Heilsam, kleidsam, wundersam

Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen

Einen Eindruck von der Vielfalt der Nutzung von Pflanzen in der Jungsteinzeit vermittelt das jüngst erschienene Sonderheft 15/2019 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Dabei machen sich die Autoren Erkenntnisse der sogenannten Archäobotanik zunutze, die unter anderem in 20 ausgewählten Feuchtbodensiedlungen im Alpenvorland gewonnen und im Rahmen experimenteller Archäologie interpretiert wurden.

Wildpflanzen in der Jungsteinzeit: Ein Supermarkt der Natur

Im Vergleich zu den heutigen Nahrungsangeboten in Supermärkten erscheint die Verfügbarkeit von pflanzlicher Nahrung in der Steinzeit auf den ersten Blick beschränkt. So spielten vor allem die Jahreszeiten, die boden- und landschaftsabhängige Vegetation und die Wirtschaftsweise eine große Rolle für die Versorgungssituation. Bei entsprechender Kenntnis jedoch liefert die Natur den Menschen jedoch eine Fülle an pflanzlichen „Produkten“, deren Zahl, Vielfalt und Nutzungsmöglichkeiten die unserer modernen, auf Monokulturen basierenden Industrienahrung um ein Vielfaches übertrifft. Und diese Kenntnis war vor etwa 6000 bis 4000 Jahren, dem Hauptbetrachtungszeitraum des Buches vorhanden.

Alles außer Plastik

Und so dienten Pflanzen eben nicht nur als Nahrung, sondern auch als Heilmittel, Werkstoff für Hausbau, Textilien, Färben, Seife, Behältnisse, Werkzeug, technische Materialien wie Klebstoff oder Dichtungsmassen und nicht zuletzt auch als Drogen. Das Spektrum war riesig, denn es standen nicht nur domestizierte Kulturpflanzen sondern die ganze Fülle der Wildpflanzen zur Verfügung. Die erlaubten es den Menschen beispielsweise in Form von lagerfähigen Knollenpflanzen auch im Winter ihren Energiebedarf zu decken. Unterirdische Speicherorgane (USO) wie die der Wildrübe, des Glatthafers oder des Scharbockskrauts lieferten Kohlehydrate, andere Pflanzen Fette und Eiweiße. Und nahezu alle Teile der Pflanzen konnten bei entsprechender Kenntnis sinnvoll verwertet werden.

Mensch-Natur: ein komplexes Wechselverhältnis

Die botanischen Rückstände, die die Archäologen in den Siedlungen fanden, zeigen auch, dass es bereits in der Steinzeit einen regen Austausch von Saatgut gegeben haben muss. So war es nicht zwingend, dass steinzeitliche Siedler ihre Kulturpflanzen aus ihren Ursprungsgebieten selbst einführen oder aus Wildpflanzen selbst domestizieren mussten. Die Gründung einer Siedlung, so stellten die Archäobotaniker fest, war ohnehin nicht mit der gleichzeitigen Anlage von Feldern, sondern mit einer intensiven Nutzung der „ortsüblichen“ Wildpflanzen verbunden. Deren Spektrum in Form von Nüssen, Bucheckern, USOs, Früchten und Beeren reichte in der Regel vollkommen aus, um die Zeit bis zur Kultivierung der Umgebung zu überstehen.

Einblick in das Wissen unserer steinzeitlichen Vorfahren

Nach einem umfassenden und informativen Überblick über die archäologischen, archäobotanischen und experimentell-archäologischen Erkenntnisse, stellt das Buch in Kurzportraits mehr als 50 der wahrscheinlich wichtigsten Pflanzen vor, die die Menschen in der Steinzeit zu nutzen verstanden. Die wahrscheinlich wichtigsten deshalb, weil nicht alle pflanzlichen Reste oder Produkte den Lauf der Zeit überstanden haben und sich der Wissenschaft je nach Bodenbeschaffenheit nur die zähesten Teile von besonders widerstandsfähigen Pflanzen oft nur in mikroskopischen Dimensionen offenbaren.

Sabine Krug, Ewald Weber: Heilsam, kleidsam, wundersam. Wbg Theiss 2019. Gebunden 112 Seiten

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 1 Frühzeit, Archäologie, experinemtelle Archäologie, Rezension

Eine Antwort zu “Heilsam, kleidsam, wundersam

  1. Sehr, sehr schön. Dankeschön 🙂

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