Kurze Geschichte des Alten Afrika

von den Anfängen bis 1600

Es erscheint auf den ersten Blick ein wenig seltsam, dass die „kurze“ Geschichte des Alten Afrika nicht mit der ägyptischen Kultur beginnt. Statt dessen holt der Afrikanist Arno Sonderegger so richtig aus und startet seine Geschichtsschreibung gewissermaßen bei der Menschwerdung des Affen. Das allerdings ist nicht die einzige Überraschung, die dieses Buch bietet. Es verlässt in weiten Teilen unser klassisches Geschichtsverständnis und eröffnet dem Leser dadurch neue, faszinierende Perspektiven auf und Einsichten in „das Leben der Menschen der Vergangenheit in seiner ganzen Fülle.“

Von den neuesten Hypothesen eines Tübinger Forscherteams, nach der die Trennung von Affen und Menschenlinien möglicherweise in Europa stattgefunden habe, bleiben die Ausführungen Sondereggers aus verschiedenen Gründen unberührt. Zum  einen dürfte die „Sensationsmeldung“ erst nach Drucklegung des Buches publiziert worden sein, zum anderen stehen sich derzeit zahllose archäologische Funde und Erkenntnisse zur Afrikaversion und die Interpretation zweier Fossilfunde aus Griechenland (Unterkiefer) und Bulgarien (Zahn) als Relikte einer „bislang unbekannten Vormenschenart“ durch die Tübinger Wissenschaftler gegenüber. Und nicht zuletzt bleibt die Kernaussage des Buches bestehen: Afrika ist der historisch älteste Kontinent. Auch für Leser, die mit den Grundzügen der Menschheitsentwicklung recht vertraut sind, bietet Sonderegger allein durch die Betrachtungsweise Neues. Er beschreibt Im 1. Kapitel Afrikanische Anfänge der Menschheitsentwicklung nicht nur wie oft üblich die oft als linear begriffenen physischen Entwicklungslinien vom Vormenschen bis zum modernen Homo Sapiens, sondern betrachtet vor allem auch die soziale Evolution und die damit und mit den biologischen Voraussetzungen verbundene Aneignung unterschiedlicher Lebensräume.

Von der Wiege der Menschheit bis zur Bildung afrikanischer Königreiche

Im zweiten Kapitel befasst sich der Autor mit den Diversifizierungsprozessen in Afrika. Gemeint sind damit neben den Regionalkulturellen Entwicklungen seit ca. 100.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung auch die nach 20.000 vor Christus stattgefundenen Differenzierungen zwischen aneignendem und produzierenden Lebensweisen. Über die Sprachfamilien Afrikas rekonstruiert Sonderegger zudem Besiedlungs- und Expansionsbewegungen auf dem Schwarzen Kontinent, der nur für die Europäer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überwiegend aus „weißen Flecken“ bestand. Aber auch heute sind für die meisten Leser die vom Autor besprochenen Nilosaharischen, Afroasiatischen oder Niger-Congo-Traditionen historisches Neuland. Auch Ausführungen zu den zentralen Entwicklungen der letzten drei Jahrtausende afrikanischer Geschichte hinsichtlich Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft (Geschlechtern, Generationen, Klassen), Siedlung und Urbanisierung liefern dem Leser eine Fülle spannender Einsichten.

Über Rassismus, Ethnozentrismus, Erfindung und Imaginierung

Einsichten übrigens im doppelten Sinne. Denn wenigstens ebenso viel Gewinn wie die historischen Darstellungen bringt die den Beiträgen immanente Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Problemen der Interpretation und Herangehensweise an afrikanische Geschichte. Da arbeitet Sonderegger den latenten Rassismus und die Beschränktheit einer „unvermeidbaren Ethnozentrik“ in der Geschichtsschreibung glaubwürdig und erschreckend nachvollziehbar heraus. Dabei formuliert Sonderegger eine der Schwierigkeiten beispielsweise bei der ,Etablierung und Vergegenwärtigung Afrikas im Rahmen wissenschaftlicher Forschung‘ folgendermaßen: „Auch sie verdankt ihre Gestalt in beträchtlichem Maß Prozessen der >Erfindung< und >Imaginierung< Afrikas vor dem Hintergrund europäischer Interventionen am Kontinent“.  Möglicherweise sind es genau diese Aspekte, die nicht nur in der Einleitung entwickelt werden, sondern sich durch das ganze Buch ziehen, das Wertvollste an diesem Werk. Wertvoll sowohl wegen der Erkenntnisse, die nicht nur hinsichtlich der landläufigen Geschichtsbetrachtung und Kulturbewertung zu denken geben, sondern auch wegen der sachlichen Auseinandersetzung und Argumentation, die völlig ohne moralische Keule auskommt.

Das Alte Afrika, eine Brutstätte vielfältiger Zivilisationen

Und so erhalten wir entsprechend selbstkritisch konditioniert im Kapitel Afrikanische Staats- Und Reichsbildungen einen spannenden Blick auf das Alte Ägypten, Nubien und Nordostafrika als tatsächlich originär afrikanische und nicht vorderasiatisch initiierte Zivilisationen. Mit Ghana, Mali, Songhai und Knem-Bornu führt uns der Autor ins westafrikanische Savannenland deren Gesellschaften und Staatswesen bis ins vierte Jahrhundert zurückreichen. Die Anfänge der Swahili-Zivilisation des ostafrikanischen Küstenraums lassen sich bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert zurückverfolgen. Ob Großsimbabwe im südlichen Afrika, die Königreiche Benin (Westafrika) oder Kongo (westliches Zentralafrika), sie alle haben sich teils viele Jahrhunderte vor der europäischen oder asiatischen Einflussnahme aus originär afrikanischen Sozial- Wirtschafts- und Herrschaftsstrukturen entwickelt. In seinen Schlussbemerkungen betont Sonderegger noch einmal, dass die Staatenbildung mit für Europäer verständlichem vertikalen Herrschaftsaufbau auf dem afrikanischen Kontinent eine Ausnahme darstellen. Vorherrschend waren komplexe horizontale soziale Beziehungsgeflechte, sogenannte Kinship-basierte oder tributäre Produktions- und Ordnungsweisen.

In der Zeit um 1600 beginnen sich mit dem Einfluss des kapitalistischen Europa die ,globalhistorischen Bruchlinien‘ deutlicher abzuzeichnen, ein Grund für den Autor, hier seine Geschichte des Alten Afrika zu beenden. Ein unerwartet spannendes und (nach)denkwürdiges Buch, das weit über eine kurze Geschichte Afrikas im klassischen Sinne hinausgeht.

Arno Sonderegger: Kurze Geschichte des Alten Afrika. Von den Anfängen bis 1600. Marixverlag 2017. Gebunden mit Schutzumschlag, 223 Seiten

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