Der Welterkunder

Auf der Suche nach Georg Forster

Als Verfasser der „Reise um die Welt“, seinem 1778 erschienenen Bericht von der Cook’schen Weltumsegelung wurde der geniale deutsche Naturforscher, Philosoph und nicht zuletzt Pionier der Ethnologie, Georg Forster berühmt. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verschwand der leidenschaftliche Aufklärer und Humanist aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland. Denn als Verfechter von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit passte er nicht in eine Gesellschaft, „in der Debatten über die Unterschiede zwischen den Rassen selbst unter Männern der Aufklärung zur Mode wurden.“
Auf der Suche nach Spuren des Begründers der modernen Reiseliteratur hat sich der Journalist Frank Vorpahl selbst auf eine Weltreise begeben und seine Erlebnisse im Buch „Der Welterkunder“ niedergeschrieben.

An der Leipziger Uni in den 80er Jahren begegnete Forster dem Studenten Vorpahl im Fach Pressegeschichte vor allem als Revolutionär und Aufklärer, der die erste deutsche Republik begründet hatte. Dass sich hinter dem Freiheitskämpfer auch ein Mensch mit zahlreichen unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen verbarg, wusste der Autor von „Der Welterkunder“ bereits seit seiner Kindheit. Sein Großvater hatte seinem Enkel von Forsters Reise und seinen Zeichnungen vorgeschwärmt und eine davon, die des Antarktischen Sturmvogels hatte sich wohl für immer in sein Gedächtnis eingebrannt.

Das Ergebnis einer Spurensuche

Nach dem Mauerfall, auf der Journalistenschule in Hamburg tauchte Forster 1990 in einem Gespräch mit „Mr. Tagesschau“ Hajo Zimmer wieder auf. Diesmal unter dem Aspekt des journalistischen Handwerks. „Es lohne sich, Forsters „Reise um die Welt“ zu lesen und seiner Spur zu folgen. Rund 28 Jahre später legt Vorpahl nun nach zahlreichen anderen Publikationen über Georg Forster mit „Der Welterkunder“ nun das Ergebnis dieser Spurensuche vor. Damit präsentiert der Autor nicht nur eine Biographie des genialen Geistes, der im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik nach wie vor im Schatten seines Schülers, Alexander von Humboldt steht. Er liefert nun auch seinerseits einen spannenden Reisebericht und nimmt den Leser mit an die Orte, die der Entdecker vor rund 250 Jahren besucht und dokumentiert hatte.

Auf der Suche nach dem Wasserfall

Bei einem Besuch auf dem Nachbau der Endeavour, dem Schiff mit dem James Cook seine erste Weltumseglung bestritt, vermittelt Vorpahl seinen Lesern einen Eindruck von den Bedingungen, unter denen die damaligen Reisenden ihre wissenschaftlichen Arbeiten leisten mussten. Vorpahl zieht es denn doch vor, seine Reisen und Recherchen mit heutigen Mitteln zu bestreiten. Die Eindrücke, die er von seiner Spurensuche niederschreibt sind dadurch nicht minder atmosphärisch. Besuche in Museumsarchiven mit teilweise erstaunlichen Entdeckungen dokumentieren, dass es über die Arbeit und die Person des historischen Forschungsreisenden noch viel zu entdecken gibt. Beispielhaft dafür steht Vorpahls Suche nach dem Wasserfall, den Georg Forster in einer eher flüchtigen Skizze festgehalten hatte.

Seiner Zeit weit voraus

„Der Welterkunder“ ist durch sein Konzept und die Schreibe zweifellos geeignet, das Interesse an dem vielschichtigen Naturforscher zu wecken. Das bezieht sich nicht nur auf die „Reise um die Welt“, sondern auch auf die Persönlichkeit Georg Forsters. Mit seiner empirisch-wissenschaftlich begründeten Überzeugung der Gleichheit aller Menschen, in einer Zeit, als Rassismus und die Bibel noch weitgehend das Menschenbild prägten, hatte er es damals nicht leicht. Immerhin standen ihm mit dem berühmten Anatom Samuel Thomas Soemmering oder dem großen Immanuel Kant (ein lupenreiner Rassist) absolute Schwergewichte der deutschen Wissenschaft und Aufklärung gegenüber.

Keine Frage, schon allein die Biographie des Forschers und Revolutionärs, aber auch das persönlich geprägte Buch des Forsterfans Vorpahl lassen bei mir die Frage auftauchen, wie Georg Forster wohl die heutige Zeit sehen, wie er die aktuellen politischen und mentalen Strömungen auch in Deutschland wohl bewerten und welche Rolle er heute einnehmen würde.

Frank Vorpahl: Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster. Galiani Berlin 2018. Gebunden mit Schutzumschlag, 542 Seiten.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Aufklärung, Rezension, Zeitalter der Entdeckungen

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