Die Entdeckung des Nordpazifiks

Eine Geschichte in 44 Objekten

Sibirien, Kamtschatka, die Aleuten, Alaska, die nordwestamerikanische Küste und die Hawaii-Inseln sind Regionen, die landläufig nur schwer mit einer gemeinsamen Geschichte in Verbindung gebracht werden. Und auch in den Kulturwissenschaften werden die Südsee und der Hohe Norden eher als getrennte Einheiten betrachtet. Ethnologische Sammlungen wie die, deren Objekte in diesem Buch vorgestellt werden, sind in der Regel ebenfalls geographisch, nach Kontinenten getrennt. Und so erscheint das Vorhaben, die Geschichte der Entdeckung des Nordpazifiks anhand von einzelnen Artefakten unterschiedlicher ethnologischer Sammlungen vermitteln zu wollen, auf den ersten Blick als eine didaktische Spielerei. Tatsächlich aber steckt hinter dem Konzept der Ethnologin und Kulturforscherin Dr. Gudrun Bucher wesentlich mehr.

Ethnologische Artefakte oder Curiositäten, wie sie in der Zeit der europäischen Entdeckungen genannt wurden, stellen zunächst einmal praktische oder rituelle Gegenstände exotischer Kulturen dar. Im Idealfall geben sie anhand von zeitgenössischen Aufzeichnungen oder Überlieferungen Aufschluss über einzelne Aspekte der jeweiligen Kultur. Aus sich selbst heraus sind die Objekte hinsichtlich ihres kulturellen Hintergrundes jedoch meist nur wenig aussagefähig. Kulturgeschichtlich geradezu geschwätzig können die Artefakte allerdings im Rahmen der Provenienzforschung werden, die die Herkunft, kontextuelle Bedeutungen und die verschlungenen Wege der Objekte von ihrem Ursprungsort in die ethnologischen Sammlungen erforschen. Die Herausgeber des Buches, Brigitta Hauser-Schäublin und Gundolf Krüger haben genau dies seit rund 20 Jahren unter anderem mit den Curiositäten der berühmten Göttinger Sammlungen Cook/Forster und Baron von Asch getan. Der vorliegende Band bildet zusammen mit den Ergebnissen der Forschungen, an denen auch die Autorin beteiligt war, gewissermaßen den „krönenden Abschluss“ und „die Brücke“ zwischen den verschiedenen Forschungsprojekten, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt.

Wissenschaftler und Kaufleute im Auftrag der Zarin ans Ende der russischen Welt

Die Entdeckungs- und Erforschungsgeschichte des nordpazifischen Raumes dürfte für viele Leser kulturgeschichtliches Neuland bedeuten. Schließlich sind uns vor allem die Südseereisen von Cook & Co. geläufig und bei der Suche nach der Nordwestpassage denken wir eher an die britischen und französischen Aktivitäten im Nordatlantik als beispielsweise an die Russischen und Spanischen im nordpazifischen Raum. Aber genau hier, in der Region um Alaska, Nordostsibirien, Kamtschatka und dem großen, die Kontinente verbindenden Bogen der Aleuten haben spanische, russische, britische und amerikanische Expeditionen im 18. Jahrhundert die Natur und die Kulturen erforscht, das wirtschaftliche Potenzial erkundet und den Wettlauf um Territorien und Handelsmonopole begonnen. Bei aller Konkurrenz findet sich insbesondere bei den wissenschaftlichen Expeditionen ein interessantes „internationales“ Netzwerk von Forscherpersönlichkeiten. So standen beispielweise der deutsche Mediziner und Naturforscher Georg Wilhelm Steller oder der dänische Kapitän Vitus Behring bei der zweiten Kamtschatkaexpedition im Dienste der russischen Zarin. Die Deutschen Georg Forster und sein Vater nahmen an der zweiten Weltumsegelung Cooks teil und der russische Arzt und Sammler Georg von Asch war nicht nur externes Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften, sondern schenkte seiner Alma Mater auch seine über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren gesammelten Materialien zur Geschichte, Geologie und Kultur Russlands.

