Der Aufstieg des Mamluken-Sultanats

Gastbeitrag von Florian Heydorn

Berittener Mamluk, etwa 1810, © wikimedia commons

Berittener Mamluk, etwa 1810, © wikimedia commons

Persien – überrannt. Anatolien – unterworfen. Bagdad – niedergebrannt. Zwischen 1220 und 1258 zerschlugen die Mongolen auf ihrem Eroberungszug quer durch Asien die muslimischen Reiche des Vorderen Orients, ermordeten den Kalifen und löschten dessen Dynastie aus. Diese neuerliche, im Vergleich zur gerade erst überwundenen Bedrohung durch die Kreuzfahrer ungleich verheerendere Invasion traf die muslimische Welt ins Mark. Der syrisch-orthodoxe Gelehrte Bar Hebräus sah bereits das Ende des Islams gekommen. Erst 1260 konnte der Vormarsch der Mongolen bei Ain Jalut gestoppt werden. Es war die erste unumkehrbare Niederlage der Steppenkrieger, die niemals wieder so dicht davor stehen sollten, die letzte muslimische Macht, Ägypten, zu unterwerfen. Fortan beherrschte eine neue Dynastie unangefochten das Gebiet zwischen Nil und Euphrat: Die Mamluken.

„Der Segen des Sklaventums“

Der Sieg der Mamluken über die als unbesiegbar geltenden Mongolen erschien den Zeitgenossen als ein Wunder. Und zu der Dankbarkeit über die Errettung vor heidnischem Joch gesellte sich ungläubiges Staunen, welches der islamische Gelehrte Ibn Haldun 100 Jahre später in seinen merkwürdig anmutenden Ausspruch vom „Segen des Sklaventums“ festhielt. Denn die Mamluken waren eine Kaste von Militärsklaven, geboren als heidnische Nomaden in den Steppen des Nordkaukasus. Das System der Militärsklaven gab es in der islamischen Welt seit dem 9. Jahrhundert. Doch während es ihnen im Irak schnell gelungen war, ihre militärische Sonderstellung zu nutzen um den Kalifen die reale politische Macht zu entreißen, vermieden es die Herrscher Ägyptens und Syriens lange, sich von ihren Sklavensoldaten abhängig zu machen. Es war die Zerrissenheit der islamischen Welt im Gefolge der Kreuzzüge, die schließlich den Aufstieg der Mamluken begünstigte.
Denn das von Saladin geschaffene ägyptisch-syrische Ayyubidenreich war eher eine dynastische Familien-Föderation denn ein Reich. Regelmäßig mussten sich die in Kairo residierenden Sultane gegen die Ambitionen ihrer syrischen Verwandten zur Wehr setzen, die autonom über eigene Fürstentümer herrschten.

Das Mamluken-Korps von der Nilinsel Rauda

Es war schließlich der letzte Ayyubiden-Sultan as-Salih Ayyub (1240-49), der in heftigen Clankämpfen versuchte, die politische Einheit seines Reiches dauerhaft zu sichern, der die Mamluken zum dominierenden militärischen Element ausbaute. Zu Tausenden ließ as-Salih auf den Sklavenmärkten junge Knaben aus der heidnischen Kiptschaken-Steppe einkaufen. Isoliert von der Bevölkerung und den übrigen Truppenteilen wurden sie auf der Nilinsel Rauda ein kaserniert und fortan erbarmungslos gedrillt. Doch die Mamluken waren nicht bloß die Sklaven ihres Herrn, sie waren zugleich seine Günstlinge, die unter Umständen sogar die Freiheit erlangen und selber Sklavensoldaten erwerben konnten. Wer in der Hierarchie aufstieg und sich bewährte, den erwarteten zahlreiche Belohnungen, von Gold über Posten am Hof bis zu Latifundien. Im vollen Bewusstsein eines herausragenden Sonderstatus, von frühester Kindheit an zum frommen Muslim und perfekten Soldaten erzogen, bildeten die Mamluken in der Tat einen straff organisierten, elitären Kampfverband, dessen unbedingte Loyalität ihrem Herren und ihren Kameraden galt – nicht der Dynastie. As-Salihs beste Mamluken bildeten das sogenannte Bahri-Regiment, abgeleitet von al-bahr = die Insel, in Anlehnung an ihre Kaserne inmitten des Nils.

Vom Sklaven zum Herrn

Die mamlukische Revolte ist eine Geschichte von Mord, Intrigen und Verrat, aber auch eine Geschichte der Zufälle und Gelegenheiten. Es war der plötzliche Tod as-Salih Ayyubs im Abwehrkampf gegen die Invasion des französischen Königs Ludwig IX. 1249, der einen Prozess in Gang brachte, an dessen Ende die Ayyubiden-Dynastie ausgelöscht wurde. Doch zunächst deutete nichts auf einen dynastischen Umsturz hin. Der designierter Thronfolger Turanshah, bis dahin auf Posten am fernen Tigris weilend, kehrte auf die Nachricht vom Tod seines Vaters unverzüglich nach Kairo zurück. Dort ließ er sich als neuem Sultan huldigen. Doch in seinem Gefolge brachte er seine eigenen Sklaven und Günstlinge mit. Diese plante er unklugerweise an die Stelle der Mamluken seines Vaters zu setzen, die wiederum auf Posten in den fernen Provinzen verteilt, in die Bedeutungslosigkeit abgeschoben werden sollten.
Diese Bedrohung der eigenen Stellung zwang die Mamluken zum Handeln. Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in Kairo wurde Turanshah durch al-Faris Aqtay, den Kommandeur der Bahri-Mamluken, ermordet. Es war die schiere Größe des von as-Sali geschaffenen Mamluken-Korps, die jeden Widerstand der Partei Turanshahs erstickte.

