Hawai‘i – Königliche Inseln im Pazifik

Große Sonderausstellung im Linden-Museum Stuttgart von Oktober 2017 bis 13. Mai 2018

Hula Noho, Hilo, Hawaii Island, Copyright Island of Hawaii Visitors Bureau (IHVB), Foto Lehua Waipa AhNee

Hawaii, das ist für viele Menschen ein exotisches Traumziel. Hula, Surfen, grandiose Naturpanoramen, Vulkanismus und nicht zu vergessen der legendäre Ironman prägen neben der alles überragenden goldenen Figur Kamehameas I. die landläufige Vorstellung von der abgelegenen Inselgruppe im Pazifik. Historisch sind den Meisten noch der japanische Angriff auf Pearl Harbour und James Cook präsent, der dem Archipel nicht nur den Namen Sandwichinseln verliehen, sondern dort auch den gewaltsamen Tod gefunden hatte. Insgesamt hat Hawaii bis heute eine faszinierende und sicherlich einzigartige kulturelle und politische Geschichte hinter sich, die dem Touristen hinter der folkloristischen Unterhaltungsfassade in der Regel weitgehend verborgen bleibt. Die Landesausstellung „Hawai’i – Königliche Inseln im Pazifik“ wirft einen eindrucksvollen Blick hinter diese Fassade und liefert dem Besucher im mehrfachen Sinne überraschende Einsichten.

Mit den Rückkehrern der dritten Cook-Reise gelangten 1780 ca. 30 hawaiische Federmäntel nach England. Dieser Mantel gehörte zur Sammlung des Zeichners John Webber, der 1779 auch die Überreichung von Federmänteln an James Cook festhielt. © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto Stefan Rebsamen.

(Presseinfo Lindenmuseum) Die Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg rückt erstmals in Deutschland Kunst und Kultur, Geschichte und Gegenwart der hawaiischen Inseln in den Fokus. Eindrucksvolle Kunstwerke und Alltagsgegenstände geben Einblicke in das Leben auf jenen Inseln, deren Gesellschaft sich in nicht einmal 150 Jahren von einem polynesischen Königreich zu einem modernen Staatswesen wandelte. Die Ausstellung spannt den Bogen von den ältesten erhaltenen Objekten aus der Zeit des Entdeckungsreisenden James Cook, der im ausgehenden 18. Jahrhundert auf Hawai‘i landete, bis zur lebendigen heutigen Kunstszene. Sie vermittelt ein facettenreiches Bild und stellt die Gesellschaft, Kultur und Geschichte der Native Hawaiians in den Vordergrund.

Kulturgeschichte zwischen Federmänteln und Surfbrettern

Haizahnwaffe Während es sich bei kleineren mit Haizähnen besetzten Gerätschaften auch um Schneidewerkzeuge handeln kann, spricht die Größe dieses Objekts für seine Verwendung als Kampfwaffe. Sie besaß ursprünglich 24 Haizähne, von denen heute zwei fehlen. Erworben auf der dritten Südseereise des James Cook (1776–1780), Slg. Thomas Pennant © Cambridge University Museum of Archeology and Anthropology

Auf 1000 m² werden rund 250 hochkarätige Objekte von internationalen Leihgebern sowie aus der Sammlung des Linden-Museums in stimmungsvollen Inszenierungen präsentiert. Thematisiert werden dabei die polynesische Ranggesellschaft und die sozialen sowie politischen Umwälzungen durch Wirtschafts- und Machtinteressen der USA. Die Ausstellung fragt nach der Herkunft der Objekte und wirft einen kritischen Blick auf das Bild, das in Europa von Hawai‘i entstand. Wertvolle Federmäntel und -helme der Adligen, Alltagsgegenstände wie Angelhaken und Gefäße, bedruckte Stoffe aus Rindenbast oder Skulpturen zeugen von großem handwerklichem Geschick.

Der Stich zeigt den ranghohen Adligen Kalanimoku (1768–1827) vor einem seiner Häuser. Neben ihm stellt eine Frau Rindenbaststoff her. Das Bild ist zugleich eine der frühesten Darstellungen eines Wellenbretts und ein Hinweis darauf, dass das Wellenreiten ein Sport der hawaiischen Adligen war. Louis Claude de Freycinet: Voyage Autour du Monde fair par ordre du Roi, sur les corvettes de S.M. l’Uranie et la Physicienne, pendant les années 1817, 1818, 1819 et 1820. Atlas Historique. © Privatsammlung; Foto: Sharok Shalchi

Historische Entwicklungen werden mit aktuellen in Beziehung gebracht: die Erfindung des Wellenreitens mit den berühmten Surfwettbewerben, moderne Varianten des erzählenden Hula-Tanzes mit traditionellen Rhythmusinstrumenten, Musik und Kunst als kritische Auseinandersetzung mit sozialer Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung oder als Ausdruck der Unabhängigkeitsbewegung.

