Irrtümer und Fälschungen der Archäologie

„Nach diesem Fund muss die Geschichte neu geschrieben werden!“ Welcher Archäologe wünscht sich nicht, eine Entdeckung solchen Ausmaßes zu machen. Da ist die Versuchung schon einmal groß, aus Funden mehr herauszulesen, als sie tatsächlich hergeben. Wissenschaftliche Eitelkeit ist jedoch nur ein Aspekt, der zu bewussten oder unbewussten Irrtümern, Fehlinterpretationen oder gar zu Betrug führt. Im Begleitband zur Sonderausstellung in Herne und Hildesheim „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ führen die Autoren dem Leser das ganze Spektrum von Irrtümern und Fälschungen und ihre Hintergründe an historischen Beispielen vor Augen.

Den Einstieg in das Thema hätte man mit „Das Motel der Mysterien. Eine Ausgrabung alternativer Fakten“ kaum besser wählen können. Der Autor und Zeichner David Macabay beschreibt und dokumentiert in seiner grandiosen Satire die fiktive Ausgrabung eines US-Amerikanischen Motels des 21. Jahrhunderts im Jahre 4022. Für die Interpretation der Funde verwendet er die Erklärungsmuster des 19. Jahrhunderts. Dabei werden beispielsweise Toilettenbecken zu Wasserheiligtümern, Zahnbürsten zu Ohrschmuck und Plastik zum wertvollsten Material der sogenannten Yankee-Kultur.

Die Wissenschaft und das Einhorn

Am Beispiel des Quedlinburger Einhorns führt der Aufsatz „Ein Horngespinst?!“ den Leser in die Welt der Mythen und Legenden, die nicht nur in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit Fundinterpretationen beeinflusst haben. In die Fehlinterpretationen der Skelettfunde nahe Quedlinburg waren immerhin so gestandene Wissenschaftler wie Otto von Guericke und Gottfried Wilhelm von Leibniz verwickelt. An dem wissenschaftsgeschichtlichen Ausflug in die Welt des Fabelwesens wird deutlich, dass sowohl die Fundinterpretationen als auch die Skelettrekonstruktion dem damaligen Stand der Wissenschaft entsprachen.

Unabsichtliche Fälschungen

Dass es sich bei Fälschungen nicht immer um eine bewusste Irreführung handelt, belegt die Geschichte eines einzigartigen Steingerätes aus Dorsten. Seit 1943 gibt das ca. 30 Zentimeter lange, einem Rillenbeil ähnelnde Artefakt den Archäologen Rätsel auf. In diesem Zusammenhang wird auch der „Sensationsfund“ der Hertener Feuersteine diskutiert, der sich eher zufällig als Folge eines Marketinggags des Fleischwarenunternehmens Herta entpuppte.

Troia, Hieroglyphen und Marmorglanz

In die Kategorie Irrtümer lassen sich auch die Fundinterpretationen Heinrich Schliemanns, die vermeintliche Entschlüsselung der altägyptischen Hieroglyphen durch den frühneuzeitlichen Universalgelehrten Athanasius Kircher oder die Vorstellung einordnen, dass antike Skulpturen in reinem Marmorglanz erstrahlten. Die Fehldeutung eines Eimerbeschlages aus einem vermeintlichen Fürstengrab nahe Xanten als Bügelkrone aus dem 4. Jahrhundert erinnert schon ein wenig an das „Motel der Mysterien“.

Geliebte Fälschungen

Beim Thema Fälschungen fallen einem spontan sicherlich die Hitler-Tagebücher ein. Denen wird natürlich auch ein Aufsatz gewidmet. Weniger bekannt hingegen dürften die Würzburger Lügensteine, die Necho-Skarabäen oder die Pseudo-Moabitica sein. Wie auch bei den Irrtümern sind es nicht nur die Fälschungen selbst, sondern vor allem die wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Hintergründe aber auch die persönlichen Intentionen der beteiligten Fälscher und Wissenschaftler, die den Reiz der jeweiligen Aufsätze ausmachen. Da geht es um Ehrgeiz, Profitgier, Leichtgläubigkeit und Genialität, Aspekte, die sicherlich auch heute und in Zukunft dafür sorgen, dass der Archäologie trotz perfektionierter wissenschaftlich-technischer Untersuchungsmethoden sowohl Irrtümer als auch Fälschungen nicht ausgehen werden.

Vermisst

Ein Aufsatz allerdings fehlt mir in diesem ausgezeichneten Buch. Eine Darstellung der aktuellen Situation des archäologischen Wissenschaftsbetriebs, der im Kampf um Fördergelder und mediale Präsenz immer wieder zu vorschnellen „Sensationsmeldungen“ führt. Diese Sensationsmeldungen stellen oft genug zwar keine Irrtümer und erst recht keine Fälschungen dar, wirklich seriös ist die eine oder andere öffentlichkeitswirksame Fundinterpretation aber auch nicht immer.

Vielleicht helfen Ausstellung und Begleitband dabei, den Blick des Publikums für die Hintergründe archäologischer Interpretationen ein wenig zu schärfen. Denn auch Wissenschaftler sind nur Menschen und in die Zwänge, die Kultur und Vorurteile ihrer jeweiligen Zeit eingebunden.

Josef Mühlenbrock, Tobias Esch (Hrsg.): Irrtümer und Fälschungen der Archäologie. Nünnerich-Asmus, 2018. Gebunden, 351 Seiten.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen, Rezension

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