Werners Nomenklatur der Farben

angepasst an Zoologie, Botanik, Chemie, Mineralogie, Anatomie und die Kunst

Als der schottische Pflanzenmaler und Zeichenlehrer Patrick Syme 1814 Werner’s Nomenclature of Colours veröffentlichte, war dies ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Standardisierung- und Normierung von Farbbezeichnungen und -mischungen, die sich heute unter anderem in der recht unromantischen Pantone-Tabelle ausdrückt. Werners Nomenklatur der Farben präsentiert sich hingegen, obwohl damals Grundlage wissenschaftlichen Zeichnens, beinahe poetisch.

Ein kulturgeschichtliches Dokument

Auf den ersten Blick erscheint es kaum nachvollziehbar, weshalb damals für die Wissenschaft ausgerechnet die Normierung von Farben eine wichtige Rolle gespielt hat. Und ohne dieses Verständnis dürfte die vom Haupt-Verlag erstmals in Deutsch veröffentlichte historische Farbtabelle von Patrick Syme trotz der kurzen Einführung kaum mehr als ein bibliophiles Druckwerk oder ein interessantes Büchlein für am Thema interessierten Künstler darstellen. Die Bedeutung und die kulturgeschichtliche Dimension des Werkes erschließt sich jedoch, wenn man sich die wissenschaftliche Arbeitsweise und ihr Instrumentarium dieser Zeit ein wenig näher anschaut.

Wissenschaftsbetrieb und Reproduzierbarkeit

Während heute Spektralanalyse, DNA, und diverse digitale Verfahren die Beschreibung und Definition von Untersuchungsgegenständen nicht nur unterstützen sondern oft genug bestimmen, waren die Naturforscher zur Bestimmung von Pflanzen, Tieren, Mineralien etc. in erster Linie auf ihre eigenen Sinne angewiesen. Insbesondere dann, wenn ihnen zur Dokumentation in der „freien Wildbahn“ bestenfalls Stift, Papier, Maßband, das eigene Gedächtnis und vor allem wenig Zeit zur Verfügung standen. Die Anfertigung der uns so vertrauten Abbildungen in den Enzyklopädien und Forschungsberichten des 18. und 19. Jahrhunderts fand in der Regel nicht vor Ort statt, dort wurden zunächst Skizzen und möglichst detaillierte Beschreibungen gefertigt. Die Ausarbeitung fand oft erst nach Rückkehr von der Expedition durch Künstler statt, die das zu zeichnende Objekt im Original möglicherweise nie selbst gesehen hatten. Zudem verblassten die Farben der Pflanzen oder Tiere unter der Einwirkung der Konservierungsmittel schnell, sodass auch die Sammelobjekte keine Vorlage für eine spätere farbgetreue künstlerische Wiedergabe darstellten.

Ein Referenzwerk für Zoologie, Botanik, Mineralogie, Chemie und Pathologische Anatomie

Aber natürlich gehören zur exakten Beschreibung oder auch Bestimmung von Tieren, Pflanzen oder Mineralien auch die ihnen eigenen Farben beziehungsweise Farbtöne und -nuancen. Keine Frage, dass sich Beobachter, Dokumentatoren oder Künstler bei Farbbezeichnungen auf den jeweils exakt gleichen Farbton verständigen müssen. Und da jeder Mensch so seine eigenen Vorstellungen beispielsweise bei den Bezeichnungen Mausgrau, Taubenblau oder Smaragdgrün entwickelt, müssen eben auch die Farbtöne so exakt beschrieben werden, dass sie von jedem Beteiligten möglichst originalgetreu reproduziert werden können. Eine erste wissenschaftliche Nomenklatur der Farben erstellte der Mineraloge Abraham Gottlob Werner (1749-1854) als Referenzwerk für sein Fachgebiet. Der Pflanzenmaler und Zeichenlehrer Patrick Syme erweiterte das System und entwickelte auf der Basis von Werners Nomenklatur ein umfassendes Referenzwerk zur Farbbestimmung und Farbbeschreibung für die wissenschaftlichen Zweige der „Zoologie, Botanik, Mineralogie, Chemie und Pathologische Anatomie.

Farbbeschreibung bis in die kleinsten Nuancen

Auch Darwin benutzte wie viele Wissenschaftler seiner Zeit Werners Nomenklatur der Farben von Syme. So beschrieb er beispielsweise einen Frosch mit Kehle, Brust und Wangen in sattem Kastanienbraun, mit schneeweißen Flecken und schwärzlichen Schenkeln. Schaut man in die Farbtabelle so findet man am Beispiel Kastanienbraun folgende Definitionen und Hinweise:

  • Kastanienbraun; Kastanienbraun ist die Hauptfarbe [der Brauntöne] nach Werner. Es besteht aus dunklem Rötlichbraun [zusammengesetzt aus Kastanienbraun mit etwas Schokoladenrot] und Gelblichbraun [Kastanienbraun gemischt mit einer bedeutenden Menge Zitronengelb]. Der geneigte Leser ahnt es schon, auch für das Schokoladenrot und das Zitronengelb ist die Zusammensetzung definiert.
  • Bei den Tieren findet man nach Syme Kastanienbraun beispielsweise an Brust und Hals des Schottischen Moorschneehuhns, Bei den Pflanzen ist die Kastanie „tonangebend“ und unter den Mineralien ist der Ägyptische Jaspis beispielhaft für diese Farbe.

Immerhin umfasst die von Syme ergänzte Liste Werners 110 Farben, die sich noch durch Farbeigenschaften wie „leuchtend“, „satt“, „hell“, „dunkel“ etc. differenzieren lassen. Missverständnisse über den jeweils anzuwendenden Farbton können bei dieser Art von Beschreibung kaum noch aufkommen. So mochten die Originale aussterben, die Drucke ihre Farben verändern oder die Bälge verstauben und verblassen, die ursprünglich beobachteten Farben ließen sich jederzeit rekonstruieren.

Ein interessantes Dokument der Wissenschaftsgeschichte

Für die prä-digitale und die vor-Pantone-Zeit war Werners Nomenklatur ein hervorragendes wissenschaftliches Hilfsmittel beispielsweise zur Bestimmung und Beschreibung von Tier- und Pflanzenarten. Die vorliegende deutschsprachige Ausgabe der Nomenklatur, die aus einer Kombination der ersten (1814) und der zweiten (1821) englischsprachigen Originalausgabe besteht, ist ein schönes Sammlerstück und ein interessantes Dokument der Wissenschaftsgeschichte.

P. Syme: Werners Nomenklatur der Farben. Haupt Verlag 2018. Gebunden, Leinen, 80 Seiten, durchgehend farbige Tabellen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

Eine Antwort zu “Werners Nomenklatur der Farben

  1. danke für diese interessante Buchbesprechung!

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