Wie Europa die Welt eroberte

Warum ausgerechnet Westeuropa, fragt sich der amerikanische Wirtschafts- und Geschichtsprofessor Philip T. Hoffman in seinem Buch Wie Europa die Welt eroberte (englischer Originaltitel 2015: Why did Europe Conquer the World) und gibt darauf eine umfangreiche mit Wirtschaftsmathematik garnierte Antwort. Die beinhaltet viel Bekanntes und wird von der renommierten amerikanischen Zeitschrift Foreign Afairs als „Faszinierend“, vom Wall Street Journal als „Brillant“ und vom amerikanischen Nachrichten- und Medienunternehmen Bloomberg als „Wirtschaftsgeschichte auf höchstem Niveau“ gefeiert. Was also ist dran an diesem Buch, in dem Hoffman laut Klappentext seine provokative These fesselnd und faktenreich enthüllt und das aufgrund der oben aufgeführten Bewertungen so große Erwartungen weckt?

Voraussetzung für die Eroberung der Welt sei das permanente und gleichzeitige Vorhandensein von mehreren zentralen Kriterien, die der Autor Kapitel für Kapitel entwickelt. Dazu gehöre unter anderem permanenter kriegerischer Wettbewerb, innerhalb einer Region. Der Krieg müsse profitabel sein, das heißt, die materiellen und immateriellen Kosten müssen niedriger sein, als der entsprechende Gewinn. Das bedeutet, dass in die Kosten des Krieges auch die politischen Kosten (drohende Aufstände, Herrschaftsverlust, gegebenenfalls eigener Tod) für die jeweiligen Herrscher einfließen müssen. Aus diesen Vorgaben , die Hoffman in sein variables wirtschaftsmathematisches Tourniermodell gießt, ergeben sich eine Reihe von Schlussfolgerungen aber auch Fragen. Zunächst die Erkenntnis: Permanenter militärischer Wettbewerb innerhalb einer Region führt zur permanenten sich gegenseitig befruchtenden waffentechnologischen Weiterentwicklung, die im Laufe der Zeit anderen Gesellschaften, deren Entwicklung unter anderen Rahmenbedingungen erfolgt, zur uneinholbaren militärischen Überlegenheit führt. So weit so gut. Die These der überlegenen westeuropäischen Schießpulvertechnologie ist zumindest für Historiker ebenso wenig provokativ und neu wie die politischen und historischen Gründe, die Hoffman für die Tatsache anführt, dass Westeuropa ein über Jahrhunderte permanent Krieg führendes in zahllose Herrschaftsbereiche zersplittertes Gebilde war.

Schlüsselbegriff Schießpulvertechnologie

Hoffman selbst räumt allerdings zu Recht ein, dass die Geschichte hätte auch anders verlaufen können. Und so besteht das wirtschaftsgeschichtliche Verdienst des Autors vor allem darin, die Vergangenheit in wirtschaftsmathematische Gleichungen gegossen zu haben, die durchaus universell anwendbar sind. Und die wirklich weder brillante noch provokative noch überraschende Erkenntnis, die das Buch unausgesprochen hergibt ist, dass kulturell verinnerlichte Konkurrenz und Gier in Verbindung mit religiös begründeter Hybris mörderisch und grenzenlos ist. Militärgeschichtlich weist Hoffmans Arbeit im Interesse der Stimmigkeit seiner These doch einige Schwächen auf. Er stellt zwar zu Recht fest, dass zur westeuropäischen Schießpulvertechnologie mehr als nur wirksames Kriegsgerät gehört. Es waren die Techniken des Einsatzes, der Produktion, die Organisation des Militärs, schlussendlich das ganze Gefüge der Militärindustrie und nicht zuletzt die mentale Verfassung und Entschlossenheit, die die Überlegenheit westeuropäischer Kriegsführung ausmachte. Und so führt Hoffman zahlreiche Beispiele an, in denen militärische westeuropäische Eroberungs- oder Verteidigungskampagnen gegen zahlenmäßig überlegene einheimische Kräfte erfolgreich waren. Den vielfältigen nichtmilitärischen Faktoren, deren Existenz er durchaus einräumt, weist er dabei allerdings eine untergeordnete Rolle zu.

Komplexer als die Formeln erlauben?

