Das verlorene Paradies

Europa 1517 – 1648

Jahreszahlen und „große“ Persönlichkeiten spielen in unserem Geschichtsverständnis noch immer eine wesentlich Rolle, wenn es um historische Ereignisse und Umbrüche geht. Auch der Titel „Das verlorene Paradies. Europa von 1517 – 1648“ scheint auf den ersten Blick diesem Muster zu folgen. Schließlich umfasst Mark Greengrass Darstellung über den grundlegenden gesellschaftlichen, politischen, technologischen, wissenschaftlichen und kulturellen Wandel in Europa den Zeitraum des vermeintlichen Thesenanschlags Martin Luthers bis zum Abschluss des Westfälischen Friedens. Greengrass aber stellt in seinem fast 800 Seiten umfassenden Werk erfreulicherweise etwas anderes als eine ereignis- und persönlichkeitsbezogene Chronologie vor.

Die Entwicklung des Selbstverständnisses Europas

Selbstverständlich spielen die Größen ihrer Zeit auch in „Das verlorene Paradies“ eine zentrale Rolle. Greengrass zeigt aber auf, von welchen gesellschaftlichen und politischen Prozessen und Zwängen sie in ihren Entscheidungen getrieben waren. Dabei wird dem Leser deutlich, dass Glaubensfragen, politische und wirtschaftliche Interessen unzertrennbar miteinander verbunden waren. Natürlich ist das keine neue Erkenntnis. „Das verlorene Paradies“ jedoch zeigt die Grundlagen, Wechselwirkungen und Prozesse, die zur Zersplitterung der Christenheit führten außerordentlich detailliert auf. Und selbstverständlich sind das Jahr 1517 und die Reforminitiative Martin Luthers eben nicht einfach der Anfang von innerkirchlichen und politischen Auseinandersetzungen um die Verfassung der Region, die begann, in Abgrenzung zu anderen Kulturen ein europäisches Selbstverständnis zu entwickeln.

Technologische und gesellschaftliche Entwicklungen als unbeherrschbare Prozesse

Bei allem religiösen Gelehrtenstreit ging es bereits seit der „Wiederentdeckung“ der Texte der klassischen Antike durch die humanistischen Gelehrten immer auch um die Frage der Legitimation von Macht und Herrschaft. So waren Erkenntnisse über die Welt, die Gesellschaft und die Natur nun nicht mehr ausschließlich über die theoretische Auseinandersetzung zu gewinnen. Die humanistischen Gelehrten erkannten die Bedeutung direkter praktischer Erfahrungen und Experimente. Und die widersprachen in weiten Teilen den Vorgaben des institutionalisierten Christentums. Konflikte waren ebenso programmiert, wie notwendige Reformen der römisch-katholischen Kirche. Denn mit den unterschiedlichen politischen Interessen der weltlichen und geistlichen Eliten, der massiven Veränderung der Kommunikationsmöglichkeiten, u.a. durch den Buchdruck aber auch durch Verkehrsinfrastrukturen und militärische Innovationen war ein Prozess in Bewegung geraten, dessen Dynamik von einzelnen Machthabern oder Eliten kaum noch wirkungsvoll zu beeinflussen und erst recht nicht zu steuern war.

Auch die frühe Neuzeit ein Zeitalter der Populisten?

Diesen Prozess, der am Ende zur konfessionellen Zersplitterung auf der einen und langfristig zum Ende der religiösen Dominanz in der Politik geführt hatte, vermittelt Greengrass außerordentlich detailliert unter Berücksichtigung der jeweiligen regionalen gesellschaftlichen Besonderheiten. Klar wird auch, dass die Vision vom Christlichen Abendland am Ende gescheitert, die Fiktion eines einheitlichen Christentums immer nur eine Fiktion gewesen ist.

Das verlorene Paradies ist auch hinsichtlich der heutigen Entwicklungen eine sicherlich lohnende Lektüre, die allerdings viel Zeit und durchaus auch nicht unerhebliche historische Vorkenntnisse erfordert.

Mark Greengrass: Das verlorene Paradies. Europa 1517 – 1648. Theiss 2018. Gebunden mit Schutzumschlag, 781 Seiten.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Aufklärung, Dreißigjähriger Krieg, Rezension, Zeitalter der Entdeckungen

2 Antworten zu “Das verlorene Paradies

  1. Das ist schon ein spannender Prozess, den sich Greengrass da ansieht. Du nennst ja viele der einzelnen Entwicklungen: religiöse Zersplitterung, neue Kommunikationswege, sich verändernde Staaten.

    Das wirklich Spannende daran ist aber, dass das nicht alles neu ist. Es gab schon vor Luther religiöse Zersplitterung in Europa. Jan Hus einerseits, viel bedeutender aber das alte Schisma zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche. Dennoch hatte das offensichtlich viel weniger Auswirkungen und genau dieses Zusammenspiel, dass die grundlegenden Veränderungen der Neuzeit ermöglichte, macht diese Episode der Geschichte auch so interessant! 800 Seiten dazu brauch ich persönlich trotzdem nicht 😉

    • Das mit dem nicht neu hatte ich ja in anderem Zusammenhang schon angedeutet. Und Du hast recht, 800 Seiten bedarf es zur Darstellung des Prozesses nicht zwingend. Das Volumen ergibt sich vor allem aus der doch sehr differenzierten und detaillierten Darstellung auch der regionalen Besonderheiten. Ob die alle zum Verständnis der komplexen Vorgänge tatsächlich wichtig sind, erlaube ich mir, zu bezweifeln. Als Nachschlagewerk hat das Buch genau für diese Details aber durchaus seine Berechtigung.

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