener mit der Vorstellung ausgewählter nordamerikanischer Stützpunkte. Natürlich bildet Nieuw Amsterdam hier einen gewissen Schwerpunkt, der mit recht ausführlichen Informationen zu Pieter Stuyvesant, den schwedischen Kolonialisierungsversuchen am Delaware und den Landpatronaten, die die niederländische Besiedlung der Gebiete außerhalb Nieuw Amsterdams organisieren sollten, hinterlegt ist. Über die niederländische Kolonialisierung der Karibik mit der wechselvollen Geschichte ihrer unzähligen Befestigungen (allein auf Curacao gab es 46 davon), reist der Leser auf das Südamerikanische Festland und erlebt den gescheiterten Versuch der Holländer mit, über die Etablierung eines Niederländisch Brasilien ein atlantisches Großreich zu schaffen. In diesem Zusammenhang steht schließlich auch die Eroberung der portugiesischen Stützpunkte an der Westafrikanischen Küste, die zur Grundlage des lukrativen Sklavenhandels der Westindischen Kompagnie wurden.

Die Niederländer in Ostindien und Asien

Mit Kapstadt über Mauritius und Ostindien erschließt sich dem Leser ein neues Kapitel niederländischer Kolonisierung mit ganz eigenen Strukturen und Rahmenbedingungen. Immerhin hatten es die Niederländer vor allem in Indien, Indonesien und Asien nicht nur mit ihren europäischen Gegenspielern, sondern auch mit hochentwickelten Kulturen, Handels- und Militärmächten zu tun. Entsprechend aufwändig und komplex gestalteten sich hier nicht nur die Befestigungen selbst, sondern auch die von ihnen gesicherten Städte, die teilweise neu gebaut oder nach den Bedürfnissen der Holländer vollständig umgestaltet wurden. Die von Olaf Wagener vorgestellten Stützpunkte dürften dem Leser zumindest vom Namen her weitgehend bekannt sein, die historischen Hintergründe, die der Autor für den Leser bereitstellt bergen hingegen durchaus spannende Details. Natürlich beginnt das Kapitel mit Batavia, dem Hauptsitz der VOC in Ostindien. Es folgen das Fort Zeelandia auf Taiwan,Galle auf Sri Lanka, Malakka in Malaysia, Colombo und Kochi.

Mit seinen historischen Karten und Illustrationen, den Hintergrundinfos und den jeweiligen allgemeinen Einführungen bietet Olaf Wagener dem Leser einen spannenden, aufschlussreichen und kurzweiligen Einblick in die Geschichte der niederländischen Expansion zur Zeit der Handelskompagnien, den man in dieser Form hinter dem Buchtitel nicht unbedingt vermutet.

Olaf Wagener: Forts in den Kolonien. See- Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert. Nünnerich-Asmus 2019. Hardcover, 128 Seiten

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