Jack London – eine Biographie

jack-londonMit nur vierzig Jahren verstarb der amerikanische Schriftsteller und Abenteurer Jack London am 22.11.1916. Mit seinen Abenteuerromanen der Seewolf und Ruf der Wildnis gelangte er zu Weltruhm. Sein literarisches und journalistisches Werk ist jedoch weit umfassender. Rechtzeitig zum 100sten Todestag des Autors präsentiert der Amerikanist Alfred Hornung die Biografie Jack Londons und beleuchtet dabei alle Facetten des ereignisreichen aber kurzen Lebens vor den historischen Hintergründen.

Jack London, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, lernte in Form von Kinderarbeit bereits früh die Kehrseite der industriell-kapitalistischen Entwicklung des Amerika der unbegrenzten Möglichkeiten am eigenen Leibe kennen. Diese Erfahrungen sollten ihn und sein Werk ebenso prägen wie seine Zeiten als Austernpirat, in der San Francisco Bay, als Hobo (Tramp auf Eisenbahnzügen), als Glücksritter in Alaska oder als Robbenfänger im Pazifik. London war ein hochbegabter Selfmadeintellektueller mit einem starken Drang nach dem Ursprünglichen, dem einfachen Leben, dem Abenteuer aber auch nach Bildung. Sein autodidaktisches Bildungsprogramm umfasste die Werke von Charles Darwin und Herbert Spencer, Nietzsche oder Karl Marx.

Vom Austernpirat zum Erfolgsautor

Zweifellos war Londons Philosophie von den Strömungen seiner Zeit geprägt. So lassen sich vor allem im Ruf der Wildnis und dem Seewolf sozialdarwinistische Denkmuster ausmachen, rassistische Vorstellungen über den „unentbehrlichen weißen Mann“ formuliert er noch auf seiner Segeltour entlang der pazifischen Küste. Aber trotz dieser Ideologien des Hochimperialismus, verarbeitet er ständig seine persönlichen Erfahrungen und entwickelt sich dabei zum Sozialisten und Visionär einer multiethnischen Gesellschaft. Mit 27 Romanen, 6 autobiographischen Werken, 4 Dramen, politischen Essays, Reportagen, Essaysammlungen und 196 Kurzgeschichten hat Jack London ein immenses Werk hinterlassen. Und eben dieses Werk, deren Teile immer persönliche Erfahrungen, Positionen und Denkansätze des Autors wiedergeben, bilden eine nahezu unerschöpfliche Quelle, um im Rahmen einer Biographie der Persönlichkeit und Entwicklung des Autors näherzukommen.

Gesellschaften im Umbruch

Bei der Lektüre des Buches Jack London, Abenteuer des Lebens wird deutlich, dass die gängige Reduktion des Autors auf den Abenteurer oder Sozialisten, seiner vielschichtigen Persönlichkeit und philosophischen Entwicklung nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Auch für Leser, denen das Leben Jack Londons im Großen und Ganzen vertraut ist, gibt es zahlreiche neue Perspektiven und Erkenntnisse. Das liegt sicherlich daran, dass Alfred Hornung Londons Lebensstationen und seine Werke mit den historischen Ereignissen, ideologischen Strömungen und sozialen Bewegungen in Zusammenhang stellt. Man könnte meinen, Jack Londons 100ster Todestag jährt sich gerade zur rechten Zeit. Denn es finden sich viele Parallelen zwischen damals und heute, deren es sich lohnt, bewusst zu werden

Vom Rassisten zum Weltbürger

„Finanzkrisen, ethnische Diversifizierung der Gesellschaft, das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich und der rücksichtslose Umgang mit Macht“, so formuliert es Hornung in seinem Vorwort, „haben seine Zeit ebenso bestimmt, wie unsere. Auch die alten sozialdarwinistischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Ideologien des hochimperialistischen Kolonialismus fassen wieder in der Gesellschaft Fuß. Ausgerechnet Jack London als sozialistischer Parteigänger der Arbeiterklasse, war ihr lange Zeit verfallen. Den sprachlichen Duktus des rassistischen Weltbildes seiner Zeit hatte er beibehalten, selbst, als „der angelsächsische Übermensch“ zum Weltbürger geworden war, „der eine transnationale Demokratie favorisierte“.

Gewöhnungsbedürftige inhaltliche Gliederung

Hornungs Biographie Jack Londons umfasst alles, was der Leser von einer Biographie erwarten kann. Krisen, Beziehungen, beruflicher Werdegang, Liebe, Krankheit, Tod. Aber sie ist gleichzeitig eine Literaturbesprechung. In zahlreichen längeren Passagen wird aus Londons Werken zitiert, um unter anderem seine oben beschriebenen Lebensansichten und die Art der literarischen Verarbeitung seiner Lebensstationen zu dokumentieren. Gelegentlich nehmen diese Exzerpte ein wenig Überhand. Gewöhnungsbedürftig ist ebenfalls die gewählte Struktur, die inhaltliche Doppelungen geradezu herausfordert. Da sortiert Hornung das Leben Londons in Abenteuer der Kindheit und Jugend, politische Abenteuer, Abenteuer zu Land, Abenteuer zur See, visionäre Abenteuer und Selbstbilder und schließlich ökologische Abenteuer und Weltgemeinschaft, obwohl diese Ordnung zum großen Teil in Widerspruch zur Chronologie des Lebens steht.

Ein spannendes Stück Literatur- und Weltgeschichte

Dennoch ist die Lektüre des Buches sehr empfehlenswert, denn Alfred Hornung taucht tatsächlich tief in die geistigen und sozialen Strömungen der damaligen Zeit, die Psyche des Schriftstellers und Journalisten London und nicht zuletzt die geschichtlichen Hintergründe, Entwicklungen und Widersprüche ein. Das Buch verlangt dem Leser allerdings einiges an Konzentration ab, angesichts der zahlreichen Ansatzpunkte zum Nachdenken, sicherlich kein Mangel.

Alfred Hornung: Jack London. Abenteuer des Lebens. Lambert Schneider 2016. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Rezension

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