Verlorene Welten

Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas

Es ist ein schwieriges aber wichtiges Thema, dem sich der Professor für Neueste Geschichte, Aram Mattioli in seinem Buch Verlorene Welten widmet. Immerhin geht es um nichts weniger, als Imperialismus, Rassismus und Ethnozid als Grundlage der Entstehungsgeschichte der US-amerikanischen Nation und des Selbstverständnisses seiner Bürger. Mit seinem Buch wirft er alle gängigen Klischees sowohl über die indigene als auch die kolonisierende Bevölkerung über den Haufen und zeichnet ein differenziertes, solide recherchiertes Bild über die Hintergründe, Methoden und Auswirkungen der europäischen Landnahme auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Schon bevor sich die ersten europäischen Siedler an der Nordostküste Amerikas festsetzten, hatten die ersten Kontakte mit Europa die Welt der indigenen Bevölkerung gravierend geändert. Von den „Entdeckern„ eingeschleppte Krankheitserreger hatten die indigene Bevölkerung in den Kontaktzonen drastisch dezimiert, die Nachfrage nach Pelzen veränderte nicht nur die Wirtschaftsweise indigener Nationen, sondern auch deren (Macht-)Verhältnis zueinander. Und die Einführung des Pferdes beispielsweise ließ in den Plains für historisch kurze Zeit sogar eine neue indigene Kultur entstehen, bevor diese von den weißen Siedlern endgültig vernichtet wurde. Jahrtausende bevor der erste europäische Entdecker amerikanischen Boden betreten hatte, existierte dort eine bunte Vielfalt indigener Nationen, mit hochentwickelten Ackerbaukulturen und Städten wie Cahokia, die etwa um 1200 mehr Menschen beherbergte, als zur selben Zeit London. Ein weit verzweigtes Handelsnetz spannte sich über fast ganz Nordamerika, mit zentralen Handelsorten, und hunderten von Meilen langen Handelsrouten.

Invasion aus Europa

Mattioli betrachtet die Geschichte der europäischen Landnahme ab etwa 1700, als sich aus den Handelskontakten konkurrierende Kolonialisierungsprojekte der europäischen Mächte, allen voran Frankreich, England und die Niederlande, entwickelt hatten. Ungeachtet der Tatsache, dass sich die Siedler gewissermaßen auf dem „Staatsgebiet“ indigener Gesellschaften niederließen, deklarierten die europäischen Mächte selbst die Gebiete, die ihre Untertanen noch nie zu Gesicht bekommen hatten, als Eigentum der jeweiligen Kronen. In der kolonialen Wirklichkeit musste dieses Eigentum allerdings erst einmal in Besitz genommen und sowohl gegen die tatsächlichen Eigentümer und die europäischen Konkurrenten verteidigt werden. Formaler Landkauf, Landraub, Massaker an der indigenen Bevölkerung, Zerstörung des Lebensraumes waren die Methoden, deren sich die Europäer bedienten und aufgrund der komplizierten Macht-, Interessen- und Sozialstrukturen innerhalb der indigenen Nationen sowie der Entvölkerung durch Krankheiten, auch bedienen konnten.

Die indigenen Machtverhältnisse verschieben sich

Die indianischen Nationen waren dabei durchaus nicht wehrlos gegenüber den Invasoren, wie die sogenannten Biberkriege zwischen 1640 und 1701 zeigten, in deren Folge sich die Irokesenliga  zum entscheidenden Machtfaktor in der „Nordostecke“ des Kontinents aufschwang und zum Handelspartner Neufrankreichs wurde. Das Bündnis mit den „Fünf Nationen“ sicherte den Franzosen immerhin für rund ein halbes Jahrhundert die Vorherrschaft ihn dieser Region. Nach der französischen Niederlage im Siebenjährigen Krieg änderte sich die Situation auf dem amerikanischen Kontinent grundlegend. Großbritannien erhob nun Anspruch auf das Land vom Atlantik bis zum Mississippi und von der Hudson Bay bis zum Golf von Mexiko. Und während die Franzosen mit ihren 75.000 Siedlern demographisch gegenüber der indigenen Bevölkerung kaum ins Gewicht fiel, lebten bereits um 1700 in den britischen Siedlungskolonien an der Atlantikküste rund 250.000 Kolonisten, 1750 waren es bereits 1,25 Millionen.

