Begleitband: Der Auerochse – eine Spurensuche

Foto: Museum Lorsch

Bis zum Jahr 1627 begleitete der Auerochse die Menschheitsgeschichte, sei es als Nahrungsquelle der Alt- und Mittelsteinzeit, sei es in seiner domestizierten Form als Nutztier. Als das letzte Exemplar seiner Art 1627 in Polen altersbedingt verstarb, war der Auerochse längst zum Mythos geworden. Diesem Mythos aber auch der Biologie und der Natur- und Kulturgeschichte des mächtigen Rindes gehen die Autoren des Begleitbandes zur gleichnamigen Sonderausstellung „Der Auerochse – eine Spurensuche“ im Museumszentrum Lorsch auf den Grund. Nicht zuletzt aber sollen auch die Hintergründe der europäischen Rückzüchtungsprojekte, allen voran das 2013 in Lorsch initiierte Auerrind-Projekt vermittelt werden. Für den Leiter des Auerrindprojektes, Claus Kropp jedenfalls stellt die Rückzüchtung des Auerochsen in Verbindung mit der extensiven Ganzjahresbeweidung in Naturschutzgebieten und Brachflächen einen wesentlichen Beitrag zur Revitalisierung der ehemaligen Artenvielfalt in Europa dar.

Tierischer Mythos der Vergangenheit

Bei der Lektüre des Buches kann sich der Leser der Faszination des ausgestorbenen Wildrindes kaum entziehen. Kein Wunder, finden sich kunstvolle Abbildungen des Urviehs bereits in den Höhlenmalereien der Jungsteinzeit. Auch Cäsar wusste in seinem Elaborat zum gallischen Krieg den Auerochsen geradezu als Naturgewalt zu beschreiben und mittelalterliche und frühneuzeitliche Kartenwerke und Tierbücher liefern teilweise recht phantasievolle Abbildungen und Beschreibungen. Der gewaltige Siegfried erschlug im Nibelungenlied neben einem Wisent gleich vier Auerochsen, wahrlich eine Großtat für einen germanischen Helden.

Das Urviech wissenschaftlich betrachtet

Dieser germanische Heldenkult war übrigens ein Aspekt des zoologischen Rückzüchtungsprojektes der Brüder Heck in den 20er und 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, dem wir die sogenannten Heckrinder zu verdanken haben. Im Buch wird der ideologische Teil des Projektes lediglich mit „teilweise unter Einfluss der nationalsozialistischen Machthaber“ abgehandelt. Das ist insofern schade, als eben das Projekt der beiden Zoodirektoren die Tradition der europäischen Rückzüchtungsprojekte begründet. Keine Frage, die heutigen Projekte haben mit nationalsozialistischem Gedankengut nichts zu tun, weder das 1996 begonnene Taurus-Projekt im Kreis Soest, noch das 2011 gestartete niederländische Tauros-Programm noch das Lorscher Auerrindprojekt. Letzteres hat neben der Erforschung von Morphologie, Verhalten und Lebensraum des Auerochsen im Laufe der letzten rund 12.000 Jahre auch die Zucht einer neuen Rinderrasse zum Ziel, die in ihrer Erscheinung, genetisch und in ihrem Verhalten dem ausgestorbenen Wildrind möglichst nahe kommen soll.

Fragen offen

Es ist durchaus plausibel, dass eine extensive Ganzjahresbeweidung von Naturschutzgebieten mit Rindern und Pferden einen erheblichen Beitrag zur Biodiversität leisten können. Nach der Lektüre des Buches erscheint mir jedoch der „originalgetreue Nachbau“ des Auerochsen nicht unbedingt zwingend. Und nicht nur die im Klappentext aufgeworfene Frage „Warum sind ausgerechnet heute Rückzüchtungen so populär und zugleich wichtig für den Naturschutz?“ erscheint mir zumindest im Buch nicht abschließend beantwortet.

Ansonsten besticht das Buch mit zahlreichen eindrucksvollen Illustrationen, historischen Abbildungen und Fotos archäologischer Funde. Mancher Aufsatz, wie der doch sehr wissenschaftlich gehaltene über das Quartär, der folgende über die Fundsituationen im Oberrheingraben oder der Exkurs zum Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue wirken mangels Überleitungen doch ein wenig unvermittelt.

Claus Kropp (Hrsg.): Der Auerochse – eine Spurensuche. Kloster Lorsch 2018. Softcover, 139 Seiten.

Lesen Sie auch:

Der Auerochse – eine Spurensuche: Presseinformation zur Ausstellung

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Ausstellungen, Geschichte im Querschnitt, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.