Schwarz

Geschichte einer Farbe

pngWas kann schon dran sein, an einer Farbe, dass sich ein ganzes Buch damit füllen lässt? Und dann auch noch schwarz! Newton hat es entdeckt: Schwarz ist gar keine Farbe, jedenfalls physikalisch gesehen. Und wir wissen, dass schwarz für Trauer, Eleganz, Wichtigkeit und Unglück steht, für Tod und Teufel, Buchdruck oder Magie. Was sonst ließe sich über die Farbe der Finsternis, der Kirche und der Mode noch berichten? Tatsächlich fällt dem Mittelalterhistoriker und Spezialisten für Tier-, Farb- und Kulturgeschichte, Michael Pastoureau eine Menge zur Farbe schwarz ein. Die ganze Kulturgeschichte nämlich, von der Antike bis heute. Dabei konfrontiert er den Leser mit der Erkenntnis, dass nicht nur der Symbolgehalt von Farben sondern auch ihre optische Wahrnehmung weniger von ihren physikalischen Eigenschaften oder Naturgesetzen, als vielmehr von kulturellen und technologischen Rahmenbedingungen abhängen.

Schwarz als Symbol der Fruchtbarkeit erscheint uns heute sicherlich erklärungsbedürftig. Und doch verkörperte diese Farbe bereits in der Antike neben dem Bedrohlichen der Finsternis auch die lebensspendende Eigenschaft der Erde. Schwarz gab es dabei mit jeweils unterschiedlicher Bedeutung in vielerlei Varianten. Denn die Farbe war Ausdruck mythischer Orte wie Grotten und Höhlen, beschrieb Zustände und Eigenschaften. Mit der Fähigkeit, Pigmente aus verschiedenen Stoffen herzustellen, entwickelten sich auch differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten mit der Farbe Schwarz. Eine ganze Palette von Schwarzschattierungen konnte eingesetzt werden, von deckend, glänzend, matt, bis zu verschiedenen Grautönen. Und dieser Differenzierung folgte auch die Sprache. Bei den antiken Völkern gab es zahlreiche Ausdrücke (nicht nur) für die Farbe schwarz, die neben Textur, Dichte, Leuchtkraft eben auch ihre symbolische Eigenschaft beschrieb.

Schwarz, eine Farbe mit vielen Facetten

Offensichtlich zu allen Zeiten war schwarz außerordentlich ambivalent angelegt. So auch im Mittelalter. Da begegnen den Leser die weisen Raben des Odin, die schwarzen, Demut signalisierenden Kutten der Mönche und Nonnen, obwohl im christlichen Verständnis schwarz gleichzeitig die Farbe des Bösen, des Teufels ist. Apropos Teufel. Betrachtet man die Buchmalerei, so finden sich neben schwarzen auch braune, blaue oder dunkelgrüne Teufel und Ungeheuer. Es ging also vor allem um die Präsenz des Dunklen, des Finsteren, zwischen den dunklen Farben wurde kaum differenziert. Das wesentliche Farbspektrum bestand vor allem in den Farben Schwarz (dem die dunklen Blau-, Braun- und Grüntöne zugeordnet waren), rot und weiß, wobei, wie der Autor hervorgebt, nicht etwa in erster Linie schwarz-weiß, sondern rot-weiß als farbliches Gegensatzpaar gesehen wurde.

Von der Mönchs- zur Herrschaftsfarbe

Die Rolle des Schwarz im Spektrum der Farben wandelte sich von Epoche zu Epoche. So entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert eine neue Wertigkeit schwarzer Kleidung. Dabei ging es nicht um das verwaschene schwarz der demütigen Mönchskutten. Mitte des 14. Jahrhunderts war es den Färbern nämlich gelungen, beständige, satte und attraktive Schwarztöne zu entwickeln. Das eignete sich hervorragend, um die das aufstrebende Bürgertum diskriminierenden Farbverbote im Rahmen der Luxusgesetze und Kleiderordnungen zu umgehen. Pracht und Luxus waren dem Adel vorbehalten aber auch an den Höfen Europas begann sich im Laufe des 15. Jahrhunderts das edle Schwarz durchzusetzen. Bis ins 17. Jahrhundert hüllten sich Beamte, Wissenschaftler, Kaufleute und die Obrigkeit in standesgemäß gefärbtes Tuch. In Zusammenhang mit Schwarz schafften auch Grau und Violett den Aufstieg in die Oberklasse. Dabei galt ausgerechnet Grau als Gegensatzfarbe zu Schwarz und das Violett als mit dem Schwarz eng verwandt.

