Verborgene Chronik

Mit einer gewaltigen Collage von originalen Tagebucheinträgen aus dem Deutschen Tagebucharchiv dokumentieren die JournalistInnen Lisbeth Exner und Herbert Kapfer den Ersten Weltkrieg. Verborgene Chronik nennen sie ihr zweibändiges Werk, denn es sind bislang unveröffentlichte private Tagebücher, aus der sie eine sehr subjektive Chronik der Ereignisse zwischen 1914 und 1918 zusammengestellt haben. Repräsentativ im statistischen Sinne ist diese Chronik sicherlich nicht. Dennoch vermittelt sie einen authentischen Eindruck davon, wie die Menschen damals die Ereignisse und ihre Erfahrungen praktisch und mental erlebten, beurteilten und verarbeiteten.

Montag, 27. Juli 1914 „Um 9 Uhr vormittags Telegramm erhalten …“ Mit der Einberufung Josef Glasers, Direktor einer Zuckerfabrik und Reserveoffizier, der österreichisch-ungarischen Armee, beginnen die Autoren die verborgene Chronik des ersten Bandes. Der behandelt auf rund 360 Seiten in unkommentierten täglichen Einträgen von insgesamt 37 TagebuchautorInnen das Jahr 1914: Von der Mobilmachung, den diversen Kriegserklärungen, den ersten Kriegshandlungen bis hin zur ersten Ernüchterung, als sich der Deutsche Vormarsch im Westen festfuhr und in einen Stellungskrieg überging und die Kämpfe im Osten immer heftiger wurden. Die rund 700-seitige Chronik der Jahre 1915 bis 1918 wird von 1519 Einträgen von insgesamt 111 VerfasserInnen gespeist. Es sind Front- und Etappensoldaten, Rekruten, Familienmitglieder, Daheimgebliebene, Witwen und Kriegsgefangene, die ihre Gefühle, Erwartungen und Erlebnisse ihrem Tagebuch anvertrauten.

Das Prinzip Hoffnung

„Die Sonne leuchtet über dem leicht gefrorenen Boden …“ Der Eintrag des Feldgeistlichen Siegfried Eggebrecht am 01. Januar 1915 beginnt nicht zufällig mit einer schwermütigen aber hoffnungsvollen Landschaftsbeschreibung. Spätestens Pfingsten, so seine Einschätzung, werde man nach siegreichem Abschluss des Krieges wieder zu Hause bei der Familie sein und wieder seiner Arbeit nachgehen. Es sollte, wie wir heute wissen, ganz anders kommen, aber die Hoffnung, dies wird in beinahe allen Tagebucheinträgen auf in verschiedener Hinsicht bedrückende Weise deutlich, stirbt bekanntlich zuletzt. Die Hoffnung auf ein Überleben des Eisengewitters der Westfront steht dabei neben der Hoffnung auf den Endsieg, der Hoffnung auf die Wiederherstellung der alten, kaiserlichen Ordnung, der Hoffnung auf den Sieg über die „natürlichen Feinde“ des Deutschen Reiches, oder die Hoffnung auf Frieden, unter welchen Vorzeichen auch immer.

Der Leser im Strudel der Gefühle

Die Verborgene Chronik ist eine beklemmende Lektüre. Denn sie macht deutlich, welches Grauen Menschen zu ertragen in der Lage sind, wenn die „Motivation“ stimmt. Sei es dass diese im Streben nach Ehre für Reich und Vaterland zu finden ist, sei es, dass die Propaganda vom notwendigen Schutz von Heimat und Familie vor übermächtigen Feinden ihre mentale Wirkung im Schützengraben entfaltet. Gefühlslagen zwischen Hass, Verblendung, Angst, Opportunismus, Ignoranz und Leid stürmen auf den Leser ein und die einzelnen Menschen nehmen vor dem inneren Auge Gestalt an. Nach und nach wird der Leser auch emotional in die Ereignisse einbezogen, kommt selbst nicht umhin, zu werten, Position zu den einzelnen TagebuchautorInnen zu beziehen. Dass dies natürlich auf der Basis des heutigen Wissensstandes über die damaligen Ereignisse geschieht, ist dabei kein bisschen beruhigend.

Das zerstörerische Leben mit Feindbildern

Denn wie kaum sonst in der historischen Literatur wird deutlich, wie die mentale Ausprägung des deutschen Nationalismus nicht nur zur Kriegsbegeisterung 1914, sondern auch zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg einschließlich Holocaust führen konnte. Betrachtet man die heutige politische Situation in Deutschland, so kann man nach der Lektüre der Verborgenen Chronik den Eindruck gewinnen, dass sich der Geist von damals in der politischen Welt auch heute wieder breit macht und längst die Gehirne einiger Bürger erobert (oder diese nie verlassen) hat. Nicht nur die der Alten, Unverbesserlichen. Vieles, was nicht nur die AfD heute von sich gibt, erinnert an Tagebucheinträge der Verborgenen Chronik, erschreckend, grauenerregend, angesichts der damaligen Folgen geradezu entmutigend. Um nicht missverstanden zu werden, noch leben wir in einer demokratischen, weitgehend aufgeklärten, freiheitlichen und friedliebenden Gesellschaft und auch die Hoffnung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, hat Anspruch darauf, zuletzt zu sterben. Aber Aufklärung auch über die deutsche (und europäische) Geschichte tut angesichts der aktuellen Ereignisse und der Entstehung neuer (alter) Feindbilder not.

Eine Chronik, die emotional und sachlich verarbeitet werden will

Der Anhang der Bücher liefert sowohl die Kurzvitae der einzelnen Tagebuchautoren (soweit bekannt) und eine Zeittafel, in der die Tagebuchautoren den jeweiligen politischen und Kriegsereignissen zugeordnet werden. Nachdem der Leser im ersten Durchgang die Tagebucheinträge auf sich hat wirken lassen, empfiehlt es sich tatsächlich auch diesen Teil der Bücher aufmerksam durchzuarbeiten und die realen Ereignisse den in den Tagebüchern niedergeschriebenen subjektiven Wahrnehmungen und Interpretationen gegenüberzustellen. Die Lektüre der Verborgenen Chronik benötigt Zeit, viel Zeit, und das nicht nur wegen des Seitenumfangs.

Lisbeth Exner/Herbert Kapfer: Verborgene Chronik Bd 1: 1914 Bd; 2: 1915 . 1918. Galiani Berlin 2018. Gebunden mit Schutzumschlag. Bd1 411 Seiten; Bd2 814 Seiten.

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Eingeordnet unter 20. Jahrhundert, Rezension

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