Jules Verne

die Biographie eines Jahrhunderts

Allein 65 Romane hat Jules Verne verfasst und noch heute erfreuen sich seine Werke wie Reise um die Welt in 80 Tagen, Fünf Wochen im Ballon, 20.000 Meilen unter den Meeren oder Reise zum Mittelpunkt der Erde großer Beliebtheit. Als Begründer der Science Fiction wird der Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert gefeiert, gar als Visionär. Ralf Junkerjürgen stellt in seiner Biographie des schriftstellerischen „Arbeitstieres“ dessen Werk und Person in das rechte historische Licht.

Jules Verne, ein bürgerlicher Konservativer

Es sind vor allem die Werke, die im Kopf des Lesers bei entsprechendem Interesse auch ein Bild des Autors entstehen lassen. Bei Jules Verne, das darf ich nach der Lektüre der Biographie von Ralf Junkerjürgen für mich persönlich feststellen, fallen Vorstellung und Realität über die Persönlichkeit des wissenschaftlichen Abenteuerromanciers weit auseinander. Vielleicht liegt das daran, dass seine einschlägigen Werke gedanklich über die Grenzen der jeweils aktuellen technischen Möglichkeiten hinausgehen, er selbst aber zeitlebens seiner bürgerlich-katholisch-konservativen Herkunft mental verhaftet blieb. Die Protagonisten seiner Romane waren durchaus unkonventionell, während er selbst kaum bereit war, die bürgerlich-moralischen Konventionen seiner Zeit zu überwinden. So präsentiert sich Verne seiner Zeit und gesellschaftlichen Klasse entsprechend als – wenn auch verhältnismäßig moderater – Antisemit und von unerbittlicher Arbeits- und Leitungsmoral beseelt. Und auch, wenn er sich unpolitisch gab, empfand er beispielsweise gegenüber den sozialkritischen Werken des Émile Zola eine beinahe fanatische Abneigung.

Umgänglich, einfühlsam, zielstrebig

Aber das ist natürlich nur der erste Eindruck. Sowohl Vernes Persönlichkeit als auch die Entstehung und Bedeutung seiner Werke sind durchaus vielschichtiger. Da erscheint er auf der einen Seite als Opportunist, der den Menschen zum Munde redet, um „sein Ding“ durchzusetzen. Auf der anderen Seite als fürsorglicher bürgerlicher Vater, der aus Pflichtgefühl oder Liebe – man mag es nicht beurteilen – dann doch über die Grenzen seiner eigenen moralischen Vorstellungen hinausgeht. Ein umgänglicher, einfühlsamer Mensch, so beschreibt Junkerjürgen Vernes soziale Kompetenzen, ein einfacher Mensch war er dennoch nicht. Immerhin hatte er die sichere Existenz als Vaters Nachfolger in der Anwaltskanzlei zugunsten seiner Schriftstellerkarriere in den Wind geschlagen, allerdings ohne den Vater dabei zu düpieren. Ende der 1850er Jahre begann Verne mit dem Schreiben, zunächst von Tragödien, Opernlibrettos und Theaterstücken. 1851 erschienen die ersten Erzählungen in einer literarischen Zeitschrift zu den Themen Seefahrt und Ballonfahrt. Nach einigen beruflichen Zwischenstationen erreichte er seinen eigentlichen literarischen Durchbruch, nachdem er 1862 den Verleger Pierre-Jules Hetzel kennengelernt und von diesem unter Vertrag genommen wurde. Hetzel war es auch, der die eigentlichen thematischen Leidenschaften Vernes, Reisen, Abenteuer und Technik förderte und im Rahmen der Reihe „Außergewöhnliche Reisen“ vermarktete.

Zeitzeuge eines aufregenden Jahrhunderts

Hetzels Gespür für den Markt und Vernes unermüdliche Arbeitswut ließen im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine Bibliothek entstehen, die die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts in Form enzyklopädischer Abenteuerromane widerspiegelt. Junkerjürgen lässt Verne diese atemberaubenden Entwicklungen durch ein Zitat aus seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen selbst zusammenfassen: „Ich habe erlebt, wie die Phosphor-Zündhölzer aufkamen, der Anknöpfkragen, die Manschette, das Briefpapier, die Briefmarken, die kurzen Hosen, der Herrenmantel, der Zylinder, der Halbstiefel, das metrische System, die Dampfschiffe der Loire … die Omnibusse, die Eisenbahn, die Straßenbahn, das Gas, die Elektrizität, der Telegraf, das Telefon, der Phonograf“. Und eben diese technischen und damit verbundenen kulturellen Weichenstellungen hat Verne in seinen wissenschaftlichen Abenteuerromanen, mit großer Kompetenz erzählerisch begleitet. Es sind, wie Junkerjürgen nachvollziehbar darstellt, weniger die Zukunftsvisionen, sondern vielmehr die Darstellung des jeweils gut recherchierten aktuellen technisch-kulturellen Standes, die das Werk Jules Vernes auch heute noch so wertvoll machen.

Neue Aspekte und Perspektiven

Junkerjürgen liefert mit seiner Verne-Biographie eine spannende Bewertung der Person und des Werkes des universellen Abenteuerschriftstellers. Allein die Ausführungen zum Roman „In 80 Tagen um die Welt“ zeigen dem Leser aufregende Perspektiven unter anderem auch zum Thema Zeit. Und es passiert nicht oft, dass die Werbeaussagen des Klappentextes so zutreffend sind, wie bei diesem Buch: „Allein 65 Romane verfasste er [Jules Verne] und schuf so die Enzyklopädie einer ganzen Epoche. Jules Vernes Biographie ist die Biographie eines Jahrhunderts.“

Zugegeben, nach der Lektüre des Buches ist mir Jules Verne im Vergleich zu meinen Vorstellungen persönlich nicht unbedingt sympathischer geworden. Der Respekt vor seiner Leistung und seinem Lebenswerk ist allerdings ordentlich gewachsen.

Ralf Junkerjürgen: Jules Verne. Wbg Theiss 2018. Gebunden mit Schutzumschlag, 261 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, Rezension

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