Die Welt sieht schwarz

Mit dem Buchdruck entstand wieder ein neues kulturbedingtes Farbverständnis in Europa. Nun wurden Schwarz und Weiß nicht nur zum farblichen Gegensatzpaar, sondern aus drucktechnischen Gründen auch zum Farbersatz. In Holzschnitten, Gravuren oder Stichen wurden Farben in Schwarz-Weiß-Schattierungen wiedergegeben. Diese Entwicklung wiederum ging einher mit der farblichen Enthaltsamkeit, die der Protestantismus ohnehin vorgab. „Der Puritanismus beherrschte alle politischen, religiösen gesellschaftlichen und materiellen Lebensbereiche und färbte alles schwarz, grau und braun.“ Es war ein düsteres Zeitalter, wie der Autor feststellt, mit bitterer Armut, katastrophalen Klimaveränderungen, Pestepidemien und Seuchen, Angst und Hunger, das sich in allen Lebensbereichen auch farblich niederschlug.

Ein wirklich spannendes und vielschichtiges Buch

Auch wenn Schwarz auf die eine oder andere Art in der Kulturgeschichte eine gewisse Sonderstellung einnahm, so ist diese Farbe natürlich immer auch im Kontext zu den Anderen zu sehen. Im gesamten Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gilt überwiegend die aristotelische Abfolge der Farbskala Weiß, Gelb, Rot, Grün, Blau und Schwarz. Im Laufe des 17. Jahrhunderts fand allerdings – nicht zuletzt durch die Entdeckung des Lichtspektrums durch Isaac Newton – sowohl in wissenschaftlicher als auch in künstlerischer Hinsicht eine Neuordnung der Farben statt. Der Umgang mit den Farben und die Verwendung in Kunst und Kultur wird uns dabei immer vertrauter, die Symbolhaftigkeit auch des Schwarz immer weniger erklärungsbedürftig. Und trotzdem gibt es auch im 20. Jahrhundert diesbezüglich einiges für den Leser zu entdecken. Als Stichworte seien hier der Schwarzweißfilm und die Fotokunst und nicht zuletzt die Fahne der Anarchie angeführt.

Ein inhaltlich und optisch schönes Buch mit ungewöhnlichem Thema. Reichhaltig illustriert und mit der Betrachtung der Farbe unter Aspekten wie Religion, Aberglaube, Kunst, Kultur, Mode, Politik und Wissenschaft außerordentlich informativ. Macht auch Lust auf die Kulturgeschichte der anderen Farben.

Michel Pastoureau: Schwarz. Geschichte einer Farbe. Philipp von Zabern, 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 207 Seiten.

Lesen Sie auch: Kleiderordnungen in der frühen Neuzeit

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Rezension

2 Antworten zu “Schwarz

  1. das ist eine sehr inhaltsreiche Besprechung, die Lust auf mehr macht. Übrigens gibt es schon wieder eine aktuell neue Symbolik: die schwarzen Fahnen des IS. Auch fehlt, dass Schwarz eine erotische Reizfarbe ist – schwarze Unterwäsche etc. Mir kommt es so vor, als hingen die beiden Phänomene irgendwie zusammen.

    • vielen Dank für den Kommentar. Tatsächlich finden sich in dem Buch noch zahlreiche weitere Aspekte zur Farbe Schwarz, die aufzuführen die Möglichkleiten dieser Buchvorstellung gesprengt hätten, darunter natürlich auch die Erotik. Der Autor hat sich übrigens bei seiner Abhandlung auf den europäischen Kulturkreis konzentriert. Woanders haben die Farben jeweils eine ganz andere kulturelle Geschichte – ein schier unerschöpfliches Thema.

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