Conrad Gessners Thierbuch

die Originalzeichnungen

Konrad Gessners Thierbuch ist weltberühmt und gilt als bestimmend für die frühneuzeitliche Zoologie. Auch den zoologisch interessierten Menschen, die das Buch nicht gelesen haben, sind die in der Historia Animalum (1550 – 1558) publizierten Holzschnitte mit den Darstellungen der Tiere in der einen oder anderen Form präsent. Aber die Holzschnitte sind lediglich eine drucktechnische Übertragung von Originalbildern, die seit 300 Jahren als verschollen galten. Dr. Florike Egmond hat diese in Amsterdam aufgespürt und präsentiert sie nun in dem großformatigen Bildband der wbgEdition dem Publikum.

Eine sensationelle Entdeckung

Knapp 300 Seiten umfasst der Teil mit den Bildern der sogenannten Gessner-Platter-Alben. Allein deren Betrachtung ist nicht nur ein Genuss, sondern birgt so manche Überraschung. Das beginnt mit der teilweise erstaunlich lebensnahen farbigen Darstellung vieler Bilder, deren Schöpfer für ihre Arbeit allerdings nicht immer auf ein lebendiges Modell zurückgreifen konnten. Dass die Bilder zudem von unterschiedlicher künstlerischer Qualität sind, weist auf interessante Hintergründe der Entstehung der Gessnerschen Tierenzyklopädie hin. Zur Illustration seines Werkes hatte er – wie es damals üblich war – Aufträge an verschiedene Künstler vergeben und auch in anderen Sammlungen gestöbert. Bilder- und Präparatesammlungen waren mit der Entdeckung der Welt in Mode gekommen, und unter Sammlern war auch der Austausch von „Kuriositäten“ durchaus üblich. Genau das macht es – wie auch im Falle der Originalvorlagen für die Illustrationen in Gessners Historia Animalum – nicht immer einfach, den Verbleib von einzelnen Stücken oder eben von Sammlungen zu verfolgen.

Identifikation der Originale als „kriminalistische“ Feinarbeit

Rund 300 Jahre war Gessners Sammlung verschollen, bis sie von Dr. Florike Egmont 1990 wiederentdeckt und nach intensiveren Untersuchungen seit dem Jahr 2010 als die Originalvorlagen erkannt wurden. Es folgte eine aufwändige Recherche um die Illustrationen der Gessner-Sammlung, die im Laufe der Zeit zu einem Teil der Sammlung des Schweizer Arztes und Naturforschers Felix Platter geworden war als solche zu identifizieren. Denn Urheberschaft und Herkunft wurden zu jener Zeit nur unzulänglich dokumentiert, Sammlungen auseinandergerissen und neu zusammengestellt, später unter kaum nachvollziehbaren Kategorien archiviert und oft vergessen. Die knapp 30 Seiten der Einführung dokumentieren diese spannende wissenschafts- und kulturhistorische Epoche, die sich dem Leser im Rahmen Dr. Egmonds Forschungen an den Gessner-Platter-Alben offenbart. Die Betrachtung der Reproduktionen gewinnt damit neben der ästhetischen auch eine tiefere, kulturgeschichtliche Dimension.

Ein historisches Dokument der Sonderklasse

Das Buch birgt also neben dem visuellen Genuss eine Menge unerwarteter Information über Aspekte einer der spannendsten Phasen der europäischen Kulturgeschichte, der frühen Neuzeit, in der sich Weltsicht, wissenschaftliche Ansätze, Gesellschaftsstrukturen und Technologien gravierend zu verändern begannen. Natürlich wird der Leser beim Betrachten der Reproduktionen nicht allein gelassen. Im Anhang findet sich nämlich ein sogenannter „Apparat“ zu den Alben „Tiere, die im Wasser leben„ und „Tiere, die an Land leben“ mit allen wichtigen Informationen, die Dr. Egmond zu den jeweiligen Bildern ausfindig gemacht hat, einschließlich der Transkription der handschriftlichen Anmerkungen des Sammlers.

Florike Egmond: Conrad Gessners Thierbuch. Die Originalzeichnungen. WbgEdition 2018. Gebunden, 351 Seiten

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Rezension

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