Entdeckungsreisen

Magische Bilder exotischer Welten

Von Hans Sloanes Reise nach Jamaika (1687 – 1689) über Maria Sibylla Merians Schmetterlinge in Surinam (1699 – 1701) bis hin zur Fahrt der Challenger (1872 – 1876) widmet sich das Buch den bedeutenden Forschungsreisen, deren naturwissenschaftliche Ausbeute in Form von Artefakten, gesammelten tierischen und pflanzlichen Exemplaren und vor allem Bildern in gewaltiger Zahl im heutigen Museum of Natural History in London gelandet sind. Somit ist das Buch nicht nur eine Geschichte der Forschungsexpeditionen und ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Protagonisten, sondern auch eine Geschichte der Entstehung der gewaltigen naturwissenschaftlichen Sammlung des Museums, die mit einigen Überraschungen aufzuwarten weiß.

Der Mann, der die Milchschokolade erfand

Es war letztendlich das Testament Hans Sloanes, das zur Gründung des heute weltberühmten British Museum führte. Sloanes Sammlung bildete den Grundstock der 1753 gegründeten Institution. 265 ledergebundene Alben mit gepressten Pflanzen (das Herbarium) 12.500 botanische Schaustücke, 21.500 zoologische Funde und nicht zuletzt eine Bibliothek mit rund 50.000 üppig bebilderten Bänden sowie unzähligen Manuskripten und Zeichnungen, landeten im Montagu House, einem Herrenhaus im ehemaligen Londoner Stadtteil Bloomsbury, dem ersten Standort des Museums.

Als Sloane sein Testament verfasste, konnte er auf ein bewegtes und erfolgreiches Leben zurückblicken. Bereits mit 27 Jahren betrieb der an den damals neuen, aufgeklärten Naturwissenschaften interessierte Arzt eine florierende medizinische Praxis. 1687 begleitete er den zum Gouverneur von Jamaika ernannten Duke von Albemarle als Leibarzt zu dessen neuem Amtssitz und begann dort mit seinen eigenen naturwissenschaftlichen Forschungen und Sammlungen. Zwei Jahre später kehrte er nach London zurück, arbeitet dort wieder als Arzt und „erfand“ ein Rezept für Milchschokolade, das er sich patentieren ließ. Das Patent, seine Artpraxis und die Heirat einer reichen Erbin machten ihn zu einem vermögenden Mann, der im Laufe der Jahre gut 100.000 Pfund in seine Sammlung (und Publikationen) stecken konnte. Nach Isaak Newton wurde er schließlich 1727 zum Präsidenten der Royal Society, die übrigens in Sloanes Geburtsjahr 1660 gegründet worden war.

Kunst im Dienste der Wissenschaft

Die Biographien der Naturforscher und Sammler, die im Buch Entdeckungsreisen, magische Bilder exotischer Welten vorgestellt werden, ähneln sich in bestimmter Hinsicht. Denn zumindest die Zugehörigkeit zur Oberschicht oder zum Bildungsbürgertum und eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit stellte eine wesentliche Voraussetzung auch für die Karriere als Naturforscher dar. Aber Naturforscher waren auch Individualisten und im gewissen Sinne auch Nonkonformisten. Und so treten dem Leser in den vorgestellten Biographien eben vor allem Persönlichkeiten gegenüber, die dem Wissenschaftsbetrieb und der Weltsicht jeweils einen eigenen Stempel aufzudrücken im Stande waren. Das gilt naturgemäß in noch größerem Maße für die Künstler, deren wichtige Rolle bei der Vermittlung und Dokumentation wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Geschichtsschreibung oft genug in den Hintergrund tritt. So bediente sich Sloane für die Illustrationen seiner Bücher und die detaillierte Abzeichnung der gesammelten und gepressten Pflanzen mehrerer Auftragskünstler. Natürlich umfasste Sloanes Sammlung nicht nur die Bilder seinen eigenen Herbariums.

Frauenpower in der Männerwelt

In der Sammlung des geschäftstüchtigen und leidenschaftlichen Naturforschers finden sich ebenfalls wunderschöne Bilder von Schmetterlingen, Puppen, Käfern, Pflanzen und Tieren einer gewissen Maria Sibylla Merian, einer ungewöhnlichen Persönlichkeit in den damaligen Forscherkreisen. Die 1647 geborene Merian war gewissermaßen von Hause aus Malerin und Kupferstecherin. Sie betrieb zudem eigene naturwissenschaftliche Forschungen und veröffentlichte bereits 1680 ein Büchlein über die Metamorphose der europäischen Falter mit 50 Kupferstichen und eigenem Text. Große Anerkennung in der damaligen Wissenschaftswelt brachten ihr schließlich die künstlerischen und wissenschaftlichen Ergebnisse ihrer Forschungsreise (1699-1701) in die niederländische Kolonie Surinam in Südamerika ein und ihre Originalbilder und Bücher wurden zu begehrten Sammlerobjekten. So fanden einige Darstellungen ihren Weg in das Archiv der russischen Akademie der Wissenschaften und ein original ihres Surinam-Buches gehört nicht nur zur Sloane Sammlung, sondern auch zu den königlichen Schätzen auf Schloss Windsor.

Wenn Künstler vergangene Welten am Leben erhalten

Eine Reihe der im Buch vorgestellten Forscher und ihre Künstler sind trotz großartiger Leistungen weitgehend unbekannt geblieben, andere haben sich beinahe zu Archetypen des Naturforschers und Naturmalers entwickelt. Allen voran sicherlich Sir Joseph Banks und die Maler der drei Expeditionen von James Cook. Selbstverständlich sind neben vielen anderen auch deren Biographien und Werke in „Entdeckungsreisen“ enthalten. Beim Studium der zahlreichen magischen Bilder exotischer Welten wird dem Betrachter schnell klar, welche Bedeutung die künstlerische Arbeit für die Naturforschung hat. Gepresste Pflanzen verlieren Struktur und Farbe, tierische Präparate verblassen und können nicht einmal ansatzweise Lebenssituation und Verhalten der jeweiligen Spezies wiedergeben. Die Künstler können das durchaus. Sie heben wesentliche Details hervor, die selbst in freier Natur und mit Fotos im Spiel von Licht und Schatten nicht zu erkennen sind, geben die idealtypischen Farben, Strukturen und Muster wieder und verleihen dem Gegenstand ihrer bildlichen Dokumentation im gewissen und durchaus auch subjektiv geprägten Rahmen Leben.

Entdeckungsreise ins Archiv des British Museum

Das Buch ist letztendlich eine Hommage an die Arbeit der wissenschaftlichen Künstler und besticht nicht nur mit wunderschönen Bildern, sondern über deren Darstellung auch mit Hintergrundinfos. Besonders spannend sind dabei die Gegenüberstellungen der gepressten Pflanzen und der wissenschaftlichen Abzeichnung oder der Vergleich zwischen der Skizze des Künstlers, dem monochromen Probedruck von der gravierten Druckplatte und dem farbigen Endprodukt. Das Buch präsentiert dem Leser also nicht nur die magischen Bilder exotischer Welten sondern vermittelt auch die Entstehungsgeschichte von Sammlungen, die Produktionsabläufe (und Arbeitsbedingungen) bei der Erstellung der Illustrationen und nicht zuletzt einen Eindruck davon welche kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Schätze das British Museum in seinen Archiven beherbergt.

Anthony Rice: Entdeckungsreisen. magische Bilder exotischer Welten. Wbg Edition 2019. Gebunden mit Schutzumschlag, Großformat, 335 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension, Zeitalter der Entdeckungen

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