Im Schatten der Entdecker

Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender

Unter einem für Europäer ungewohnten Blickwinkel betrachtet der Geisteswissenschaftler Dr. Volker Matthies das Zeitalter der Entdeckungen. Dabei stellt er dem Wagemut der europäischen Reisenden die in deren Reiseberichten meist unterrepräsentierten Leistungen der indigenen Begleiter gegenüber. Im Ergebnis erweisen sich die im eurozentrischen und kolonialistischen Blick als einzigartige Heldentaten begriffenen Aktionen der „weißen“ Abenteurer und Forscher doch als ein wenig profaner.

Wer sich ein wenig näher mit den Berichten von Entdeckern, Eroberern und Forschern befasst, dem ist die Bedeutung indigener Unterstützung der europäischen Leistungen klar. Bei näherer Betrachtung relativiert sich hinsichtlich der vermeintlichen Einzig- und Großartigkeit der europäischen Leistungen aber auch der Begriff „Entdeckung“ selbst. Die von James Cook erforschten Inselwelten der Südsee waren bereits mehr als eintausend Jahre zuvor von den Polynesiern und Protopolynesiern entdeckt und besiedelt worden. Diesen indigenen Bewohnern, ihrer Unterstützung und Gastfreundschaft und natürlich ihren geografischen und nautischen Kenntnissen und Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass der europäische Reisende nicht in den unendlichen Weiten des Pazifik verlorenging.

Was vor den Europäern war

Der indische Ozean einschließlich der Küsten des Subkontinents und der Inseln Indonesiens und Südostasiens war Jahrhunderte bevor die Europäer den Seeweg um Afrika gefunden hatten, längst von arabischen und chinesischen Kaufleuten und Reisenden erschlossen und kartografiert worden. Aber auch die können nicht die Entdeckung dieses Teils der Welt für sich in Anspruch nehmen, denn die indigenen Kulturen hatten lange zuvor ihre Welt logistisch erschlossen, geografisch erfasst und komplexe Zivilisationen ausgeformt. Gleiches gilt für Afrika und den amerikanischen Doppelkontinent. Wo immer die Europäer landeten, überall konnte (und musste letztendlich) auf die geografischen Kenntnisse, die logistischen Strukturen und die der dortigen Lebenswelt angepassten Kulturtechniken zurückgegriffen werden.

Indigene Tourismusindustrie

Und so lesen sich manche Berichte europäischer Forscher und Entdecker bei näherer Betrachtung wie Programme von im jeweiligen Zielland hervorragend vernetzter Reiseveranstalter mit einheimischen Organisatoren, Übersetzern, Fremdenführen, Expeditionsleitern, Transportdienstleistern und sogar wissenschaftlichem Hilfspersonal. Und so waren die Forscher als Mitglied von arabischen, afrikanischen oder asiatischen Handelskarawanen unterwegs, kartografierten im Interesse und mit massiver logistischer Unterstützung einheimischer Herrscher weiße Flecken in deren Einflussbereich oder ließen sich von den Ureinwohnern in leistungsfähigen Rindenkanus die indigenen kanadischen Wasserwegenetze entlangpaddeln.

Zwischen Empathie und Hybris

Ohne die Unterstützung von Indigenen und die Nutzung bzw. zur Verfügung Stellung der vorhandenen Infrastrukturen hätten weder die Eroberer noch die Entdecker noch die Forschungsreisenden ihre „Heldentaten“ vollbringen können. In den Berichten tauchen die einheimischen Helfer vor allem als Persönlichkeiten kaum auf und wenn, dann wird ihre tatsächliche Rolle kaum deutlich. Alexander von Humboldt, Charles Darvin und auch Alfred Russel Wallace machen dabei im Verhältnis zu vielen ihrer Kollegen eine rühmliche Ausnahme. Wie sehr Erfolg oder Misserfolg einer Expedition von der Zusammenarbeit mit den indigenen Machthabern, dem kulturellen Verständnis und der Akzeptanz abhängig ist, zeigt das Schicksal des  Erforschers des ostafrikanischen Jubaflusses, Carl Claus von der Decken. Der fand bei seiner Expedition den Tod und war letztendlich Intrigen und Verrat, aber auch seiner Überheblichkeit zum Opfer gefallen.

Entdeckungsgeschichte kolonial und heroisch

Volker Matthies vermittelt dem Leser im ersten Kapitel „Für eine Entkolonisierung und Entheroisierung der europäischen Entdeckungsgeschichte“ die Hintergründe und Folgen des eurozentrischen und kolonialen Blicks. Einen weiteren Schwerpunkt stellt hier eine Darstellung der nicht-europäischen Entdeckungen dar, um dann die Entwicklung der Heroisierung europäischer Entdeckungsreisen abzuleiten.
Das zweite Kapitel befasst sich mit den Indigenen Begleitern und ihren Leistungen. in dessen Rahmen auch ein Exkurs Alexander von Humboldts Reise durch Südamerika geboten wird. In diesem Kapitel wird deutlich, wie Komplex das Leistungsspektrum der indigenen Begleiter war, welche existenzielle Bedeutung die Zusammenarbeit von „Entdecker“ und indigenem „Personal“ hatte und welche zwischenmenschlichen Beziehungen sich im Rahmen solcher Reisen entwickeln konnten.

Ausgewählte Biografien

Mit den ausgewählten Biografien indigener Begleiter holt der Autor wenigstens ein paar der außergewöhnlichen Persönlichkeiten aus dem Schatten der Entdecker. Da trifft der Leser beispielsweise auf die Aztekin Malinche, der Helferin des Konquistadoren Kortez, den Polynesier Tupia, der mit James Cook durch die pazifische Inselwelt segelte oder die geheimnisvollen Punditen, die im Geheimauftrag des Britischen Empire Zentralasien erforschten. Hier ist nicht nur die notwendige Fleißarbeit zu bewundern, die das Herausfiltern der Informationen aus den europäischen Reiseberichten und Quellen erfordert. Matthies stellt vor dem Hintergrund der Biografien am Ende auch die Frage, ob die Indigenen Begleiter und Unterstützer möglicherweise als Wegbereiter des europäischen Kolonialismus und Imperialismus zu betrachten sind. Matthies Überlegungen hierzu sind erfreulich differenziert und überaus lesenswert.

Volker Matthies: Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender. Ch. Links Verlag 2018. Broschur, 246 Seiten.

Lesen Sie auch:

Buchvorstellung: Volker Matthies (Hrsg.): Tod am Juba.  Die Dampfer-Expedition des Barons von der Decken ins Land der Somali (1865)
Buchvorstellung: Alfred Russel Wallace: Der Malaiische Archipel.

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