Mykene

Die sagenhafte Welt des Agamemnon

Die im Dezember 2018 eröffnete große Sonderausstellung zur Geschichte und Archäologie des mykenischen Griechenlands im Badischen Landesmuseum läuft noch bis zum 02.06.2019. Der umfangreiche Begleitband vermittelt nicht nur einen hervorragenden Eindruck von den Inhalten und Exponaten dieser Ausstellung sondern bietet dem Leser darüber hinaus die Möglichkeit einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit der Epoche, die hierzulande eng mit den Namen Schliemann und Homer verbunden ist.

Die europäische Entdeckung der griechischen Kultur

Rund 400 Jahre währte die erste Hochkultur auf dem Europäischen Festland, die nach dem Ort genannt wurde, an dem Heinrich Schliemann 1876 seine „Goldmaske des Agamemnon“ und zahlreiche andere Goldschätze ausgegraben hatte. Aber Schliemann war nicht der Erste und schon gar nicht der Letzte, der sich intellektuell und mit dem Spaten auf die Spuren der sagenhaften Frühgeschichte Griechenlands begab. Die Ursprünge dieser Spurensuche lagen in den politischen und wissenschaftlichen Umwälzungen der frühen Neuzeit aus der unter anderem die „Society of Dilettanti“ hervorging. Das Ziel dieser Gruppe wissenschaftlich-historisch interessierter englischer Aristokraten waren die antiken Stätten des damals zum Osmanischen Reich gehörenden Griechenland. 1807 wurden erstmals originale Skulpturen des Parthenon-Tempels einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der englische Diplomat Lord Elgin hatte sie der osmanischen Obrigkeit „abgetrotzt“ und an das Britische Museum verkauft. Damit war bei den westlichen Eliten die Vorstellung geboren, dass die griechische Kultur zu Europa gehörte und vom türkischen Joch befreit werden müsse.

Mykene – eine Entdeckungs- und Archäologiegeschichte

Die Verknüpfung von Archäologie und Politik hatte auch zur Folge, dass viele der Persönlichkeiten, die mit der Entdeckung und Erforschung der mykenischen Palastkultur befasst waren, bei uns weitgehend unbekannt sind. So beispielsweise der griechische Archäologe Panagiotis Stamatakis, der als offizieller Aufsichtsführender der Schliemannschen Grabungen dessen Raubgräbermethoden hilflos gegenüberstand. Oder Christos Tsountas der „Vater der griechischen Prähistorie“ und Georgios E. Mylonas, seit 1952 Mitglied des Ausschusses für die Ausgrabung des Gräberrundes B in Mykene. Immerhin mehr als 30 Seiten des großformatigen Kataloges widmen die Autoren der Entdeckungs- und Archäologiegeschichte der Mykenischen Kultur und stellen dabei die wichtigsten Protagonisten und die jeweiligen historischen Hintergründe ihres Wirkens vor. Bevor sie mit dem Kapitel „Eine Kultur entsteht“ in die Kulturgeschichte der Bronzezeit bis zur Etablierung der Mykenischen Kultur eintauchen.

Krieger, Händler und Paläste

Der Abschnitt „Die Zeit der Schachtgräber“ führt den Leser am Beispiel archäologischer Ausgrabungen in die frühmykenische Zeit. Ein Höhepunkt in diesem Kapitel stellten sicherlich die Funde und deren Interpretation aus dem sogenannten Grab des Greifen-Kriegers dar: ein ungestörtes Schachtgrab, das im Mai 2015 in der Nähe des „Palasts des Nestor“ in Pylos gefunden wurde. Palast ist auch das Stichwort des folgenden Abschnitts. Hier tritt der Leser in die eigentliche Epoche der Palastkultur ein, die zunächst regional erschlossen wird. Am Beispiel verschiedener allgemein bekannter und weitgehend unbekannter Herrschersitze wie Mykene selbst, Knossos, Theben oder „Nestors Palast“ entwickeln die Autoren ein umfassendes Bild der sozialen Strukturen, architektonischen Konzepte sowie kulturellen und ökonomischen Grundlagen der mykenischen Epoche. In diesem Zusammenhang erfährt der Leser viel über die Welt der mykenischen Frau, die Schrift der mykenischen Paläste oder die Ikonographie. Und nicht zuletzt arbeiten die Wissenschaftler die gemeinsame kulturelle Identität heraus die den Begriff Mykenische Kultur überhaupt erst rechtfertigt.

Die Lebenswelten der mykenischen Eliten

In den folgenden Kapiteln „Kult und Religion“ und „Leben, Arbeiten, Handeln“ steigen die Autoren tiefer in die Lebenswelt der bronzezeitlichen Hochkultur ein. Da geht es natürlich um Bestattungsriten und Kulte, um Häuser und Siedlungen, Speis und Trank, Handwerkskünste und Handel. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass sich diese Aspekte angesichts der bisherigen Ausgrabungsschwerpunkte vornehmlich auf die Palastkultur, also die Eliten beziehen. Rund 30 Seiten widmen die Autoren der Nachbetrachtung. Die bezieht sich sowohl auf den Zusammenbruch der Mykenischen Kultur und das folgende, beileibe nicht dunkle Zeitalter der Spätbronzezeit als auch auf die Einordnung der homerischen Epen als Erinnerung und Tradierung der großen, heroischen Zeit Mykenes.

Auf dem neuesten Stand der Forschung

Rund 100 Seiten Katalog, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und die obligatorische Zeittafel runden das Buch, das den Leser auf den neuesten Stand der Forschung bringt ab. Ganz nebenbei räumt es auch mit der zähen Vorstellung auf, dass die Mykenische Kultur durch Einwanderung indoeuropäischer Völker aus dem Norden und/oder als Fortsetzung der minoischen Kultur, nach ihrem plötzlichem Zusammenbruch entstanden sei. Tatsächlich, so haben DNA Analysen ergeben, gab es in der Bronzezeit keinen nennenswerten Zu- oder Abwanderungen. „Nicht die Menschen wanderten, sondern die Ideen und Impulse“, die sich wohl über die ausgeprägten Handelsverbindungen des ägäischen Raumes mit den vorderasiatisch/afrikanischen Kulturen gegenseitig beeinflusst haben.

Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Mykene. Die sagenhafte Welt des Agamemnon. Wbg Philipp von Zabern 2018. Gebunden mit Schutzumschlag, 392 Seiten.

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