Äquatoria

Auf den Spuren von Pierre Savorgnan de Brazza

Hierzulande ist de Brazza, der Entdecker im Auftrag Frankreichs, kaum bekannt. Ebensowenig, wie die jüngere Geschichte Afrikas, die der Autor des Buches Äquatoria, Patrick Deville, im Rahmen seines Reiseberichtes vermittelt. Es ist ein recht eigenwilliger Roman, hat sich der Leser, der mit ziemlicher Sicherheit etwas anderes erwartet, aber erst einmal darauf eingestellt, lässt ihn die Lektüre kaum noch los.

Die europäische Eroberung des Kongo

De Brazza war ein französischer Marineoffizier, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kongoregion erforschte und im Auftrag Frankreichs Handelsstationen errichtete, um die politischen Ansprüche als Kolonialmacht zu festigen. Wenn sich der Buchautor also persönlich auf die Spuren des ungewöhnlichen Kolonialisten begibt, der 1905 in Dakar verstarb, taucht er geradezu zwangsläufig in die Kolonialgeschichte Frankreichs auf dem afrikanischen Kontinent ein. Der Leser begegnet bei der Lektüre nicht nur den Zeitgenossen de Brazzas wie beispielsweise Joseph Conrad oder David Livingstone, der sich trotz angeschlagener Gesundheit partout nicht vom britisch-amerikanischen Journalisten und Forschungsreisenden Henry Morton Stanley „retten“ lassen wollte.

Die afrikanische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Stanley und de Brazza waren im Wettlauf um die Kolonialisierung des Kongo gewissermaßen Konkurrenten und Deville gelingt es, diese Konkurrenz durch das Einflechten eigener Reiseerlebnisse und Kontakte sehr lebendig zu gestalten. So lebendig übrigens, dass sich der Leser immer mal wieder versichern muss, in welcher Zeit er sich gerade befindet und welche der Personen gerade „das Sagen“ hat. Im Laufe der Lektüre verstärkt sich der Eindruck, dass de Brazza mehr oder weniger zum Vehikel von Patrick Devilles Parforceritt durch die afrikanische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart wird. Denn es sind vor allem auch seine afrikanischen Gesprächspartner und Freunde, die Äquatoria durch ihre persönliche Geschichte prägen.

Ein Geflecht aus Geschichte, Politik und Zeitgeschehen

Während Deville also auf der einen Seite die Aktivitäten seiner historischen Protagonisten gewissermaßen als Matrix nutzt, präsentieren sich afrikanische Politiker, ehemalige Söldner, Freiheitskämpfer und andere Gesprächspartner und „Fremdenführer“ als lebendige Quellen von Ereignissen, die wir bestenfalls aus den Nachrichten kennen. Wer erinnert sich noch an Angola und die Kubaner, an die Massaker in Belgisch Kongo, Che Guevara und Algerien, das südafrikanische Büffelbatalion, die FNLA, MPLA, die OAS und die ganzen Wirren des spät- und postkolonialen Afrika. Deville verbindet in seinen kurzen, tagebuchartigen Kapiteln alles miteinander und lässt den Leser verstehen, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kontinents miteinander verwoben sind.

Die Geschichte Afrikas!?

Bei seiner Reise auf den Spuren de Brazzas besucht der Autor Gabun, Sao Tome und Principe, Angola, das Königreich Teke, den Kongo, den Tanganjikasee und Sansibar. Nach diesen Stationen hat er seinen Roman auch gegliedert, inhaltlich sind die jedoch alle miteinander vernetzt und der Leser begreift, wie künstlich, willkürlich die Grenzen der heutigen Staatsgebiete gezogen sind. Deville gelingt es, ohne eine Geschichte Afrikas zu schreiben, dem Leser die Geschichte Afrikas persönlich sehr nahe zu bringen. Äquatoria ist anregend, teilweise aufregend und vor allem geeignet, das Interesse an dem Kontinent zu wecken und die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die der eine oder andere Leser ja über die Nachrichten auch „persönlich“ mitbekommen hat, noch einmal zu reflektieren und dabei die aktuelle Situation zu hinterfragen.

Patrick Deville: Äquatoria. Unionsverlag 2018. Taschenbuch 344 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Kolonialisierung, Rezension

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