Ein umfangreiches Begleitprogramm vertieft die Themen der Ausstellung, ein Aktionsheft führt Kinder spielerisch durch die Schau.

Katalog: Menter, Ulrich / de Castro, Inés / Walda-Mandel, Stephanie (Hrsg.): Hawai‘i – Königliche Inseln im Pazifik, 280 S., geb., 298 farb. Abb., Dresden: Sandstein, 2017.

Zur Ausstellungsseite des Lindenmuseums

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Die folgende kurze Chronik zeigt die Komplexität der (Kultur-Politik-) Geschichte Hawai`‘is, die in der Ausstellung vermittelt wird.

Modell eines Auslegerbootes kaukahi. Wie im übrigen Polynesien waren auch in Hawai’i die Boote mit einem Ausleger ausgestattet, der das Boot im Wasser stabilisierte. So konnte der Rumpf möglichst schmal konstruiert werden, was die Wendigkeit und die Geschwindigkeit der Boote erhöhte. Hawai’i, 19./20. Jahrhundert © Privatsammlung; Foto: Sharok Shalchi

200–600 Um das Jahr 200 erreichen polynesische Seefahrer von den über 5000 Kilometer entfernten Marquesas die noch unbesiedelten Inseln Hawai‘is. Ihnen folgen in den nächsten Jahrhunderten zahlreiche weitere Boote.

1778 Am 18. Januar 1778 erreicht der britische Entdecker James Cook den hawaiischen Archipel. Im Jahr darauf wird Cook, der einen der ranghöchsten hawaiischen Adligen als Geisel nehmen ließ, in einer Auseinandersetzung mit Hawaiiern getötet (14. Februar 1779).

1792 Kamehameha erobert die Inseln Maui, Molokaʻi und Lānaʻi. Mit der Eroberung der Insel Oʻahu endet 1795 die gewaltsame Einigung des hawaiischen Archipels. 1810 ergibt sich auch Kauaʻi; Kamehameha ist nun alleiniger Herrscher über alle Inseln des Archipels.

1819 Nach dem Tod Kamehamehas bricht seine Witwe Ka‘ahumanu mit seinem Sohn und Nachfolger Liholiho bewusst und folgenlos das religiöse Gesetz kapu; die offizielle Religion wird aufgelöst, zahlreiche Tempel werden zerstört.

1840 Mit der ersten schriftlichen Verfassung des Königreichs Hawai‘i wird die bis dahin absolute Monarchie in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt.

1848 Beginn der Mahele, der Aufteilung hawaiischen Landes zwischen König, Adligen und Bevölkerung, und Überführung des Landes in Privatbesitz. 1850 wird auch den in Hawai‘i ansässigen Ausländern Landbesitz gestattet. In der Folge verlieren sehr viele Hawaiier ihre Landrechte.

1852 Die ersten Kontraktarbeiter, Arbeitskräfte für die neu entstanden Zuckerrohrplantagen, erreichen Hawai‘i. Bis 1930 kommen über 200.000 Menschen als Plantagenarbeiter nach Hawai‘i. Sie stammen vor allem aus China, Japan, Korea, Portugal und den Philippinen.

1875 Abschluss von Gegenseitigkeitsverträgen mit den USA. Sie begünstigen die großen amerikanischen Plantagen, die Zucker nun zollfrei in die USA exportieren können. Die USA erhalten hoheitliche Rechte über Puʻuloa oder Pearl Harbour.

1894 Die Provisorische Regierung Hawai‘is verkündet die Gründung der »Republik Hawai‘i« und betreibt die Annexion des Archipels durch die USA.

1959 Nach einem Referendum, das von vielen Hawaiiern angezweifelt wird, wird Hawai‘i als 50. Bundesstaat in die USA aufgenommen.

1970 Gründung der ersten politischen Gruppierungen, die gegen den Verlust hawaiischer Landrechte eintreten.

1978 Das Office of Hawaiian Affairs (OHA), das die Förderung hawaiischer Interessen zum Ziel hat, wird als Institution mit Verfassungsrang eingerichtet. ʻOlelo Hawai‘i, die hawaiische Sprache, wird wieder eine der offiziellen Sprachen des Staates Hawai‘i.

1986 Mit John Waiheʻe übernimmt erstmals ein indigener Hawaiier das Amt des Gouverneurs des Bundesstaates Hawai‘i.

1993 Gedenkfeiern an den Sturz der hawaiischen Monarchie im Jahre 1893. Im November entschuldigt sich US-Präsident Clinton in einer „Apology to Native Hawaiians“ im Namen der USA für die Beteiligung am illegalen Umsturz von 1893.

2000 Die Einwohnerzahl Hawai‘is beträgt über 1,2 Millionen. 16,3 % der Einwohner sind hawaiischer Abstammung; fast 50 % der Gesamtbevölkerung sind Nachfahren asiatischer Zuwanderer. Im Jahr 2000 besuchten fast 7 Millionen Touristen die hawaiischen Inseln.

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