Und hatten die Pest an Bord …

Größtes Exponat der Pest-Ausstellung – ein Schiffsanker – erreicht Herne

Presseinfo des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (lwl). Was hat ein Anker mit der Pest zu tun? Am Montag erreichte das LWL-Museum für Archäologie in Herne das größte Exponat der Sonderausstellung „PEST!“. Der massive Anker eines französischen Schiffes aus dem 18. Jahrhundert ist ein Zeugnis des letzten Ausbruchs der Seuche in Westeuropa, denn im Jahr 1720 brachte das Handelsschiff „Grand Saint Antoine“ die Pest nach Marseille.

Das mit 3,60 mal 2,10 Meter größte und ca. 1,2 Tonnen schwere Objekt der Ausstellung ist im Foyer des Museums aufgestellt und empfängt dort die Besucherschaft der Ausstellung. „Das Exponat zeigt die Geschichte der Pandemie auf einzigartige Weise“, so die Museumsleiterin Dr. Doreen Mölders. Der Anker wurde 1978 bei unterwasserarchäologischen Untersuchungen in der Bucht von Marseille entdeckt, wo das Schiff einst versenkt wurde. In den 1980ern wurde er schließlich geborgen und zunächst in Meerwasser aufbewahrt, um seine Zersetzung durch Rost zu verhindern. Erst 2012 wurde der Anker restauriert und im Musée dHistoire in Marseille ausgestellt.

In den 1980ern gelang es einem französischen Archäologenteam den Anker der „Grand Saint Antoine“ zu bergen.
Foto: ARHA Marseille/M. Goury

Handel, Seefahrt und die Pest

Die „Grand Saint Antoine“ war vom östlichen Mittelmeer aus zehn Monate lang unterwegs gewesen, um am Ende ihre wertvolle Lieferung in Marseille abzuliefern. Etwa 280 Tonnen feinster Stoffe und 500 Säcke Pottasche aus dem Nahen Osten, dem Mittleren Osten und Nordafrika hatte sie geladen. Der Handel mit dem Nahen Osten war lukrativ, aber barg auch stets das Risiko die Pest einzuschleppen, da es in diesen Gebieten häufiger zu Ausbrüchen kam.
Nachdem die Pest Marseille insgesamt schon fünfmal heimgesucht hatte, war ein ausgeklügeltes gesundheitspolizeiliches System eingerichtet worden. Es bestand aus drei Phasen, die jedes Schiff durchlaufen musste: der medizinischen Kontrolle am Eingang des Hafens, verschiedenen Stationen zur Quarantäne von Passagieren und Handelsgütern außerhalb der Stadt sowie unterschiedliche Ankerplätze zur Quarantäne der Schiffe mit ihren Besatzungen. Die Mannschaften wurden je nach Herkunftshafen als bedenklich oder unbedenklich eingestuft.

Das Scheitern eines ausgeklügelten Präventionssystems

Eigentlich hatte die „Grand Saint Antoine“ nur als unbedenklich eingestufte Häfen angelaufen, bevor sie nach Marseille kam. Dennoch starben auf der Fahrt einige Besatzungsmitglieder und Passagiere. Doch die Diagnose war zunächst, dass es sich um ein Fieber handeln würde, nicht um die Pest. Darum wurde das Handelsschiff von französischen Beamten zunächst nur 30 Tage in Quarantäne geschickt. Weitere Krankheits- und Todesfälle unter der Besatzung ließen jedoch erahnen, dass die Ursache mehr als nur ein Fieber war. Das Fatale: Die Flöhe, die den Pesterreger in sich tragen, befanden sich in den Stoffen. Die Stoffballen waren vom Schiff an Land gebracht worden, wo sie abseits der Stadt einen Monat in Quarantäne bleiben sollten. Doch es war bereits zu spät: Die Flöhe waren auf die Träger der Ware übergesprungen. Erneut griff der Schwarze Tod in der französischen Hafenstadt um sich.

Katastrophenmanagement

Nach einem Monat wurde die „Grand Saint Antoine“ und ihre Besatzung unweit der Stadt vor die Insel Jarre verlegt. Auch die Waren, die man bereits als Ursprung der Krankheit erkannt hatte, wurden auf die Insel gebracht. Die Maßnahmen nützten jedoch nichts. Die Pest breitete sich rasend schnell in Marseille aus. Auf der Suche nach einem Schuldigen wurde der Kapitän des Schiffes inhaftiert und die Besatzung musste auf der Insel ausharren.

Zwei Jahre lang wütete die Krankheit, erst dann galt sie als besiegt. Auf Befehl des französischen Königs waren das Schiff und seine Waren in der Zwischenzeit verbrannt worden. Nach ausführlichen Befragungen, Untersuchungen und langer Beobachtung durfte die Besatzung bereits im Januar 1721 die Insel Jarre verlassen. Den Kapitän sprach man vom Verbrechen frei und entließ ihn 1723 aus dem Gefängnis.

Die Ausstellung „PEST!“ in Herne

Über Jahrtausende war die Pest ein steter Begleiter der Menschen in Europa. Es gab sie schon in der Steinzeit, und sie existiert bis heute. Der jüngste Ausbruch war 2017 auf Madagaskar. Innerhalb der Ausstellung „PEST!“ beleuchtet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 20. September 2019 bis zum 10. Mai 2020 die dramatische Geschichte des Schwarzen Tods. Anhand von rund 300 archäologischen, historischen und kulturgeschichtlichen Exponaten aus der ganzen Welt präsentiert die Ausstellung die tiefgreifenden Folgen der Seuche auf die Gesellschaft.

Bereits 1978 war es den französischen Archäologen gelungen das Wrack der „Grand Saint Antoine“ ausfindig zu machen und es zu untersuchen.
Foto: ARHA Marseille/M. Goury

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ausstellungen, Pressemitteilungen, Schifffahrtsgeschichte, Unterwasserarchäologie

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