Endstation Brexit

Die spinnen, die Briten

Es gibt keinen Grund, Geschichte professorenhaft-trocken niederzuschreiben, postuliert der Historiker Ralf Grabuschnig bereits auf dem Cover seines Buches – und er hat recht! Denn die Geschichte der Insel und ihrer politischen Führungskräfte hat durchaus seine Merkwürdigkeiten, die den Leser gelegentlich schon an der mentalen Stabilität des Inselvolkes zweifeln und so manches Ereignis als Comedy erscheinen lässt. Aber Grabuschnigs Buch ist mehr als eine lustige Geschichte über die englische Geschichte. Der Autor unternimmt einen historischen Streifzug durch immerhin rund zweieinhalbtausend Jahre Inselgeschehen, das mit der europäischen Geschichte in vielerlei Hinsicht untrennbar verbunden ist.

Die Briten, ein eigenwilliges und eigenbrötlerisches Völkchen

Immerhin lehrt die Geschichte: Die Briten sind auch nur Europäer. Denn nicht nur die Kelten sind vom Kontinent auf die Insel eingewandert. Die Römer brachten ihre Kultur und Lebensweise auf die Insel, Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten siedelten sich dort an und nicht zuletzt marodierten die Wikinger aus dem europäischen Norden über das Eiland und Westeuropa, bis sie sich vom Plündern und rauben auf das Einträglichere und nachhaltigere Herrschen verlegten. Vielleicht waren es ja die ständigen Kriege und Auseinandersetzungen, die die Inselbewohner zu einem recht eigenwilligen und gerne auch eigenbrötlerischen Völkchen zusammenschweißten. Als sich jedenfalls Wilhelm der Eroberer aus der Normandie der englischen Krone bemächtigte und England in seinen europäischen Herrschaftsbereich eingliederte, da war die politische Trennung zwischen Frankreich und England bereits vorhersehbar.

Eine Kultur der Sonderwege

Grabuschnig führt den Leser durchaus auch mit Humor, vor allem aber mit Sachverstand durch die bewegte Geschichte des Verhältnisses zwischen Europa und der Insel. Teils skurrile Entscheidungen und Handlungsmotive der Herrschenden machen es dem Autor leicht, die Protagonisten der englischen Geschichte auf die Schippe zu nehmen. Genüsslich breitet Grabuschnig das Schicksal und die Machenschaften eines Johann Ohneland oder Heinrich VIII. Vor den Lesern aus. Grotesk erscheinen teilweise die Versuche, Dynastien aufzubauen oder mangels „reinblütiger“ Nachkommenschaft zu konstruieren. Erbstreitigkeiten und Personalmangel ließen sich ganze Stammbäume in Wohlgefallen auflösen und schließlich mussten sogar entfernte Verwandte aus Deutschland die undankbare Aufgabe machtloser und parlamentskontrollierter Royals übernehmen.

Apropos Parlament. Politische Sonderwege und gewisse Realitätsverluste bestimmten immer wieder das Handeln der englischen Staatsmanager. Nicht zufällig führt Grabuschnig bei seinen historischen Betrachtungen immer mal wieder einen kleinen Seitenhieb gegen David Cameron, dem der Autor sein Buch nicht ohne Grund gewidmet hat. Aus der Geschichte lernen, so Grabuschnigs Schlussfolgerung ist die Stärke der Briten wohl kaum.

Gelegentlich über das Ziel hinaus

Ralf Grabuschnig liefert mit seinem Buch den Beweis, dass Geschichte nicht nur unterhaltsam sein, sondern dabei auch noch inhaltlich kompetent vermittelt werden kann. Dass die Geschichte Englands, wie der Autor auf seinem Buchcover werbewirksam betont, „zum Wegschmeißen komisch“ ist widerlegt er mit seinen Ausführungen allerdings selbst. Keine Frage, das Buch ist humorvoll und locker geschrieben, die unzähligen Schlachten, das Leid und Elend, das egoistische Entscheidungen der Herrschenden nach sich gezogen haben, sind alles andere als komisch. Ob die politischen Führungskräfte mehr oder weniger durchweg Idioten und ihre Entscheidungen verrückt waren, darf ebenfalls bezweifelt werden. Solche Titulierungen dürften einer jüngeren Zielgruppe geschuldet sein, für den erheblichen Unterhaltungs- und Informationswert des uneingeschränkt empfehlenswerten Buches sind sie vollkommen überflüssig.

Ralf Grabuschnig: Endstation Brexit. Tectum Verlag 2018. Broschiert 199 Seiten.

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Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

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