Warenwege – Warenflüsse

Handel, Logistik und Transport am römischen Niederrhein

Es ist ein wissenschaftlicher Begleitband, den der Landschaftsverband Rheinland für die gleichnamige Wechselausstellung in seinem Römermuseum des Archäologischen Parks Xanten herausgegeben hat. 35 Beiträge namhafter Wissenschaftler präsentieren den aktuellen archäologischen und historischen Forschungsstand der Region um den römischen Niederrhein. Obwohl der großformatige Band mit 653 Seiten sehr umfangreich und im wahrsten Sinne des Wortes sehr gewichtig geworden ist, konnte das Thema, wie der Herausgeber, Christoph Eger in seinem Vorwort feststellt nicht in all seinen Facetten ausgeleuchtet werden.

Eine Frage der Perspektive

Für den archäologisch und historisch vorbelasteten Leser ist das Buch zweifellos eine Fundgrube und eine spannende Lektüre. Den wundert auch nicht, dass trotz zahlreicher archäologischer Funde und historischer Quellen viele Aussagen zu Handel, Logistik und Transport eher abgeleitet als eindeutig belegt sind. Denn archäologische Funde bedürfen grundsätzlich der Interpretation und deren Ergebnisse hängen nun einmal vom Kenntnisstand und der theoretischen Grundlage der Interpreten ab.

Grundsatzfragen zur Wirtschaftsverfassung

Das beginnt mit der Frage, wie die römische Wirtschaftsverfassung ausgesehen haben könnte. Jahrzehntelang standen sich hier zwei Schulen gegenüber, die der „Primitivisten“ und die der „Modernisten“. Während erstere eine Andersartigkeit der antiken Wirtschaft mit der heutigen hervorheben, sehen letztere eine grundsätzliche Vergleichbarkeit der antiken mit der modernen Wirtschaft als gegeben an. Auch wenn Kai Ruffing, Professor für Alte Geschichte an der Universität Kassel, in seinem Essay die Kontroverse als beendet und die gegenwärtige Forschung als „durch eine Pluralität des Zugangs hinsichtlich der Methoden und der zur Anwendung kommenden theoretischen Grundlagen geprägt“ sieht, wird in den Beiträgen des Bandes doch eher eine modernistische Tendenz erkennbar.

Projektionen

So etwa, wenn Transportwege und-arten mangels archäologisch-historischer Belege nach modernen betriebswirtschaftlichen Kalkulationen der Profitmaximierung rekonstruiert werden oder in bestimmten Bereichen privatwirtschaftliche Unternehmungen neben den Betrieben der Legionen vermutet werden. Um nicht missverstanden zu werden, die Annahmen haben durchaus ihre Berechtigung und eine gewisse Plausibilität. Vieles dessen, was in dem Buch vorgestellt wird, hat auch nach Aussage der jeweiligen Wissenschaftler jedoch eher spekulativen Charakter, beruht auf Annahmen, die erst noch durch weitergehende Forschung belegt werden müssen.

Komplizierte Fragestellungen

Auf der anderen Seite belegt der mächtige Begleitband die Existenz einer gewaltigen Menge archäologischen Materials, das aber ausgerechnet für den Bereich Handel, Logistik und Transport erhebliche Lücken aufweist. Als Beispiel seien hier nur die mit gutem Grund angenommenen römischen Häfen am Rhein genannt, deren Nachweis jedoch mit wenigen Ausnahmen aus ganz verschiedenen Gründen bislang nicht gelungen ist. „Warenwege und Warenflüsse“ stellen letztendlich ein Puzzle aus belastbaren Daten dar, die von den Wissenschaftlern zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Das Spannende dabei ist, dass sich bei genauere Betrachtung herausstellt, wie wenig wir noch immer über die ökonomischen und logistischen Grundlagen des Imperium Romanum, gerade im germanischen Bereich und seiner Grenzen wissen.

Gewaltiges Themenspektrum

Das Buch behandelt eine Menge an Aspekten. Angefangen von ökonomischen Fragen wie Tauschhandel und Geldwirtschaft oder die Rolle von Sklaven und Freigelassenen für die römische Wirtschaft im Rheinland über rheinische Binnenschifffahrt und Häfen, die Herkunft und Produktion der unterschiedlichsten Waren und Güter bis hin zum römisch-germanischen Handel oder Handel und Kult. Und so gibt es trotz der wissenschaftlichen Sperrigkeit einiger Essays für den interessierten Laien sehr viel Neues und überraschendes zu entdecken, als Beispiel sei hier nur der Aufsatz zu Herkunft, Produktion und Handel von Farbstoffen genannt.

Christoph Eger (Hrsg.): Warenwege – Warenflüsse. Handel, Logistik und Transport am römischen Niederrhein. Nünnerich-Asmus 2018. Broschiert, 653 Seiten.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 2 Antike, Archäologie, Ausstellungen, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.