Von Inseln, die keiner je fand

Sie heißen Atlantis, Thule, Kibu oder Fusang, phantastische Inseln, die oft für Jahrhunderte und gelegentlich bis in die jüngste Zeit Welt- und Seekarten zierten oder Gegenstand mythischer Geschichten waren. Sie alle haben eine eigene Biografie, wurden einst in den Gehirnen einzelner Menschen geboren, entwickelten ein geografisch-mythisches Eigenleben und gingen irgendwann den Weg alles Irdischen indem sie schließlich als nicht existent von den Karten verschwanden. Der Journalist und Schriftsteller Malachy Tallack führt den Leser mit seinem Buch „Von Inseln, die keiner je fand“ in die Welt der nicht existierenden insularen Welten. Die Illustrationen von Katie Scott bilden dabei den phantasieanregenden Rahmen.

Mit den Inseln der Seligen, Kibu, Hawaiki beginnt der Reigen der irrealen Orte, die mythologischen Charakter haben. Da begegnen dem Leser die faszinierenden Jenseitsvorstellungen unterschiedlicher Kulturen, von den alten Griechen über die Bewohner Australiens und Papua-Neuguineas, den Maori bis hin zu den „Marsch-Arabern“ im Zweistromland. Es sind, wie Tallack mit der Kapitelüberschrift feststellt „Inseln des Lebens und des Todes“.
„Im Aufbruch“ heißt das Kapitel über jene Inseln, die in Zusammenhang mit Reisen in unbekannte Gefilde stehen. Die fanden bereits lange vor unserer Zeitrechnung statt.und so beginnt diese Inselwelt mit Thule, der geheimnisvollen Insel im hohen Norden, von der der griechische Reisende Pytheas berichtete und damit die Nachwelt bis in unsere Zeit beschäftigte. Es sind jedoch nicht nur die Inselschöpfungen europäischer Entdecker, die der Autor seinen Lesern präsentiert. Die mythische Insel Fusang beispielsweise wurde den Chinesen durch den Bericht des buddhistischen Mönches Hui Shen zur Realität.

Aus der Phantasie geboren

Die Zeit der Entdeckungsreisen dürfte wohl für die größte Zahl nicht existenter Inseln geführt haben. Hy Brasil oder die Auroras seien hier nur als Beispiel genannt. Ihre Entstehung verdanken diese nie gefundenen Eilande recht unterschiedlichen Ereignissen. Da spielen Fehlsichtungen ebenso eine Rolle, wie Geschäftstüchtigkeit oder Ruhmsucht. Ein Extrakapitel widmet Tallack den versunkenen Ländern, allen voran Atlantis. Dessen Genesis begann mit der von Platon zu allegorischen Zwecken erfundenen Insel. Ganz anders die Geburt und der Untergang von Buss, einem Eiland, das seine Existenz der Sichtung eines Kapitäns verdankte, der unter dem Kommando Martin Frobishers Ende des 16. Jahrhunderts an einer Arktis-Expedition teilnahm. Das nie existente Lemuria hingegen musste in sein nasses Grab versinken, weil eine kuriose naturwissenschaftliche Theorie des 19. Jahrhunderts es so wollte.

Inselboom und Säuberungsaktion

Inseln, die ihren Weg durch Fehlsichtungen, Navigationsfehler oder absichtlichen Erfindungen auf die Seekarten der vergangenen Jahrhunderte gefunden haben, behandelt das Kapitel „Trügerische Inseln“. Hier findet der Lesers spannende Geschichten über inselbedingte internationale Grenzstreitigkeiten, Hochstapelei und Geltungssucht. Als die britische Royal Navy 1875 den Phantominseln auf den Seeekarten den Kampf ansagte, begann das große Sterben der Inseln, die keiner je fand. Das Kapitel „Widerrufene Entdeckungen“ schildert anhand weiterer Beispiele wie den „Los Jardines“ oder den „Terra Nova Islands“, wie der systematische Einsatz moderner Vermessungstechnik den Phantasieinseln und damit auch einem Stück Romantik der Garaus gemacht wurde. Dass sich die imaginären Inseln nicht widerstandslos von den Karten tilgen ließen versteht sich dabei von selbst.

„Von Inseln die keiner je fand“ ist ein unterhaltsames Buch, das neben der Beschreibung der Inseln auch eine gehörige Portion Geschichte und Kulturgeschichte vermittelt. Erfreulich, dass neben den bei uns weitgehend bekannten Eilanden wie Thule, Atlantis, oder den Brendan-Inseln auch fiktive Welten anderer Kulturkreise präsentiert werden.

Malachy Tallack/Katie Scott: Von Inseln, die keiner je fand. Theiss 2018. Gebunden mit Schutzumschlag, 143 Seiten

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