Wettlauf der Nationen

Aus der Göttinger Sammlung Ash stammt übrigens auch das Objekt 14, ein wasserdichter Anorak von den Aleuten, ein sogenannter Kamleika. Der besteht aus zusammengenähten Darmstreifen von Seelöwen oder anderen Seesäugetieren. Dieses Kleidungsstück ist hinsichtlich seiner Funktion derartig ausgereift, dass sich Cooks gesamte Mannschaft während des Aufenthaltes auf Unalaska 1778 damit eindeckte. Das Produkt der Aleuten kam in der Beurteilung der Mannschaft erheblich besser weg als das eigene Ölzeug. Zu jener Zeit hatten die indigenen Völker der Aleuten bereits erheblich unter den ersten Kontakten und den Anfängen der russischen Kolonisierung gelitten. Die Bevölkerungszahl war zwischen den ersten Kontakten Mitte des 18. Jahrhunderts  und Ende  des 18. Jahrhunderts erheblich geschrumpft. In diesem Zeitraum „bauten mehr als 40 russische Handelsgesellschaften über 80 Schiffe, mit denen sie sich am Fellhandel auf den Aleuten beteiligten“. Und das sogenannte „weiche Gold“, also Seeotterfelle schienen nahezu unbegrenzt. Kein Wunder, dass sich auch andere Nationen für diese Regionen interessierten. Dabei ging es nicht nur um das profitable Pelzgeschäft, sondern immer noch auch um die Nordwestpassage, die Cook im Rahmen seiner Weltumsegelung, die Spanier von ihren kalifornischen Besitzungen aus oder der Franzose Louis Antoine de Bougainville auf seiner Weltreise versuchten, über den Pazifik zu entdecken.

Entstehen und Scheitern der russisch-amerikanischen Kompanie

Die Autorin beginnt nach einer gut strukturierten Einführung mit dem europäischen Aufbruch in den  und der Eroberung des Nordpazifischen Raumes, die von den russischen Expeditionen und den Anfängern der Ethnographie geprägt ist. Einen besonderen Namen bei der Völkerbeschreibung hat sich übrigens der deutsche Arzt Carl-Heinrich Merck mit seinem sibirisch-amerikanischen Tagebuch gemacht. Spannend dabei die auch die von der Autorin dargestellten wirtschaftlichen und politischen Hintergründe des russischen Engagements. Im Kapitel Verflechtungen und Konkurrenz beschreibt Gudrun Bucher, den internationalen Wettlauf um die Region. Dabei ging es nicht nur um kommerzielle Begehrlichkeiten, sondern auch um wissenschaftlichen Ruhm.  Zahlreiche Reiseberichte mit Völkerbeschreibungen stammen aus dieser Zeit. Und ethnologische Artefakte verschwanden kistenweise in den Laderäumen der Expeditionsschiffe um auf verschlungenen Wegen in den Sammlungen der europäischen Welt wieder aufzutauchen. Trotz internationaler Begehrlichkeiten war es die russisch-amerikanische Kompanie, die ernsthafte Kolonialisierungsaktivitäten unternahm, am Ende jedoch aufgrund der unwirtlichen Lebensbedingungen, Versorgungsprobleme und des Widerstands der indigenen Bevölkerung scheiterte.

Eine ethnologische Geschichtsschreibung

Mit den 44 Objekten, deren Herkunft, Bedeutung, Interpretation und Anwendung  am Anfang jedes Abschnitts stehen, führt die Autorin den Leser Schritt für Schritt durch die komplexe Geschichte der  Entdeckung des Nordpazifiks bis zum Kauf russisch Amerikas durch die USA. Treffender als im Klappentext lässt sich der Zusammenhang zwischen den präsentierten Objekten und der Geschichte kaum formulieren: „Gudrun Bucher legt […] eine ethnologische Geschichtsschreibung über frühe Globalisierungsprozesse vor. Anhand der Objekte zeigt sie auf, wie sich das Leben der Indigenen nach der >>Entdeckung<< veränderte   und welche Folgen das wirtschaftliche Handelsstreben der Europäer für die Region und ihre Bevölkerung hatte.“

Die Geschichte in  44 Objekten ist also alles andere als eine didaktische Spielerei. Sie bringt den Leser dazu, beim Besuch ethnologischer Sammlungen die einzelnen Objekte mit anderen Augen als bisher zu sehen und sich dabei Fragen zu stellen, die im Rahmen der jeweiligen Präsentation in der Regel leider nicht beantwortet werden.

Gudrun Bucher: Die Entdeckung des Nordpazifiks. Eine Geschichte in 44 Objekten. Philipp von Zabern 2017. Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten.

Lesen Sie auch:

Tauschhandel im Pazifik und ethnologische Sammlungen

Cook/Forster – die Sammlung in Göttingen

Carl Heinrich Mercks sibirisch-amerikanische Tagebuch

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ethnologie, Rezension

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