Das ist natürlich verständlich, denn die numerische Erfassung der materiellen und immateriellen, von den zahlreichen europäischen und indigenen Nationen jeweils ganz unterschiedlich bewerteten Kosten- und Nutzeneinschätzungen beispielsweise bei der europäischen Inbesitznahme Nordamerikas würden die Möglichkeiten des Tourniermodells wahrscheinlich sprengen oder dessen Anwendung hinsichtlich des Erkenntnisgewinns unwirtschaftlich machen. Zumindest wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kulturen, Gesellschaften und Denkweisen und ihren Handlungsmotivationen erforderlich, als sie der gelegentlich etwas salopp durch die historischen und kulturellen Hintergründe reitende Autor leistet. Nein, ich kann den überschwänglichen Bewertungen der oben aufgeführten Magazine des inhaltlich grundsoliden Buches nicht folgen. Vielleicht auch deshalb weil das ganze Buch stilistisch ein wenig an die unseligen „populären TV-Wissensmagazine“ erinnert, deren Inhalte vor allem aus ständigen Wiederholungen und immer wieder neu gestellten Fragen nach dem Muster „aber warum konnte . . . aber wieso war . . . aber wie lässt sich erklären . . .“ bestehen. Dieser spezielle american style ist meine Sache nicht und führt bei mir irgendwann zu Ermüdungserscheinungen.

Als Informationsquelle, Denkanstoß und Diskussionsgrundlage recht nützlich

Anderen Lesern mag dieses Buch durchaus Erhellung bringen, denn natürlich sind die Vergleiche zwischen den europäischen, den asiatischen oder orientalischen Kulturen und Entwicklungen recht interessant. Die Rolle des westeuropäischen Christentums, das Prinzip des politischen Lernens oder Und auch die zahlreichen Informationen und Tabellen beispielsweise zu vergleichenden Rüstungsausgaben im Laufe der Geschichte, die Kalkulationen zu Rüstungskosten und vieles mehr sind aufschlussreich und liefern durchaus interessante und oftmals unbekannte Hintergründe zum Thema. Auch die Auseinandersetzung Hoffmans mit den anderen Theorien, die die Besonderheit der westeuropäischen Entwicklung begründen, sind sehr lesenswert. Angedeutet wird auch das Problem der asymmetrischen Kriegsführung, die die propagierte militärische Überlegenheit allerdings nicht erst zur Zeit des Kolonialimperialismus des 20. Jahrhunderts relativiert. Ein wenig wird die Lektüre dann aber wieder durch das gelegentlich verwendete Wirtschaftschinesisch getrübt. Das ist insofern in den Kapiteln ohnehin überflüssig, weil das ganze wirtschaftsmathematische Tourniermodell und seine Entwicklung ohnehin seinen Platz im Angang findet, Schritt für Schritt mit Formeln und Erläuterungen.

Philip T. Hoffman: Wie Europa die Welt eroberte. Theiss 2017. Gebunden mit Schutzumschlag, 336 Seiten.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit, Geschichte im Querschnitt, Rezension

3 Antworten zu “Wie Europa die Welt eroberte

  1. Wenn Wirtschaftsprofessoren glauben die Weltgeschichte erklären zu können, sollte dies besser in einer Wirtschaft geklärt werden.

    • 🙂 Na ja, der Mann ist ja auch studierter Historiker aber eben auch Mathematiker. Und in seinem Buch ist ja auch vieles Diskussionswürdige und Informative drin, ist ja auch nicht grundsätzlich falsch, was er da publiziert. Ich denke nur, dass 1. brilliant etwas anderes ist und 2. auch Wirtschaftsgeschichte (war einer meiner Schwerpunkte während meines Betriebswirtschaftsstudiums vor gefühlten 100 Jahren 😉 ) nicht zwingend mit mathematischen Formeln erfasst werden muss. Und ja, ich habe tatsächlich meine grundsätzlichen Zweifel, ob das Einpacken der Geschichte in ein mathematisches Formelwerk tatsächlich Sinn oder gar mehr Erkenntnis ergibt, insbesondere dann, wenn es um kulturelle und gesellschaftliche Fragen geht.

      • Das Buch ist sicher interessant, aber auch eine vertane Chance. Im Hintergrund der Geschichte ist ja gerade die Wirtschaft der Antrieb für Expansionen. Die werden dann aber idologisch verbrämt und so wird Geschichte auch vermittelt. Deshalb wäre es höchste Zeit, dies mal anders zu erklären.

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