Sklaven auf dem Weg zur Macht

Ausdehnung des Mamluken-Reichs bei Baibars Tod, etwa 1279, © wikimedia commons

Ausdehnung des Mamluken-Reichs bei Baibars Tod, etwa 1279, © wikimedia commons

Die Planlosigkeit der Revolte offenbarte sich indes sofort. Es gab keinen legitimen Erben und die Mamluken selber hatten keinerlei Vorkehrungen für die Thronfolge getroffen. Schließlich huldigten sie der Witwe as-Salihs, Sajjar ad-Durr, als neuer Sultanin. Ihre Hoffnung, dass die syrischen Ayyubiden ihren Anspruch akzeptieren würden, erfüllte sich indes nicht. Der Fürst von Damaskus wurde zum Gegensultan ausgerufen und begann unverzüglich damit, ein Heer zusammenzustellen um Kairo zurückzuerobern.
Um dem noch jungen System Festigkeit zu verleihen und auch, weil ihre Legitimation viel zu schwach war, um nur die Ägypter zu befrieden, einigten sich die Mamluken auf einen Kompromisskandidaten aus ihren Reihen, der Sajjar ad-Durr heiraten sollte: Aybak. Seine Wahl vertiefte zunächst jedoch die Kluft zwischen den rivalisierenden Regimentern. Denn die Bahri-Mamluken als as-Salihs Elitetruppe, forderten die Macht für ihren Kommandeur al-Faris Aqtay. Zunächst gelang es noch, den offenen Bruch zu vermeiden, und sich ganz auf die Kämpfe mit den syrischen Ayyubiden zu konzentrieren. Kaum war Aybaks Macht indes gefestigt und die syrischen Ayyubiden 1254 endgültig aus Ägypten vertrieben, ließ er seinen Rivalen durch seinen Stellvertreter Qutuz᾽ ermorden. Die überlebenden Bahri flohen unter ihrem neuen Anführer Baibars ins Exil. Aybak selber wurde nur drei Jahre später auf Geheiß seiner Frau beseitigt, die fürchten musste, durch eine politisch opportune Heirat ihres Mannes mit einer kurdischen Prinzessin ihren Einfluss zu verlieren. Sajjar ad-Durr sollte wenig später das gleiche Schicksal ereilen. Qutuz᾽ ließ sie ermorden, inthronisierte Aybaks minderjährigen Sohn als Sultan und ernannte sich selber zu dessen Vormund. 1259, angesichts der drohenden Mongolengefahr, ließ er den Jungen unauffällig nach Byzanz abschieben und rief sich zum neuen Sultan aus.

Die Etablierung des Mamluken-Sultanats

Büste Baibars in Kairo, © wikimedia commons

Büste Baibars in Kairo, © wikimedia commons

Ungeachtet der inneren Spannungen  und Spaltungen hatten sich die Mamluken gegen alle Widerstände als neue Herren am Nil behauptet und ihren Machtbereich sogar über die Grenzen des alten Ayyubiden-Reiches hinaus nach Süden ausdehnen können. Angesichts der Wucht, mit der die Mongolen jeden Widerstand beiseite fegten und ohne Verbündeten in der muslimischen Welt, rief Qutuz᾽ nun Baibars und die Bahri nach Ägypten zurück. Die Mongolen hatten sich derweil mit den syrischen Ayyubiden verbündet, die in der Unterwerfung unter die mongolische Oberhoheit die Gelegenheit erblickten, Ägypten zurückzuerobern. Die Anstrengungen der Mamluken galten daher zunächst der Abwehr einer erwarteten mongolischen Invasion. Doch als 1260 die Nachricht Kairo erreichte, dass ein Großteil des feindlichen Heeres abgezogen worden war, übernahm Qutuz᾽ die Initiative. Er schloss ein Stillhalteabkommen mit den Kreuzfahrern in Akkon und marschierte in Palästina ein, wo es ihm mit List gelang, die Mongolen bei Ain Jalut in eine Falle zu locken. Sein dortiger Sieg markiert den endgültigen Aufstieg des Mamluken-Sultanats und, retrospektiv, das Ende der Mongolengefahr, deren Reich bald darauf in zerstrittene Teilreiche zerfiel. Qutuz᾽ konnte sich an diesem Erfolg indes nur kurz erfreuen. Nur wenige Wochen später wurde er von Baibars, dem eigentlichen Strategen hinter dem Sieg, ermordet. Nach einer Dekade institutioneller Provisorien formte Baibars aus Ägypten und Syrien ein zentralistisches Großreich. Er vernichtete die letzten Kreuzfahrer-Staaten und schuf eine Macht, die für nahezu 300 Jahre das politisch und kulturell dominierende Zentrum im Vorderen Orient bleiben sollte. Eine eigene Dynastie jedoch konnte auch er nicht begründen. Zwar bestieg sein Sohn noch den Sultansthron, wurde aber kurz darauf durch den Militärkommandeur Qalawun ermordet. Damit hatte sich endgültig das Prinzip durchgesetzt, dass der neue Sultan aus dem Kreis der einflussreichsten Militärführer bestimmt wurde.

Weiterführende Literatur: Jörg R. Keßler: Die Welt der Mamluken. Ägypten im späten Mittelalter 1250‒1517, Berlin 2004.

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