Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz

Texte und Bilder zu seinen Erkenntnissen und Erfindungen in den Dauer- und Wanderausstellungen der Leibniz Universität Hannover

Dass Gottfried Wilhelm Leibniz 2006 nach gut anderthalb Jahrzehnten inhaltlicher Auseinandersetzung zum Namenspatron der ehemaligen Technischen Universität (seit 1978 Universität Hannover) geworden ist, dürfte nicht zuletzt dem Engagement des Prof. Dr.-Ing. Erwin Stein zu verdanken sein. Der hatte nicht nur seit Ende der 80er Jahre die Idee  einer Ausstellung über den so eng mit Hannover verbundenen Universalgelehrten vorangetrieben, sondern mit dem vorliegenden Buch gemeinsam mit Dr. Annette von Boetticher auch eine Dokumentation der Ausstellung und des Wirkens des als „letzter Universalgelehrter“ titulierten Wissenschaftlers der frühen Aufklärung vorgelegt. Der Anspruch von Buch und Ausstellung: Leibniz Werk gemäß dem Motto „Leibniz zum Anfassen und verstehen“ auch einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.

Ausstellung, historischer Rahmen und Leibnizvita

In ihrer Einleitung stellen die Herausgeber die Entwicklung, das Konzept und die inhaltliche Gliederung der Dauerausstellung im Sockelgeschoss des Hauptgebäudes der Uni vor und verschaffen dem Leser einen ersten Überblick über die Denkweise, Leistungen und Maximen des Universalgelehrten. In einem weiteren Kapitel wird noch einmal explizit auf die gestalterischen Konzepte für das Design der Leibnizausstellungen der letzten Jahre eingegangen.

Im folgenden Kapitel Wurzeln des wissenschaftlich-technischen Zeitalters erhält der Leser einen groben Überblick über die Entwicklung der wissenschaftsphilosophischen Konzepte und den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse, des 16./17. Jahrhunderts auf deren Basis Leibniz seine Fähigkeiten entwickeln konnte. Bereits die folgende Vita zeigt die Vielseitigkeit, die Leibniz – wie viele Kollege seiner Zeit – aufweisen konnte, denn die universale Betrachtung der Welt war beileibe keine Erfindung des Gelehrten.

Monaden, Prästabilierung und Präetablierung – Grundlagen der Leibnizschen Philosophie

Aber Leibniz entwickelte originelle und teilweise wegweisende Denkmaximen, die sich durch seine Arbeit in den verschiedenen Gebieten wie ein roter Faden verfolgen lässt. So beispielsweise das Kausalitätsprinzip, der Satz von der Identität und vom Widerspruch, das sogenannte Leibniz‘ Gesetz und das Kontinuitätsprinzip. Nicht zuletzt prägt sein wissenschaftliches Schaffen auch die Entwicklung von Grundpfeilern der Universalwissenschaft. Einen größeren Raum nimmt die von Leibniz entwickelte Substanztheorie, deren zentraler Ausdruck die Monadologie darstellt. Obwohl diese Theorie aus verschiedenen Gründen so kurios anmutet, wie der Begriff klingt, birgt sie doch eine Reihe wegweisender Erkenntnisse und Denkansätze, die sich methodisch auch in der modernen Wissenschaft wiederfinden. Bei der Lektüre der Kapitel über die Philosophie, zu der auch die Religion gezählt werden muss, wird deutlich, dass sich Leibniz trotz aller Querdenkerei, holistischer Weltbetrachtung und dem Primat der Vernunft nicht vom Glauben an einen Schöpfergott und die Wahrhaftigkeit der Bibel trennen konnte.

Von der Philosophie über die Mathematik zur Technik

Wie es sich für einen Universalgelehrten seiner Zeit gehörte, beschäftigte sich Leibniz auch mit der Rechtswissenschaft, der Geschichte, der Naturgeschichte und den Naturgesetzen, der Physik, Mathematik und Ingenieurwissenschaft. Leibniz war unermüdlich. Er propagierte den Akademiegedanken für den deutschsprachigen Raum und initiierte die Gründung der Berliner Sozietät, deren erster Präsident er wurde. Dabei ging er durchaus neue Wege. So war die Sozietät eine bürgerliche Vereinigung und organisierte ein breites Spektrum an Wissenschaften, ganz im Sinne der Interdisziplinarität und Wissenschaftsvernetzung. Zudem erlangte die Verbindung zwischen Theorie und Praxis im Rahmen der Personal- und Forschungspolitik eine besondere Bedeutung. Dass Leibniz eine besondere Leidenschaft für die Mathematik hatte, scheint bereits in seinen philosophischen Ausführungen durch. Und so ist es kein Wunder, dass sich die Autoren über Leibniz‘ Leistungen in der Versicherungsmathematik in die umfangreichen Kapitel zu Infinitesimalrechnung, der Analysis oder der Determinantentheorie hangeln. Von dort schließlich wird der Leser in die Mechanik und das Ingenieurwesen geleitet, um schließlich bei den technologisch innovativen Rechen- Chiffrier- und Dechiffriermaschinen zu landen, dem Spezialgebiet von Erwin Stein. Die technischen Verbesserungen für den Oberharzer Silberbergbau, deren Gegenstand vor allem die Wind- und wasserbetriebene Fördertechnik war und nicht zuletzt die Verbesserungen der Wasserkünste in den Herrenhäuser Gärten beenden den wissenschaftlich technischen Teil der Dokumentation.

Nochmal Ausstellung und Biographie

Mit Leibniz in Hannover schließt sich ein weitgehend biographischer Teil an, der mit einer Spurensuche des Wirkens des Universalgelehrten bis in die heutige Zeit verbunden ist. Mit Leibniz Vermächtnis, einer Schlussbetrachtung, einem Anhang zur Wanderausstellung, mit Intention, Konzept, Gliederung, Design und Exponaten, dem Dank der Herausgeber und dem obligatorischen Quellen- und Literaturverzeichnis sind die 339 Seiten des Buches schließlich gefüllt. Und der Rezensent schließt es mit ein wenig gemischten Gefühlen.

Keine Frage, das Buch vermittelt einen guten Überblick über das Denken und Wirken des Namenspatrons der Uni. Auch die Intention des Instituts, sich durch Bezug auf den als Genie verstandenen berühmten Gelehrten im globalen Wissenschaftsmarkt als inhaltlich breit aufgestellte Universität zu positionieren, wird durchaus deutlich. Für das Erreichen einer interessierten Öffentlichkeit, der möglicherweise sowohl die Feinheiten der Metaphysik als auch beispielsweise der Infinitesimalrechnung nicht so ganz geläufig sind, erweist sich die Lektüre einer Reihe von Aufsätzen als etwas mühsam. Hier wären grundlegendere Informationen sicherlich hilfreicher gewesen, als mathematische Details. Dennoch, die Lektüre des Buches regt dazu an, sich mit der Gedankenwelt von Leibniz eingehender zu beschäftigen, in die Zeit der frühen Aufklärung einzutauchen und sich auch mit den anderen Protagonisten des europaweiten Wissenschaftsnetzes jener Zeit zu befassen.

Erwin Stein/Annette von Boetticher: Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz. Georg Olms Verlag 2017. Gebunden, 339 Seiten.

Lesen Sie auch: Die Welt der Wissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Aufklärung, Ausstellungen, Rezension

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