Schwimmender Barock

Das Schiff als Repräsentationsobjekt

Schiffe wie die La Couronne, die Sovereign of the Seas, die Vasa oder die Soleil Royal aus dem 17. Jahrhundert lassen nicht nur die Herzen der Schiffsmodellbauer höher schlagen. Es ist die auf den ersten Blick verwirrende barocke Prachtentfaltung vor allem des Heckspiegels, die den Betrachter in seinen Bann zieht und durchaus unterschiedliche Gefühle auslöst. Dass es sich bei den überbordenden Schnitzwerken um mehr als nur grenzenlose Prunksucht größenwahnsinniger Monarchen handelt erfährt der Leser in Schwimmender Barock. Das Schiff als Repräsentationsobjekt.

Absolutistische Prachtentfaltung bis in die entlegensten Länder

So komplex wie die Architektur der „Meerschlösser“ – wie der Ulmer Architekt Joseph Furttembach 1629 die Schiffe in seiner Abhandlung Architectura navalis nannte – sind auch die historischen, wissenschaftlichen und politischen Hintergründe, die dem schwimmenden Barock zugrunde liegen. Zur Veranschaulichung des Zwecks der maritimen Prachtbauten zitieren die Herausgeber Maike Priesterjahn und Claudia Schuster in ihrem Essay den französischen Marineminister Jean-Baptiste Colbert, der 1669 die Anforderungen an das Flottenbauprogramm Ludwig XIV. folgendermaßen formulierte: „ Es scheint mir angebracht, die Größe des Königs und seine Macht den entlegensten Ländern nicht nur durch die Anzahl und Stärke seiner Schiffe, sondern ebenfalls durch die Pracht und Schönheit ihrer Ornamente zu vermitteln.“

Diese Anforderung war durchaus kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis des französischen Absolutismus, der sich unter anderem im Rahmen der Auseinandersetzungen zwischen Reform und Katholizismus, zwischen den europäischen Herrschaftsdynastien und nicht zuletzt um die maritime Vorherrschaft im Rahmen der europäischen globalen Expansion herausgebildet hatte. Den Autoren gelingt es hervorragend, die Themenbereiche Kultur, Politik, Seefahrt und Wissenschaft so zusammenzuführen, dass sich am Ende die Kernthese der wechselseitigen Beeinflussung von Schlossarchitektur und Schiffbau im 17. und frühen 18. Jahrhundert herauskristallisiert.

Das architektonische Kapitel der Schiffbaugeschichte

Architekturhistoriker Jan Piper betrachtet in seinem Beitrag Vom Schiff zur schwimmenden Architektur die Geschichte des Schiffbaus aus dem für uns eher ungewohnten architekturgeschichtlichen Aspekt. Dabei zeigt er bei seinem Streifzug von der Antike bis ca. 1800 auf, wie das Schiff seine architektonischen Qualitäten im Laufe des 13. bis 16. Jahrhunderts erst allmählich erwarb. Der Prozess der Verschmelzung von Bug- und Heckkastellen und Rumpf in diesem Zeitraum ist dem Schifffahrtshistoriker durchaus nicht fremd. Piper liefert in seinem reichhaltig und anschaulich illustrierten Aufsatz jedoch spannende Details, die neue Blickwinkel anbieten. So datiert er den Anfang des architektonischen Kapitels der Schiffbaugeschichte mit der Einführung des „Erscheinungsbalkons“ am Heckkastell der spanischen Galeone um etwa 1530. Dieses dem Shiplover als „offene Galerie“ bekannte Heckelement ist so Piper „um diese Zeit längst das zentrale Repräsentationselement der Herrschaftsarchitektur an Land.“ Immer mehr zieht der Autor bei der Betrachtung der opulenten Heckgestaltung den üblicherweise eher schiffbautechnisch oder marinehistorisch orientierten Leser in die Welt der Architektur und Kulturgeschichte hinüber, ein ungemein spannendes Kapitel, das belegt, dass die Schiffe dieser Zeit neben der militärischen ganz wesentlich auch eine politisch-ideologische Funktion hatten.