Frontier der Inklusion versus Frontier der Exklusion

Entscheidend für die weitere Entwicklung auf dem amerikanischen Kontinent war jedoch weniger die absolute Zahl der europäischen Invasoren, sondern die grundsätzlich unterschiedlichen Interessen der europäischen Mächte. Während die Franzosen in erster Linie an profitablen Handelsbeziehungen  (und christliche Missionierung) interessiert waren und auf „ihrem“ Territorium enge interkulturelle Beziehungen bis hin zur ethnischen Vermischung pflegten (Frontier der Inklusion), trieben die siegreichen Briten eine „Frontier der Exklusion“ voran. Ihnen ging es um die Erschließung neuer Siedlungsräume zum Aufbau eines „idealen Staates“, in dem sich die Glaubens –und Armutsflüchtlinge Europas mit ihrer eigenen Hände Arbeit eine neue Existenz aufbauen konnten. Die „Wilden“ waren dem Landbedarf der Siedler für Ackerbau und Viehzucht schlichtweg im Weg. Dass die mit den Briten verbündeten Westo, Chicasaw, Yamasee und Creek zwischen 1670 und 1717 Jagd auf andere indianische Nationen machten, um britische Händler mit Sklaven für die karibischen Inseln zu versorgen, kam den Siedlern dabei ebenso gelegen wie die Dezimierung der Indianer durch Krankheiten.

Die amerikanische Verfassung: Freiheit für das „Auserwählte Volk“

Mit der Gründung der USA und der systematisch vorangetriebenen Erweiterung des Territoriums schaffte das in seinem Selbstverständnis „auserwählte“ amerikanische Volk ebenso systematisch die indigene Bevölkerung beiseite. Damit verbunden war immer auch ein gutes Geschäft, denn angesichts der wachsenden Zahl der weißen Siedler (innerhalb des 19. Jahrhunderts wuchs deren Zahl von 5 auf 75 Millionen Menschen) ließ sich am Handel mit Indianerland hervorragend verdienen. Und während an der sich immer weiter nach Westen vorarbeitenden Frontier die Siedler durch „Selbstverteidigungsmassaker“ Fakten schafften, sorgten die amerikanischen Präsidenten für die ideologische und gesetzliche Legitimierung und Durchsetzung der Landnahme. So wurde 1830 mit dem „Indian Removal Act“ die Zwangsumsiedlung aller östlich des Mississippi lebenden Indianer in Reservate beschlossen, der Anfang der ethnischen Säuberung der USA.

Vom Landraub bis zum Ethnozid

Die Liste der Ereignisse, mit denen die indigenen Nationen ihrer angestammten Lebensräume, ihrer politischen Selbstbestimmung, ihrer wirtschaftlichen Grundlagen, ihrer kulturellen Identitäten und nicht zuletzt ihrer physischen Existenz beraubt wurden ist lang. Mattioli beschreibt diesen Prozess, die historischen Hintergründe, die ideologischen und politischen Grundlagen detailliert, lebendig und trotz erkennbaren Engagements für die Verlierer detailliert, solide recherchiert und durchaus unpolemisch. Dem Leser erlaubt er damit nicht nur einen tiefen Blick in die tatsächliche Entstehungsgeschichte der USA, ohne die klassische Wildwest-Mythologisierung amerikanischer Selbstbehauptung gegenüber wilden, bösartigen Mächten. Das Buch macht ebenfalls die in ihrer Entstehungsgeschichte verwurzelten ideologischen und historischen Hintergründe der modernen Politik der USA verständlicher, bis hin zu der Frage, wie Donald Trump Präsident werden konnte (was natürlich nicht Gegenstand dieses Buches ist). Es wäre allerdings vollkommen falsch, das Buch als antiamerikanisch zu verstehen. Auch in den USA beginnen die Historiker die koloniale Vergangenheit und den Umgang mit der indigenen Bevölkerung unter Einbeziehung ihrer Nachfahren neu zu bewerten.

Aram Mattioli: Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas. Klett-Kotta 2017. Gebunden mit Schutzumschlag, 464 Seiten.

Lesen Sie auch:

Auf den Spuren der Irokesen

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, 5 Neuzeit, Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s