Reise nach Timbuktu

René Caillié war der erste Europäer, der die sagenhafte Stadt Timbuktu zu Gesicht bekam und darüber berichten konnte. Als er am 20. April 1828 die legendäre „Königin der Wüste“ erreichte, hatte er bereits eine lange und strapaziöse Reise hinter sich, deren Ausgang ungewiss war. Denn sein englischer Kollege, Alexander Gordon Laing, dem es zwei Jahre zuvor gelungen war, die Wüstenstadt aufzusuchen, wurde auf dem Rückweg ermordet und seine Aufzeichnungen gingen verloren. Caillié schaffte es, mittellos und gesundheitlich am Ende, in die „europäische Zivilisation“ zurückzukehren und den ersten authentischen europäischen Bericht über die sagenumwobene Stadt und seine Reise nach Timbuktu zu veröffentlichen.

Undercover im islamisch geprägten Afrika

Der Franzose René Caillié war ein ungewöhnlicher Reisender. Er stammte aus der Unterschicht und konnte mit seinem kurzen Schulbesuch nur ein geringes Bildungsniveau aufweisen. Was er an geographischen, ethnologischen, logistischen oder historischen Kenntnissen für seine Undercover-Reise benötigte, hatte er sich im Dienste eines französischen Kolonialoffiziers selbst angeeignet. Übrigens auch die Grundlagen islamischer Verhaltensregeln. Denn im Gegensatz zu Laing unternahm er keine militärisch organisierte Expedition, sondern reiste als ägyptischer Muslim, der als ehemaliger Sklave der Christen in seine Heimat zurückkehren wollte. Zweifellos ein gefährliches Unterfangen, denn bei Entdeckung hätte dem europäischen Spion der Tod gedroht. Bis dato war es den nordafrikanischen muslimischen Reichen und arabischen Händlern gelungen, ihre Handelswege und -strukturen und eben das legendäre Timbuktu vor den Europäern abzuschotten.

Der erste Europäer in Timbuktu

Die persönliche Leistung Cailliés ist unbestritten. Denn der Franzose gehörte tatsächlich zu jenen wenigen Reisenden, die fremde Regionen ganz auf sich allein gestellt bewältigt haben. Der Preis von 10.000 Francs, den die französische Geographische Gesellschaft für den Franzosen ausgesetzt hatte, der als Erster Timbuktu erreicht und glaubwürdige Nachrichten über die Stadt in die Heimat bringen würde, war ganz sicher nicht die einzige Motivation für das geradezu selbstmörderische Unterfangen. Denn Caillié hatte schon als Jugendlicher davon geträumt, nach Timbuktu zu reisen und sein Reisebericht zeigt auch eine gehörige Portion Patriotismus auf. Caillié wollte unbedingt Informationen sammeln, die den Franzosen im Wettstreit mit den kolonialen Ambitionen Großbritanniens Vorteile verschaffen würde. Ob ihm das wirklich gelungen ist, mag dahin gestellt bleiben, das Preisgeld und die damit verbundene Medaille hatte er von der Societé de Geopraphie jedenfalls erhalten und Ruhm und Ehre wurden ihm ebenfalls zuteil. Erst 1853 gelang es wieder einem Europäer, dem deutschen Forschungsreisenden Heinrich Barth, Timbuktu zu erreichen und umfassend darüber zu berichten. 1893, also knapp 70 Jahre nach der Reise Cailliés verleibten die Franzosen Timbuktu in ihr Kolonialreich ein.

Unter Schwierigsten Bedingungen

So eigenwillig wie Caillié und seine Reise ist auch sein Bericht, denn die Notizen seiner Beobachtungen musste er in aller Heimlichkeit niederschreiben und gut verstecken, um nicht als Spion entlarvt und getötet zu werden. Oft genug war er nahe dran, konnte sich aber immer wieder mit seiner erdachten Vita aus bedrohlichen Situationen herauswinden. Der Reisebericht, dessen Inhalt er nach seiner Rückkehr nach Frankreich aus seinen recht verwaschenen, schnell dahingekritzelten Notizen und seinen Erinnerungen rekonstruieren musste, vermitteln dem Leser den gewaltigen psychischen Druck und die körperliche Belastung, die diese Art der Reise mit sich brachte. Er zeigt aber auch die recht einfache und vorurteilsbeladene Interpretation von Sitten und Gebräuchen der indigenen Ethnien. Susanne Zanker, die den Bericht aus dem Französischen übersetzt hat, formuliert das in ihren editorischen Notizen treffend: „In der Person Cailliés vereinen sich beste Absichten zum Wohle der „rohen Wilden“ mit der Überheblichkeit des weißen Mannes.“

Das naive Denken des Kolonialismus“

Gerade diese Überheblichkeit lässt den heutigen Leser gelegentlich ein wenig hilflos zurück, zumindest dann, wenn ihm bestimmte Hintergrundkenntnisse fehlen. So beschreibt Caillié den recht komplexen Initiationsritus einer afrikanischen Ethnie in einer derart überheblichen und herabwürdigenden Art, dass dieses Ritual als solches kaum noch zu erkennen ist. Ein Beispiel dafür, dass er die kulturellen Eigenheiten der von ihm auf seiner Reise beobachteten Ethnien, selbst nicht verstanden hat. Aber es ging ihm ohnehin vor allem um das Erkunden von Handelswegen, -strömen und -strukturen, um seinen Landsleuten die besten Voraussetzungen für erfolgreiche Handelsgeschäfte zu eröffnen. Caillié verkörpert, so Susanne Zanker, „das naive Denken des Kolonialismus.“ Für den Leser eröffnen sich bei der Lektüre somit recht authentische Einblicke vor allem in die Mentalität dieser Zeit. Aber auch die konkreten Erlebnisse seiner Reise, beispielsweise mit einer Handelskarawane durch die Sahara hinterlassen spannende Eindrücke. Denn im Gegensatz zu seinen offiziell reisenden europäischen Kollegen wie beispielsweise Heinrich Barth, Stanley oder Livingstone verfügte Caillié über keine großen materiellen Ressourcen und war zudem ohne Auftrag und Unterstützung europäischer Mächte, auf eigene Faust unterwegs.

Allein unter Fremden

Als arabischer Händler hatte er zwar gewisse Privilegien und konnte sich zumindest in den innerafrikanischen Handelsorten immer mal wieder die Unterstützung und Gastfreundschaft anderer arabischer Händler und muslimischer Herren sichern. Jedoch war er meist der Willkür seiner indigenen Führer, vermeintlichen Freunde, Gastgeber und selbst derer Sklaven ausgesetzt.

Caillié war bereits bei Antritt seiner Reise nicht bei voller Gesundheit und auch unterwegs quälte ihn eine geheimnisvolle Krankheit (die er selbst als Skorbut bezeichnete), die ihn immer wieder zu längeren Aufenthalten in Dörfern der Einheimischen zwang. So lernte und notierte er einiges über die Sitten und Gebräuche der Fulbe, Bambara oder Mandingo, die Zubereitung und gewisse Zutaten der Nahrung, die auch den Leser gelegentlich einen kleinen Schauer über den Rücken laufen lassen. Der eigenwillige Reisende starb mit nur 39 Jahren in seiner Heimat an der unbekannten Krankheit.

René Caillié: Reise nach Timbuktu. Der erste Bericht über die sagenumwobene Stadt. Edition Erdmann 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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