Herrschaftsikonografie, ein klug durchdachtes Bildprogramm

Mit einem kurzen kunstgeschichtlichen Ausflug Vom Schiff an Land oder von der Muschel zur Rocaille entführt Architekturprofessorin Anke Fissabre den Leser unter anderem in die architektonische Kompositionslehre. Motivische und personelle Verflechtungen bei der dekorativen Gestaltung von Architektur an Land und am Schiff zeigen interessante Ansätze, die über das im Buch gestellte Thema hinaus zum Denken und Nachforschen anregen.

Jan Pipers Die Herrschaftsikonografie der barocken Heckfassade macht das Thema jetzt erst richtig anschaulich. Anhand historischer Konstruktionszeichnungen von Heck und Seitentaschen französischer Kriegsschiffe des 17. und 18. Jahrhunderts analysiert der Autor Aufbau, Struktur und Bedeutung der Heck- und teilweise auch Buggestaltung und gestattet dem Leser dabei einen tiefen Einblick in die barocke Ikonografie. Schnell wird klar, dass hier nichts dem Zufall überlassen ist, alles einem klug durchdachten Bildprogramm folgt. Die Zahl und Aufteilung der Geschosse, die Anordnung der Skulpturen oder die Ausgestaltung der Kassetten, die Inschriften, alles ist fein aufeinander abgestimmt und vermittelt dem kundigen Betrachter ein Bild des repräsentierten Herrschers und seines Staatsverständnisses.

Die Schlaraffenlandkarte und der barocke Humor

Im letzten Beitrag schreibt Kunstgeschichtler Markus Neuwirth unter dem Titel Barock – Ethos Macht und Sinne über die Ursprünge und Hintergründe des Epochenbegriffs. Einen Schwerpunkt bildet dabei die bislang in diesem Zusammenhang kaum beachtete „Schlaraffenlandkarte“, die Accurata Utopiae Tabula. Die fand sich neben Karten und Schaubildern, die belehrend Themen von allgemeinem Interesse aufzeigen, meist am Ende der großen, schweren Atlanten die zwischen 1690 und 1800 zur Vermittlung geographischer Kenntnisse publiziert wurden. Diese Schlaraffenlandkarte zeigt nicht nur einen tiefgründigen Humor, sondern auch die der Zeit der Aufklärung innewohnende intellektuelle Durchdringung gesellschaftlicher Fragen. Gleich dreimal findet sich das Wort Barock auf der erstmals 1690 gedruckten Karte. Links oben als Stadt Barock „im Pfandhausergebiet unterhalb des Creditgebiets, auf dem Weg zum Paß ins Hungerland.“ Rechts unterhalb davon trifft der Betrachter auf das Großreich Superbia (Hochmut) darin liegen das Reich und die Stadt Barocco, übrigens direkt an der Grenze zum Großreich Mammonia. Zum Thema Barock liefert Neuwirth in seinem Beitrag zahlreiche weitere Aspekte, die Faszination dieser ungemein sinnlich geprägten Epoche auch dem kunst- kulturgeschichtlich nicht so versierten Leser nahebringt.

Ein außergewöhnliches Buch

Schwimmender Barock ist in seiner Thematik und inhaltlichen Konzeption ein außergewöhnliches Buch. Es sind nicht nur die teilweise ungewohnten Blickwinkel, Zusammenhänge und Verknüpfungen sondern auch der Verzicht auf die wissenschaftliche Imponiersprache der jeweiligen Fachgebiete, die den Leser auf eine zwar anspruchsvolle aber eben auch unterhaltsame Reise in die komplexe Welt des Barock entführen. Und ganz im Sinne des Barock, bieten die zahlreichen Illustrationen neben den Informationen zudem einen Augenschmaus.

Maike Priesterjahn, Claudia Schuster: Schwimmender Barock. Das Schiff als Repräsentationsobjekt. be.bra Verlag 2018. Klappenbroschur 159 Seiten. Schriftenreihe der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Band 4

Schwimmender Barock ist der Begleitband zur Sonderausstellung „Architectura navalis – Schwimmender Barock“ Im Deutschen Technikmuseum in Berlin vom 11. Oktober 2018 bis 13. Oktober 2019

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ausstellungen, Rezension, Schifffahrtsgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.