Die Deutschen und ihre Kolonien

Das deutsche Kolonialreich stellte eine recht kurzlebige Episode der kommerziell und ideologisch geprägten Expansionsbestrebungen der Deutschen dar. Im Auftrag anderer Mächte und Nationen waren sie allerdings von Beginn an am Prozess neuzeitlicher Expansion Europas als Soldaten, Kaufleute, Missionare oder Wissenschaftler beteiligt. Die 30 Jahre deutsches Kolonialreich (1884 – 1914) haben also eine lange Vorgeschichte und wirken bis heute nach. Mit dem Buch Die Deutschen und ihre Kolonien wollen die Herausgeber Horst Gründer und Herman Hiery „losgelöst von der Emotionalität politischer Debatten“ einen Überblick über die Geschichte des Kolonialreiches in Afrika, Asien und Südsee vermitteln.

Bismarck und die Kolonialfrage

Mit dem „Langen Weg zum Kolonialreich“ schildern die Autoren Ulrich van der Heyden und Winfried Baumgart die Vorgeschichte des deutschen Kolonialreiches. Dazu gehört auch die brandenburgisch-preußische Handelskompanie Großfriedrichsburg. Im Januar 1683 startete das merkantilistische Projekt des Kurfürsten an der westafrikanischen Küste , 30 Jahre später war es mit dem lukrativen transatlantischen Sklavenhandel Brandenburg-Preußens wieder vorbei. Im Vorfeld der Gründung des kaiserlichen Deutschen Reiches nahmen die kolonialen und imperialen Phantasien des Bürgertums Fahrt auf, scheiterten jedoch zunächst am Widerstand Bismarcks. Der Frage, warum der Reichskanzler am Ende hinsichtlich der Beteiligung Deutschlands am kolonialen Wettlauf der europäischen Mächte mit der Westafrika-Konferenz in Berlin sogar die Initiative ergriff, wird im Abschnitt „Bismarck und der deutsche Kolonialerwerb“ ausführlich diskutiert.

Kolonialer Alltag zwischen Recht und Gewalt

Im Kapitel „Das deutsche Kolonialreich“ werden die “Besitzungen“ in Afrika, der Südsee und Tsingtau in ihrer Entstehung, Entwicklung und ihren jeweiligen Besonderheiten beschrieben. Ein Kapitel weiter werden unter dem Thema „Kolonialismus im Alltag“ diese Besonderheiten detailliert vertieft. Dabei geht es um die Strukturen, Herausforderungen und Probleme der Kolonialverwaltung, des Rechts und der Gerichtsbarkeit, die Rassenfrage, um Kriege, Gewalt, christliche Heilsbotschaft, Völkerschauen und Kolonialausstellungen. Ein wirklich spannendes Kapitel, das nicht nur darstellt, wie die unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten und Ideologien der Kolonisatoren mit den Kulturen der Kolonisierten interagieren. Hier wird zumindest zwischen den Zeilen auch deutlich, dass es deutsche Besonderheiten des Kolonialismus zu den anderen Mächten gab. Schön wäre allerdings gewesen, diese vielleicht in einem eigenen Kapitel herauszuarbeiten. Selbstverständlich werden hier und auch im Kapitel „Ausblick“, das die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit und den Umgang mit dem kolonialen Erbe aufgreift, auch die Hintergründe des Völkermords an den Herero und des fast vergessene Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika vermittelt.

Koloniale Erinnerungskultur

Zuvor aber ziehen die Autoren im Kapitel „Das deutsche Kolonialreich“ Eine wirtschaftliche Bilanz. Die ist nicht sonderlich positiv ausgefallen, weshalb offensichtlich auch nach dem Verlust der Kolonien in Folge des ersten Weltkriegs, zwar politisch-ideologisch weiterhin koloniale Ansprüche gestellt (Lebensraumideologie etc.), nie aber ernsthaft versucht wurden, umzusetzen. Horst Gründer bezeichnet dieses Phänomen als Kolonialismus ohne Kolonien.
Die Deutschen und ihre Kolonien ist ein ausgezeichnetes Buch, um sich mit den unzähligen Facetten des deutschen Kolonialismus auseinanderzusetzten, gibt es doch einen Überblick, der Aspekte und Fakten beinhaltet, die auch in der aktuellen „Erinnerungskultur“ zu dieser Epoche deutscher Geschichte oft zu kurz kommen. Vor allem wird bei der Lektüre deutlich, dass der deutsche Kolonialismus in seiner imperialen Form zwar nur eine kurze Episode war, hinsichtlich seiner Vorgeschichte seiner ideologischen Grundlagen und seiner nachkolonialen Adaption auch heute noch prägend für unsere Sicht vor allem auf afrikanische und asiatische Kulturen ist.

Fragen der Perspektive

Über die Frage, ob Aufsätze afrikanischer Historiker ebenfalls hätten Eingang in dieses Buch finden müssen, kann man sicherlich geteilter Meinung sein, wenn es um das „Müssen“ geht. Selbstverständlich hätte dies das Spektrum erweitert und bereichert. Ich denke allerdings, dass ein in seiner inhaltlichen Struktur vergleichbares Werk, ausschließlich bestehend aus Aufsätzen von afrikanischen und asiatischen Historikern aus den ehemaligen deutschen Kolonien eine Publikation darstellen würde, die eine große Lücke in der Auseinandersetzung mit „unserer“ kolonialen Vergangenheit schließen könnte.

Horst Gründer, Herman Hiery (Hrsg.): Die Deutschen und ihre Kolonien. be.bra verlag 2017. Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Allgemein, Rezension

Eine Antwort zu “Die Deutschen und ihre Kolonien

  1. Das Thema wird ja gerade erst richtig angegangen. Finde ich gut, damit haben wir auch in der Aufarbeitungskultur in Europa eine Vorbildfunktion! Die britische Regierung sieht sich ja immernoch als Empire, wie ich finde…

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