Die böhmische Rebellion bricht los: Der Prager Fenstersturz

Er gilt als der „offizielle“ Beginn des Dreißigjährigen Krieges: Der 23. Mai 1618, der Tag an dem böhmische Adlige zwei Vertreter der kaiserlichen Regierung und einen Sekretär aus einem Fenster des Prager Schlosses, des Hradschins, stürzten. Die drei Herren überlebten zwar den Sturz, aber die Rebellion gegen die Habsburger nahm ihren Lauf.

Alles drehte sich um die Freiheit der Stände, sprich des Adels, und um die Religion. Schon Kaiser Rudolf II. musste in einem Majestätsbrief 1609 den böhmischen Adeligen ihre Rechte, die sie so außerordentlich liebten, garantieren. Auch seinem Bruder Matthias, Nachfolger im Amt des böhmischen Königs und des deutschen Kaisers, wurde dieses Versprechen abgenötigt.

1617: Ferdinand wird König von Böhmen

Als dann im Juni 1617 der Habsburger Erzherzog Ferdinand von Steiermark als Nachfolger des inzwischen hinfälligen und kinderlosen Matthias zum König von Böhmen erhoben werden sollte, regte sich Opposition. Angeführt von Graf Heinrich von Thurn beharrte eine kleine Gruppe darauf, der König von Böhmen werde von den Ständen gewählt und nicht nur einfach angenommen. Als die Böhmen dann am Ende Ferdinand doch als König akzeptierten, hätten ihnen die Folgen klar sein müssen. Ferdinand hatte sein Stammland innerhalb kürzester Zeit vollständig rekatholisiert. Er ging dabei wahrlich alles andere als zimperlich vor, auch nicht gegenüber dem in seiner Mehrheit protestantischen Adel.

Die Böhmen vertrauten Ferdinands Zusagen

So gingen die Böhmen sehenden Auges in ihr Unglück. Sie vertrauten den Zusagen Ferdinands, dass er die Rechte und Freiheiten, wie im Majestätsbrief festgelegt, achten werde. Zudem versprach er, sich zu Lebzeiten des jetzigen Kaisers nicht in die Regierung Böhmens einzumischen. Es kam wie es kommen musste. Ein Streit um protestantische Kirchenneubauten in Braunau und Klostergrab – die Katholiken wollten diese Gotteshäuser  nicht dulden – eskalierte im Winter 1617/18. Die Kirche in Klostergrab wurde im Auftrag des Prager Erzbischofs abgerissen. Die betroffenen Protestanten wehrten sich und wurden von den kaiserlichen Statthaltern eingesperrt.

Der Zorn der Protestanten war gewaltig

Der Zorn im protestantischen Lager war groß. Und der Wortführer des wütenden böhmischen Adels war Heinrich von Thurn, der König Ferdinand und die kaiserlichen Statthalter hinter der härteren Gangart der Katholiken vermutete. Er überredete die sogenannten Defensoren – die Verteidiger der verbrieften Adelsrechte – eine Versammlung abzuhalten, auf der der bittere Rechtsbruch zur Sprache kommen sollte. Am 5. März 1618 traten die Herren zusammen und verfassten eine drastische Beschwerde an Kaiser Matthias. Dieser, genauer sein erster Minister, Kardinal Melchior Klesl, ließ die Böhmen wissen, dass es so nicht gehe. Alles in Klostergrab – sprich der Abriss der protestantischen Kirche – sei rechtens verlaufen und solche Versammlungen seien in Zukunft nicht statthaft.

Aus Wien kam keine friedensstiftende Botschaft

Keine friedensstiftende Botschaft in hasserfüllten Zeiten. Die böhmischen Adligen dachten nicht an ein Nachgeben. Für den 21. Mai wurde eine weitere Versammlung einberufen. Die Erregung war so stark, dass es Thurn ein leichtes war, die Herren zu einer „spontanen“ Machtdemonstration gegen die kaiserlichen Statthalter zu überreden. So stürmten am Morgen des 23. Mai 1618 rund einhundert protestantische Adlige in das Prager Schloss. Über seine tatsächlichen Pläne hatte Thurn nur ein paar Gleichgesinnte – die Herren Fels, Budowetz, Lobkowitz und Ruppa –  informiert. Und diese Pläne gingen klar in Richtung Umsturz.

Die Vertreter der kaiserlichen Macht wurden aus dem Fenster geworfen

In der Ratskammer des Hradschin trafen die aufgebrachten Protestanten die Vertreter der kaiserlichen Macht, Wilhelm Slawata und Jaroslav Martinitz, sowie den unglücklichen Sekretär Philipp Fabritius an. Es kam zu einem heftigen Wortgefecht, gefolgt von einem Handgemenge, Martinitz wurde beim Wams gepackt und durchs offene Fenster geworfen. Slawata, von Thurn ergriffen, klammerte sich an die Fensterbank, Hiebe auf die Hände zwangen ihn loszulassen. Den unschuldigen Sekretär warfen die Wütenden einfach hinter den Statthaltern her in den Burggraben. Alle drei überlebten den siebzehn Meter Sturz. Ob es nun ein Misthaufen oder Morast war, oder wie heute angenommen wird, die gleich einem Fallschirm wirkenden weiten Mäntel, sei dahingestellt. Die katholische Propaganda machte daraus dann die wunderbare Errettung durch die Gottesmutter.

Der Fenstersturz, der nicht zufällig eine alte Tradition der Böhmen wieder aufgriff (bereits 1419 stand ein Fenstersturz am Beginn der Hussitenkriege), war damit eigentlich fehlgeschlagen. Doch die Rebellion und all die schlimmen Folgen, nahmen ihren Lauf. Wie die Defenestration ist auch der Aufstand der Böhmen gegen Habsburg gründlich misslungen. Viele der protestantischen Edlen bezahlten dies später mit ihrem Leben.

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Dreißigjähriger Krieg

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