Mörder, Diebe und Betrüger

Kriminalität in Frankfurt im 18. Jahrhundert

Prügeleien, Mord und Totschlag, Raubüberfälle, Urkundenfälschung und Hochstapelei, Prostitution und vieles mehr füllen die Kriminalakten Frankfurts aus dem 18. Jahrhundert. Auf den ersten Blick kein wesentlicher Unterschied zur heutigen Zeit. Und doch haben viele Delikte andere Hintergründe als heute und vor allem die Strafverfolgung hatte, diplomatisch formuliert, im Vergleich zu heute gewisse Besonderheiten. Konrad Schneider, bis 2015 wissenschaftlicher Archivar am Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main hat sich unter anderem intensiv mit dem Bestand Criminalia des Instituts auseinandergesetzt und aus diesen Erfahrungen das Buch über die Kriminalität in Frankfurt im 18. Jahrhundert verfasst.

In den ersten Kapiteln führt Schneider den Leser in die komplizierten Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen Frankfurts ein, das neben der Stadt selbst und dem südlich des Mains gelegenen Sachsenhausen auch aus städtischen Dörfern bestand. Unterschiedliche Rechtsformen und Herrschaften prägten die Strafverfolgung, die allerdings durch eine, wie Schneider feststellt, „enge Zusammenarbeit bei der Verfolgung flüchtiger Verbrecher“ gekennzeichnet ist. Entsprechend vielschichtig daher auch die Quellenlage. Immerhin besteht allein die Hauptserie der Kriminalakten aus „schematisch gut geführten Einzelfallakten und umfasst 12.818 Nummern mit 128 Regalmetern. Und da der Fundus der Kriminalakten des Instituts vom frühen 16. Jahrhundert bis 1856 reicht, liefert der Autor zunächst einmal einen Überblick über die Entwicklung der Strafverfolgungsbehörden, Gerichte, der verhängten Strafen und deren Vollzug in eben diesem Zeitraum.

Massenschlägereien, Daumenschrauben und Zuchthäuser

Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Frankfurt nicht nur eine grundlegende Verwaltungsreform. Auch die vorliegenden Akten aus diesem Jahrhundert sind aufgrund der genauen Regelung und einheitlichen Dokumentation der Verfahren für den Zweck der vorgelegten Studie besonders ergiebig. Entsprechend der Zeit war das Verfahren ein reiner Inquisitionsprozess, eine Prozessform, bei der Ankläger und Richter identisch sind. Das, was wir uns landläufig als Inquisition vorstellen, war damals ebenfalls Bestandteil des Verfahrens. Dazu gehörten beispielsweise das peinliche Verhör, also die Anwendung von Folter oder martialische Strafen. Die allerdings unterlagen mit der Aufklärung einer gewissen Veränderung. Die bürgerlich-protestantische Vorstellung des läuternden Charakters möglichst harter Zwangsarbeit und der körperlichen Züchtigung geriet in  den Vordergrund, Zucht- und Arbeitshäuser galten als Innovation. Auch die Abschiebung, also die Ausweisung aus dem Frankfurter Stadtgebiet von Menschen, gegen die – oft ungeachtet des Ausgangs –  ein Strafverfahren eingeleitet wurde,  war eine beliebte Strafe, in damaliger Zeit oft gleichbedeutend mit dem vollständigen Existenzverlust.

Strafverfolgung und –prozesse, Inquisition und Gutachterwesen

In den folgenden Kapiteln schildert Schneider zahlreiche Kriminalfälle, sorgsam nach Delikt gegliedert. Und so erfährt der Leser unter viel über die grundsätzliche Gewalttätigkeit unter den Bürgern beziehungsweise zwischen den verschiedenen Gruppen der Bürgerschaft. Massenprügeleien mit massiver Körperverletzung, Mord und Totschlag, Kindsmord, aber auch Gewalt bei der Anwerbung von Soldaten und in nicht unerheblichem Maße Räuberbanden beschäftigten die Behörden und deren „Polizeikräfte“, also Militär, Landwehren und Milizen. Diebstähle, Einbrüche Falschmünzerei, Betrug und natürlich Sexualdelikte füllen ebenfalls die Kriminalarchive der Stadt. Die Behörden und juristischen Fachleute, allen voran das Verhöramt, Gutachter von Universitäten, die unter anderem über die Angemessenheit und ordnungsgemäße Durchführung von Folter (Daumenschrauben etc.)  urteilten oder aber Obduktionen durchführten und nicht zuletzt mit der Verwaltungsreform auch Rechtsbeistände hatten offensichtlich gut zu tun.

Strafverfolgung im Zeichen der Aufklärung

Mit seinen Ausführungen verschafft Konrad Schneider dem Leser einen hochinteressanten Einblick in das Spektrum der Delikte, die Organisation und Prinzipien der Strafverfolgung in einer Zeit, in der Aufklärung und Bürgertum die mittelalterlichen Denkweisen ab- und aufzulösen begannen. Der Blick in die Kriminalakten bedeutet dabei eine begrüßenswerte Authentizität. Wer allerdings einmal selbst in Polizei-bzw. Gerichtsakten gestöbert hat, weiß, dass deren Zusammenfassung nur mit großer schriftstellerischer Kunst ihrer Sprödigkeit beraubt werden können. Das und die systematische, Gliederung der Delikte sorgen gleichzeitig dafür, dass das Buch zwar hochinformativ und historisch spannend, allerdings weit davon entfernt ist, „spannend wie ein Krimi“ zu sein, wie es der Klappentext suggeriert. Für Leser, die sich für diese historische Zeitspanne interessieren, und auch etwas über das Alltagsleben und nicht nur die großen politischen Ereignisse, Kriege und Schlachten erfahren möchten, ist dieses Buch tatsächlich sehr lesenswert.

Konrad Schneider: Mörder, Diebe und Betrüger. Kriminalität in Frankfurt im 18. Jahrhundert. Waldemar Kramer 2017. Taschenbuch 142 Seiten

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